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5.7.2011 | Von:
Silke Helfrich
Felix Stein

Was sind Gemeingüter? - Essay

Eine "tragische" Metapher

"Es ist also von höchster Relevanz, welche Metaphern wir in der politischen Sprache benutzen, denn sie entscheiden darüber, was wir - Sprecher und Hörer - denken. Und was wir nicht denken, weil es in der gewählten Metapher nicht vorkommt." (George Lakoff)[2]

Mit dem Erscheinen des berühmt gewordenen Aufsatzes "The Tragedy of the Commons", den der Biologe Garrett Hardin Ende der 1960er Jahre im einflussreichen Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte, hat eine gebetsmühlenartige Wiederholung seiner These eingesetzt. Sie lieferte dem wenige Jahre später beginnenden Umschwung weg vom steuer- und steuerungsfreudigen Keynesianismus hin zu Privatisierung, Deregulierung und Laissez-faire ein Stück seiner Essenz.

In besagtem Aufsatz, der eigentlich der Analyse des globalen Bevölkerungswachstums galt, hat Hardin ein machtvolles Bild herangezogen. Es begann mit den Worten "Picture a pasture open to all ...": Man stelle sich eine Weide vor, auf die zahlreiche Herdenbesitzer ihre Schafe treiben können. Jeder Einzelne, so spekulierte Hardin, würde in dieser Situation seiner Herde zum Zwecke der individuellen Nutzenmaximierung stets neue Schafe hinzufügen. Eins ums andere. Grenzenlos. Dabei realisierten sich die Vorteile dieser Handlungen für den Einzelnen sofort und in Gänze. Die entstehenden Kosten hingegen, also die letztlich resultierende Überweidung, hätten sich alle zu teilen. Auf diese Weise würden als Ergebnis "rationalen Handelns" die Gewinne für den Einzelnen privatisiert, Verluste aber sozialisiert. Die von Hardin gezeichnete Dynamik folgt daher zwangsläufig einem tragischen Muster. Sie beschreibt die Situation der Herdenbesitzer als klassisches Gefangenendilemma, also als ein System, in welches ein jeder "eingeschlossen" sei und das jeden Beteiligten nötige, "seine Herde in einer begrenzten Welt grenzenlos zu erweitern". In der Unausweichlichkeit der Überweidung bestehe die Tragik der Allmende. Hardins kompromissloses Fazit lautete deshalb: "Die Freiheit in der Allmende ruiniert alle."[3]

Als Ausweg zeichnet der Autor im Wesentlichen zwei Optionen: einerseits den Verkauf und die Verwandlung der Weide in Privateigentum, andererseits das Festhalten an staatlicher Kontrolle bei klarer Zuweisung der Nutzungsrechte. In jedem Fall aber seien Zwang oder Kontrolle von außen erforderlich, um das tragische Schicksal der Gemeinressource abzuwenden. In der Praxis haben sich jedoch diese "Lösungen" nicht immer bewährt. Mehr noch, in den vergangenen Jahrzehnten haben weder Markt noch Staat es vermocht, der dramatischen Übernutzung von Ressourcen tatsächlich Einhalt zu gebieten. Ausnahmen - etwa bei der Sanierung deutscher Flüsse - bestätigen die Regel. Aber auch in der Theorie hapert es. Die Metapher vernachlässigt, dass Menschen über die Auswirkungen ihrer Handlungen reflektieren können und dies auch tun. Sie ignoriert, dass wir Probleme erkennen und miteinander kommunizieren. Dadurch wird in Hardins Metapher den Menschen von vornherein die Möglichkeit abgesprochen, eine Weide - und viele andere kollektiv zu nutzende Ressourcen - gemeinschaftlich und selbstbestimmt im langfristigen Interesse jener zu bewirtschaften, die direkt davon abhängen. Des Weiteren reproduziert Hardin die weit verbreitete Auffassung, die Allmende sei niemandem zugehörig, und in ihr könne sich jeder alles nehmen. Schon 1954 hatte der Ökonom Scott Gordon angesichts der drohenden Überfischung der Meere diesen Gedanken bemüht, und der Satz "Jedermanns Eigentum ist niemandes Eigentum" erlangte Berühmtheit.[4] Doch "Gemeineigentum ist nicht jedermanns Eigentum", konterten die Ressourcen-Ökonomen Siegfried von Ciriacy-Wantrup und Richard Bishop zu Recht.[5] Vielmehr wird durch die Auseinandersetzung mit der historischen und modernen Allmende klar, dass für sie gemeinsam vereinbarte Zugangs- und Nutzungsregeln charakteristisch sind. Man kann sie als spezifische Ausdrucksform(en) des menschlichen Naturverhältnisses und der Sozialbeziehungen verstehen. Die Allmende ist also an Nutzergruppen "gebunden", die ihrerseits Nutzungsregeln vereinbaren (eine dieser Regeln kann sein, dass das betreffende Gut auch allen anderen zugänglich ist).

