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5.7.2011 | Von:
Volker Stollorz

Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende

Keine Patentrezepte

Inwiefern sich Elemente der Allmende etwa in Prozesse einer polyzentrischen Stadtplanung integrieren ließen, wäre eine eigene Untersuchung wert - gerade auch nach den Erfahrungen der Bürgerproteste um "Stuttgart 21". So deuten Gemeingüter-Aktivisten die Demonstrationen gegen den Bahnhofsumbau in der schwäbischen Metropole auch als "Prozess der Wiederaneignung und Wiedergewinnung städtischer Gemeingüter".[5] Die Allmende belebt die Phantasie mittlerweile an vielen Orten, und die kreativsten Ideen finden sich oft dort, wo sich Menschen von Staat und Markt verlassen fühlen. Aber schon ein Blick durch die Brille der Allmende kann in einer Stadt originelle Lösungen zu Tage fördern. Wenn es in Boston im Winter heftig schneit und die Straßen nicht geräumt werden, ist es in einigen Stadtvierteln gängige Praxis, alte Möbelstücke auf vom Schnee befreiten Flächen zu stellen, um so den eigenhändig freigeschaufelten Parkplatz zu markieren. Die Menschen in manchen Stadtteilen haben sich gemeinsam auf dieses Verfahren der vorübergehenden Aneignung geeinigt - bis der Schnee schmilzt. Ein alter Stuhl wird so zeitweise zum Gemeingut, der ein Recht auf einen Parkplatz als Ergebnis einer gemeinsamen Übereinkunft markiert.

So ein Ergebnis ist weit entfernt von jeder Form der Sozialromantik, die glaubt, es reiche schon, wenn nur alle Macht vom Volke ausgeht. "Es gibt heute viele Versuche, Verantwortung zu dezentralisieren, meist mit einer rigiden Formel, bei der man Menschen Regeln an die Hand gibt und sagt: 'So, die Ressource gehört jetzt euch'", erklärt Ostrom.[6] Doch so einfach lassen sich die Probleme nicht lösen. Im Kern richtet sich die neue Theorie der Allmende ja gerade gegen jede Form von Patentrezepten. Ebenso wenig ist der gemeinschaftliche Umgang mit Gemeingütern eine Garantie für ein bürgerschaftliches Idyll, da Menschen stets um die beste Lösung miteinander ringen müssen und dabei Interessenkonflikte unvermeidlich sind. Und sie schafft auch nicht das Drama der Allmende aus der Welt, das sich immer dann ereignet, wenn Menschen eine Art von Niemandsland ausbeuten, an dem niemand irgendwelche Rechte besitzt und wo sich die Nutzer untereinander nicht kennenlernen. Ein Beispiel dafür ist die Gier von internationalen Fischfangflotten, sogenannte roving bandits, die Küstengewässer leer fischen und damit den lokalen Fischern die Lebensgrundlage entziehen. Nach gleichem Muster wirken auch neue Märkte, die die Ausbeutung von Ressourcen in einem so hohen Tempo vorantreiben, dass lokale Institutionen und Gemeinschaften davon schlicht überwältigt werden.

Umso wichtiger ist es zu wissen: Es gibt ihn längst, den dritten Weg - ein Alternativmodell zur modernen Saga vom ewigen Elend der Egoisten, die aus Eigennutz die Umwelt zerstören. Es gibt Fischer, die ihre Gewässer auch ohne staatliche Fangquoten nicht überfischen. Es gibt die nepalesischen Reisterrassen, auf denen Bauern seit Jahrhunderten knappe Wasserressourcen fair verteilen, ganz ohne Eigentumsrechte, die es Besitzern erlauben würden, Grund und Boden als Privateigentum zu veräußern. Und es hat auch Regenwälder gegeben, die nachhaltig genutzt wurden - bis Politiker und kommerzielle Holzfirmen zum Kahlschlag der wertvollen Ressource bliesen.

Fußnoten

5.
Volker Stollorz, Interview mit Silke Helfrich am 15.1.2011.
6.
V. Stollorz (Anm. 4).

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