APUZ Dossier Bild

5.7.2011 | Von:
Volker Stollorz

Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende

Spielregeln für Kooperation

Das bisher Gesagte bedeutet nicht, dass verallgemeinernde Theorien der Ökonomie zum Verhalten von Menschen in Gruppen obsolet sind. Jede Wissenschaft braucht ihre Modelle, mit denen sich komplexe sozioökologische Systeme abbilden lassen. Was aber sind nun die "robusten Spielregeln" für die Lösung von komplexen Problemen? Elinor Ostrom rät zu Vorsicht: "Was auf die jeweiligen lokalen Gegebenheiten passt und im Feld maßgeschneidert wurde, funktioniert meist besser als Ratschläge, die auf sehr allgemeinen Modellen basieren." Im Übrigen sei es oft gar nicht nötig, "den Menschen Regeln für ihr Verhalten bis ins Detail vorzuschreiben". In der neuen Wissenschaft der Allmende gehe es viel mehr darum, die Bedingungen der Möglichkeit einer Kooperation auszuloten und durch lokale Experimente zu erweitern. Ostrom spricht von "potenziell produktiven Arrangements".[4] Und sie kann immerhin einige Voraussetzungen benennen, die erfüllt sein sollten, will man Gemeingüter über längere Zeiträume hinweg nachhaltig verwalten.

Aus ihrer Datenbank filterte das Team um die Ostroms acht "Design-Prinzipien" einer erfolgreichen Organisation von Gemeingütern heraus. Bei einer Analyse von 100 Feldstudien hatte sich gezeigt, dass zwei Drittel der als "robust" eingestuften Systeme die meisten dieser acht Bedingungen erfüllten, während sie bei Fehlschlägen stets fehlten. Dazu gehören zum Beispiel: eindeutige und akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzern und Nichtnutzern; Sanktionen, die sich bei wiederholten Verstößen gegen die vereinbarten Regeln verschärfen; ein präzises Monitoring der Ressource und ihrer Nutzer; lokale Arenen für eine rasche Lösung von Konflikten; ein Mindestmaß von Rechten der bürgerlichen Gemeinschaft, sich eigene Regeln zu setzen (siehe Übersicht). Um Bauern zum Beispiel in die Lage zu versetzen, über die optimale Nutzungsdichte von Tieren auf ihren Weiden zu entscheiden, kann es schon reichen, dass sie darüber von Angesicht zu Angesicht verhandeln müssen. Auch einige andere fundamentale Regeln können die Kooperation zwischen den Handelnden erleichtern. Wer die Lebenssituation der übrigen Teilnehmer zumindest schon vom Hörensagen kennt, verhält sich kooperativer. Wichtig ist es für viele, zu wissen, dass sie eine Entscheidungssituation auch ohne hohe Kosten wieder verlassen können. Es nimmt ihnen die Angst, am Ende womöglich als Trottel dazustehen, weil sie diejenigen waren, die kooperierten, während andere sich egoistisch verhielten. Bei langfristigen Projekten ist die Bereitschaft zur gemeinsamen Lösung von Problemen größer als bei einer nur vorübergehenden Zusammenarbeit. Entscheidend ist nicht zuletzt der Umgang mit Sanktionen. Extern aufgezwungene Sanktionen senken die Bereitschaft zur Kooperation. Einigen sich die Teilnehmer hingegen gemeinsam auf ein Sanktionssystem, benötigen sie meist weniger Sanktionsmechanismen, was wiederum hilft, den Nutzen der Ressource erheblich zu steigern und die Kosten der Kontrolle von Fehlverhalten zu senken. Keine der Regeln garantiert jedoch den Erfolg. Grundsätzlich gilt: Man muss es den Menschen ermöglichen, Vertrauen zueinander zu entwickeln und ihnen die nötige Zeit geben, die sie brauchen, um regional passende Spielregeln für eine nachhaltige Nutzung von Fischgründen, Wäldern, Weideländern oder Bewässerungssystemen auszuhandeln.

Übersicht: Elinor Ostroms "Design-Prinzipien" erfolgreicher Allmenden


  • 1 Abgrenzbarkeit
Es existieren eindeutige und lokal akzeptierte Grenzen zwischen legitimen Nutzern und Nichtnutzern. Ebenso gibt es klare Grenzen zwischen einer bestimmten Gemeinressource (z.B. einem See mit Fischen) und den sozioökologischen Systemen in ihrer Umwelt (Dörfer mit Wäldern, Wiesen inmitten von Bergen).

