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5.7.2011 | Von:
Volker Stollorz

Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende

Komplexität ist nicht gleich Chaos

Zuallererst kam Ostrom einem fundamentalen, in den Köpfen fest verankerten Irrtum auf die Spur. Er bestand und besteht darin, Komplexität mit Chaos gleichzusetzen. Um Chaos zu vermeiden und einer Verknappung von Gemeingütern vorzubeugen, galt es daher bislang, die auf Wähler und Konsumenten reduzierten Menschen zu beherrschen. Um die verwirrenden Welten der stetig wachsenden städtischen Zusammenballungen zu ordnen, kamen einfache ökonomische Modelle in Mode. Für den Austausch privater Güter war der Markt angeblich das optimale Regelungsinstrument. Öffentliche Güter wie zum Beispiel die städtische Wasserversorgung glaubten die Gelehrten einer starken, hierarchisch strukturierten Zentralgewalt anvertrauen zu müssen. Denn nur dort wähnte man sie sicher. Die Zentralgewalt sollte die Macht haben, Regeln zu setzen, um egoistisches Handeln zu zivilisieren und bei Konflikten den Interessenausgleich zu steuern.

Schon mit ihrer ersten Feldstudie in den 1970er Jahren konnte Ostrom beweisen, dass an dieser Logik etwas nicht stimmte. Sie fand heraus, dass kleinere und "polyzentrische" Einheiten bei der kommunalen Organisation von Gemeingütern robuster waren als zentrale Verwaltungen. Im Süden Kaliforniens drohten infolge der wachsenden Bevölkerung die Grundwasserreserven übernutzt zu werden. Dabei waren die Interessen asymmetrisch verteilt. Die Wasserbetriebe an der Küste waren von der drohenden Verknappung stärker betroffen als die Produzenten weiter im Inland, weil das Grundwasser in der Nähe des Ozeans durch einströmendes Meerwasser eher zu versalzen drohte. Ostrom stieß auf Dutzende von unterschiedlichen Strukturen und Institutionen, mit denen die Kommunen die Entnahme von Grundwasser regelten. Mehr als 500 kleine und größere Produzenten besaßen Wasserentnahmerechte, teilten sich also die knapper werdende Ressource. Eine zentrale Regelung erschien vor diesem Hintergrund nahezu unmöglich. Wie also ließen sich die widerstreitenden Interessen am ehesten befrieden? Ein verschachteltes Gemisch aus großen und kleinen Organisationseinheiten, die zum Teil autonom agierten, erwies sich einer zentralen Wasserbehörde als eindeutig überlegen - ein eklatanter Widerspruch zur orthodoxen Lehre. Lokal vernetzte Gemeinschaften in kleineren und mittleren Städten kamen mit den Herausforderungen des Wassermanagements viel besser zurecht als großstädtische Hierarchien. Sie konnten das Verhalten der Bürger relativ gut beeinflussen und die öffentlichen Kosten für die Versorgung mit Wasser unter Kontrolle halten. Offenbar stimmten Bürger, die mit den Dienstleistungen ihrer Kommune unzufrieden waren, eher "mit ihren Füßen" ab, wechselten gegebenenfalls in Nachbarschaften, in denen sie sich mit ihren Vorstellungen und Präferenzen besser aufgehoben fühlten. Gab es Probleme mit dem Service der Wasserlieferanten, ließen sich in den lokal vernetzten Gemeinschaften bestehende Verträge leichter korrigieren. In größeren Städten dagegen fanden die Unzufriedenen in den Hierarchien der zentralen Verwaltungsinstitutionen kaum noch Gehör.