Hardin beschrieb daher die "Tragik eines Niemandslands" und nicht die "Tragik der Allmende". In diesem Punkt gab der Autor später seinen Kritikerinnen und Kritikern Recht. Er bezeichnete den vielfach zitierten Essay fortan als Analyse der "Tragik der unverwalteten Gemeinressourcen" - eine Korrektur, die es nicht bis in wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehrbücher geschafft hat.[6] Dabei liegt gerade hier ein entscheidender Schlüssel zur Abgrenzung und zum Verständnis des Konzepts der Commons. Sie sind kein Niemandsland!

Die in der akademischen Auseinandersetzung gelungene Aufdeckung der Schwächen der Hardin'schen Analyse wirkte sich auf deren Rezeptionsgeschichte im Zuge weltweiter neoliberaler Missionierungstätigkeiten kaum störend aus. Vielmehr schienen mit dem Zerfall des Ostblocks ab 1989 die Tristesse, die am Boden liegende Ökonomie und der offensichtliche ökologische Niedergang zu bestätigen, was jedermann dünkte: Gemeineigentum verwüstet. Wer diesen Gedanken allerdings mit der Allmende in Verbindung bringt, ist einer weiteren grob irreführenden Verkürzung aufgesessen. Fremdbestimmte kollektive Verwaltungsformen sind nicht Kern der institutionellen Vielfalt der Allmende. Wenn ein Staat kollektive Ressourcen schützt und verwaltet, ist dies als spezifisches institutionelles Arrangement zu sehen, nicht aber als zentrale Eigenschaft der Allmende. Überhaupt verbietet sich eine Gleichsetzung der Allmendeidee mit einer bestimmten Eigentumsform.

So liegt denn auch die eigentliche Tragik von Hardins These darin, dass seine abstrakte Analyse seit den 1970er Jahren unkritisch auf zahlreiche Situationen kollektiver Ressourcenbewirtschaftung übertragen wurde, obgleich es schwierig ist, "eine Passage vergleichbarer Länge und Berühmtheit zu finden, die so viele Fehler enthält", so der Ökonom Partha Dasgupta über den maßgeblichen Abschnitt des Essays.[7] Das Bild der übernutzten Allmendeweide, die Fixierung auf ein Menschenbild als kurzsichtigen homo oeconomicus sowie auf fremdbestimmte Lösungen hielten privilegierten Einzug in die Fachliteratur. Es schlich sich, um mit dem Kognitionsforscher und Linguisten George Lakoff zu sprechen, "auf leisen Sohlen ins Gehirn".[8]

Fußnoten

2.
George Lakoff/Elisabeth Wehling, Auf leisen Sohlen ins Gehirn. Politische Sprache und ihre heimliche Macht, Heidelberg 2008, S. 31.
3.
Garrett Hardin, The Tragedy of the Commons, in: Science, 162 (1968) 3859, S. 1243-1248. Vgl. ders., Die Tragik der Allmende, in: Michael Lohmann (Hrsg.), Gefährdete Zukunft. Prognosen angloamerikanischer Wissenschaftler, München 1970, S. 30-48.
4.
Scott H. Gordon, The Economic Theory of a Common-Property Research: The Fishery, in: The Journal of Political Economy, 62 (1954) 2, S. 124-142, hier: S. 135, online: www.econ.ucsb.edu/~tedb/Courses/
Ec100C/Readings/ScottGordonFisheries.pdf (20.5.2011).
5.
Siegfried von Ciriacy-Wantrup/Richard C. Bishop, Common Property as a Concept in Natural Resources Policy, in: Natural Resources Journal, 15 (1975) 4, S. 713-727.
6.
Vgl. Garrett Hardin, Extensions of "The Tragedy of the Commons", in: Science, 280 (1998) 5364, S. 682f.
7.
Partha Dasgupta, The Control of Resources, Oxford 1982.
8.
G. Lakoff/E. Wehling (Anm. 2).

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