  • 2 Kohärenz mit lokalen Bedingungen
Die Regeln für die Aneignung und Bereitstellung der Ressource überfordern die lokalen sozialen und ökologischen Gegebenheiten nicht. Die Entnahmeregeln sind auf die Bereitstellungsregeln abgestimmt, die Kosten werden proportional zum Nutzen verteilt.

  • 3 Gemeinschaftliche Entscheidungen
Die meisten Individuen, die von einem bestimmten Regime der Ressourcennutzung betroffen sind, können an Entscheidungen teilnehmen, die Spielregeln des Managements festlegen oder verändern.

  • 4 Monitoring
Sind Individuen selber Nutzer oder zumindest für die Nutzung verantwortlich, beobachten und überwachen sie die Aneignung der Ressource und überwachen zeitnah ihren Zustand (z.B. können Fischer erfahren, welche Fischer wie viele Fische aus dem See fangen).

  • 5 Abgestufte Sanktionen
Sanktionen beginnen auf niedrigem Niveau, verschärfen sich aber bei wiederholten Verstößen gegen die gemeinsam vereinbarten Regeln.

  • 6 Konfliktlösungsmechanismen
Es existieren lokale Arenen für die schnelle, günstige und direkte Lösung von Konflikten zwischen Nutzern sowie zwischen Nutzern und Behörden.

  • 7 Anerkennung von Rechten
Die Regierung räumt lokalen Nutzern ein Mindestmaß an Rechten ein, sich eigene Regeln zu setzen.

  • 8 Verschachtelte Institutionen
Ist eine Gemeinressource eng verbunden mit einem umfassenden sozioökologischen System (z.B. ein Gletschersee inmitten von Bergen und Wäldern), dann werden die Regeln auf vielen ineinander verschachtelten Ebenen und nicht hierarchisch organisiert (polycentric governance).

Um bereits vorliegende sozioökonomische Systeme zunächst einmal im Hinblick auf die ihnen wirksamen Interaktionen und von ihnen erbrachten Leistungen zu studieren, werden vielschichtige Systeme "dekomponiert". Auch hierzu schlägt die Theorie der Allmende klare Aktionen vor. In einem ersten Schritt werden die "Eigenschaften" der jeweiligen Ressource ermittelt, etwa ein See mit Fischen, ein Weidegrund oder auch eine städtische Brache. Danach werden die "Einheiten" beschrieben, die dieses System hervorbringt, also etwa Fische, Wasser, oder einen Garten. Sodann müssen die potenziellen "Nutzer" des Systems definiert und schließlich die "Spielregeln" freigelegt werden, mit denen die Nutzer, also etwa Fischer, Rinderzüchter oder Gärtner, ihre Ressource managen. An welchen Normen orientieren sich lernende Individuen lokal? Wie hoch ist das Vertrauen darauf, dass sich auch andere Teilnehmer kooperativ verhalten werden? Mit Hilfe solcher Analysen, Ostrom nennt sie "Diagnostic Ontology for Social-Ecological Sustainability", könne man auch verstehen, woran und warum Systeme, so gut sie vielleicht gemeint gewesen waren, manchmal scheitern. So basierte auch die "Tragedy of the Commons" in Wahrheit auf zwei unrealistischen Annahmen: Die Weide mit den Schafen ist ein Niemandsland und kein Gemeingut. Zudem agieren die Schafzüchter in dieser Theorie anonym ohne Wissen über das Handeln der anderen.

Fußnoten

4.
Alle Zitate in diesem Absatz: Volker Stollorz, Interview mit Elinor Ostrom am 1.11.2010.

Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

Mehr lesen

Allmende nannte man früher das Gemeinschaftsgut, das allen gehörte. Dorfwiese und See zum Beispiel, Wald und Luft. Heute zählt dazu auch die Versorgung der Bürger mit Wasser, Strom und Bildung. Im Zuge neoliberaler Politik und klammer Kassen haben aber immer mehr Kommunen in den letzten zwei Jahrzehnten beschlossen, ihre öffentlichen Güter an Privatleute und Investoren zu verkaufen.

Mehr lesen auf dradio.de