Bei Feldforschungen zur Organisation von Polizeigewalt in 80 Metropolregionen stieß Ostrom auf ein weiteres Phänomen, sie bezeichnete es als "Koproduktion öffentlicher Dienstleistungen". Wieder übernahmen die Bürger in den kleineren Kommunen mit vielen lokalen Polizeistationen eine aktivere Rolle als in den Metropolen mit zentralisierten Polizeiorganisationen. Bürger meldeten lokalen Polizisten zum Beispiel eher verdächtige Aktivitäten in ihrer Nachbarschaft, fühlten sich selber dadurch sicherer. Ist ein solches Gemeinschaftsgefühl auf lokaler Ebene erst einmal zerstört, lässt es sich auf Befehl nicht wiederherstellen: In Städten, in denen die Behörden das bürgerliche Engagement gering schätzen oder sogar für irrelevant halten, reduzieren die Menschen ihre Bemühungen um den Erhalt der Gemeinschaft und die Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit erheblich. Als Resultat steigen dann längerfristig die Kosten, mit denen die Sicherheit als öffentliches Gut erhalten werden muss.

Dagegen sind Menschen sehr wohl imstande, das Steuer in einer Krisensituation aus eigener Initiative wieder herumzureißen. So geschehen bei den Hummerfischern im US-Bundesstaat Maine: In den 1920er Jahren wären dort die Hummerbestände um Haaresbreite durch Überfischung zerstört worden. In der Krise reorganisierten sich die lokalen Fischer. Über Jahre hinweg entwickelten sie eine Reihe origineller, an die örtlichen Bedingungen angepasster Entnahmeregeln, einschließlich eines effektiven Monitorings der bedrohten Hummerbestände. So einigten sich die Fischer zum Beispiel darauf, trächtige Weibchen am Schwanz mit einem "V" zu markieren und wieder freizulassen, um den Nachwuchs zu sichern. Wer sich als Hummerverkäufer oder Kunde nicht an die Spielregeln hielt, fiel durch die Markierung der Tiere auf den Märkten sofort auf. Heute zählt Maine zu den weltweit erfolgreichsten Zentren der Hummerfischerei - eine Folge der von den Fischern selbst etablierten Normen, die staatliche Fangverbote oder die Preise des Marktes nicht erzwingen konnten. Auch in anderen Regionen der Welt schufen lokale Gemeinschaften unter besonderen Umständen kooperative und verantwortliche Organisationsformen, um Gemeinressourcen nachhaltig zu bewirtschaften. Bei Feldstudien an Dutzenden von Bewässerungssystemen in Nepal konnten die Forscher zeigen, dass Reisterrassen, die von den Bauern selbstverantwortlich gemanagt wurden, weit effektiver wirtschafteten, wenn es darum ging, die Felder bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen am Berg und im Tal zu bewässern. Sie verursachten, so Ostrom, auch geringere Kosten als all die "schicken Bewässerungssysteme, die mit Hilfe der Asiatischen Entwicklungsbank oder der Weltbank errichtet wurden".[3]

Eindrucksvoll hat die Querdenkerin damit unter Beweis gestellt, dass Komplexität nicht automatisch Chaos bedeutet. Wer Ostroms Lebenswerk betrachtet, kann nur staunen über die robusten und vielfältigen Regelsysteme, mit denen Menschen gelernt haben, gemeinsame Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Ihrem klaren Blick ist es zu verdanken, dass das zarte, lange übersehene Pflänzchen der Allmende auch in den Köpfen allmählich wieder gedeiht. Die Früchte eines Jahrzehnte währenden Forschungsprogramms werden in ihrer überlebenswichtigen Bedeutung sichtbar. Und es zeigt sich: Anders als es die herkömmliche Theorie erlaubt, ist Garrett Hardins "Tragedy of the Commons" keine zwingende Regel, sondern ein Spezialfall menschlichen Handelns, der keinesfalls Allgemeingültigkeit besitzt.

Fußnoten

3.
Adam Smith, Interview mit Elinor Ostrom, 12.10. 2009, online: http://nobelprize.org/nobel_prizes/
economics/laureates/2009/ostrom-telephone.html (6.5.2011).

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