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5.7.2011 | Von:
Volker Stollorz

Elinor Ostrom und die Wiederentdeckung der Allmende

Vom "Wutbürger" zum Teilhaber

Die Botschaft würde demnach lauten: Menschen, die im Dilemma einer drohenden Übernutzung von Ressourcen stecken, sind nicht zwingend auf eine externe Autorität angewiesen, um sich aus der "Tragedy of the Commons" wieder zu befreien. Was sie brauchen, sind Arenen, auf denen sie miteinander interagieren und dabei lernen können, sich gegenseitig zu vertrauen. Erhalten sie zuverlässige Daten über den Zustand der Ressource, ist ein gutes Monitoring etabliert, besteht die Gelegenheit für den Einsatz neuer Werkzeuge und die Möglichkeit, sie an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen, dann sind Menschen zwar nicht immer, aber doch häufig in der Lage, die "Tragik der Allmende" in ein Geschehen zu verwandeln, das ein gutes Ende finden kann. Manchmal hilft auch einfach moderne Technik eine Übernutzung zu verhindern, indem etwa Hochseefischer ihren Fang per Satellitentelefon an eine Zentrale melden, über die alle anderen Fischer erkennen können, wie viel Fisch von wem aus dem Meer geholt wird und ob das die Bestände gefährdet.

Zu lange haben Ökonomen die Fähigkeit von Menschen zu kooperativem Verhalten in komplexen Situationen unterschätzt. Worauf Ostrom letztlich ihr Zutrauen gründet, dass Menschen sich freiwillig in bestimmten lokalen Kontexten sehr wohl an Regeln halten, obwohl sie damit ihre eigene Nutzenmaximierung begrenzen? Hier wird die Nobelpreisträgerin fast schon philosophisch: "Es gibt gewichtige Belege dafür, dass die Menschen eine ererbte Fähigkeit besitzen, zu lernen, Reziprozität und soziale Regeln so zu nutzen, dass sie damit ein breites Spektrum sozialer Dilemmata überwinden können."[7] Es gilt, die Früchte solcher Erkenntnisse zu pflücken. Ostroms "polyzentrischer Ansatz" könnte womöglich sogar bei der Bewältigung einer der Menschheitsfragen im 21. Jahrhundert helfen, dem globalen Klimawandel. Anstatt auf internationale Abkommen zu warten oder über marktwirtschaftliche Patentlösungen zu diskutieren, kann man die Atmosphäre auch als Gemeinressource begreifen, die vom Energiehunger aller bedroht wird. Um kollektives Verhalten optimal zu zivilisieren, sei es sinnvoll, sich gemeinsam mit anderen Menschen in großen, mittleren und kleineren Organisationen zu engagieren, um originelle Lösungen vor Ort zu finden. Auch internationale Politik brauche am Ende lokale und regionale Handlungen sowie eine Vollstreckung der Maßnahmen.

Ein typisches Beispiel für "Allmende"-Strategien im Sinne Ostroms ist ein Versuch der kalifornischen Stadt Sacramento. Dort verschickte der lokale Energieerzeuger Informationen an alle Haushalte, wie sich ihr Energieverbrauch im Vergleich zu effizienten Verbrauchern in der Nähe oder zu dem aller Nachbarn darstellt. Schon die einfache Rückmeldung über das eigene Verhalten in Relation zu den Nachbarn motivierte Bürger zum Energiesparen. Die meisten Haushalte verringerten ihren Verbrauch. Bevor sie warten und auf globale, rechtlich bindende Patentlösungen hoffen, sollten Menschen und Institutionen laut Ostrom lieber an vielen Orten mit polyzentrischen Experimenten für den Klimaschutz starten. "Ein stärkeres Engagement Wege zu finden, wie individuelle Emissionen reduziert werden könnten, ist ein wichtiges Element, um den Klimawandel besser zu bewältigen."[8] Oder, um noch einmal das Nobelpreis-Komitee zu zitieren: Die Zukunft des Menschen gehört der "Organisation von Kooperation".

Dieser Beitrag beruht auf einem Artikel für die Montag Stiftung Urbane Räume (Bonn), der im Juni 2011 in "Polis. Magazin für Urban Development" erschien.

Fußnoten

7.
Ebd.
8.
Elinor Ostrom, A Polycentric Approach for Coping with Climate Change, in: World Bank Policy Research Working Paper, (2009) 5095, S. 39.

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