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5.7.2011 | Von:
Silke Helfrich
Felix Stein

Was sind Gemeingüter? - Essay

Der Mensch als Commoner

Mit unserer Art zu sprechen beschreiben wir nicht nur die Welt, wir erschaffen sie auch. Als gesellschaftswissenschaftlicher Begriff wird somit die Rede von den "Gemeingütern" oder "Commons" die Welt ein Stück verändern. Der Begriff soll sich genau den tragischen Veränderungen entgegenstellen, in denen sich das Menschenbild des individuellen Nutzenmaximierers seit Jahrzehnten zunehmend manifestiert. Die Suche nach einem geeigneten Vokabular und Oberbegriff für die Mannigfaltigkeit der menschlichen Naturbeziehungen und Naturverständnisse sowie für die vielfältigen Produkte unseres kreativen Schaffens ist demnach alles andere als banal. Wir brauchen dafür eine Sprache, die nicht romantisiert, wohl aber die Komplexität des menschlichen Daseins zu schätzen weiß und die Idee eines selbstbestimmten, nicht monopolisierenden und nachhaltigen Umgangs mit kollektiven Ressourcen transportiert.

Ein Beispiel für das Gegenteil, also die Verwirklichung der Weltsicht, die jener der Gemeingüter entgegensteht, ist der Versuch der norwegischen Regierung, den Kabeljaufang im Atlantik zu modernisieren und staatlich zu kontrollieren.[16] In diesem Prozess werden in ihren Gemeinschaften und Lebensorten verwurzelte Fischer zu Profiteuren gemacht. Hier wird der "individuelle Nutzenmaximierer" buchstäblich konstruiert, Fische werden zu mess- und steuerbaren Einkommensquellen reduziert, und der Fang selbst wird einem staatlich kontrollierten System individuell handelbarer Fangquoten angepasst. Dabei sollen diese handelbaren Quoten (ITQ) im Grunde nur dabei helfen, die Fangmengen zu regulieren. Jeder Fischer bekommt individuelle Quoten zugeteilt, die er mit anderen Fischern handeln kann. In der Praxis führt das dazu, dass relativ "unwirtschaftlich" arbeitende Fischer oder Betriebe ihre Quoten verkaufen, während "wirtschaftlichere" Betriebe Quoten hinzukaufen. Langfristig hat dies eine enorme Konzentration der Fangquoten auf wenige Fischereibetriebe zur Folge.[17] Mit Gerechtigkeit hat das wenig zu tun. Zudem werden auf diese Weise die Akteure "auf leisen Sohlen" jenem Menschenbild angepasst, das die klassische Wirtschaftswissenschaft, die tendenziell von der Tragik der Allmende überzeugt ist, bei der Erfindung der Fangquoten vor Augen hatte.[18]

Der Begriff der Commons hingegen setzt ins Bild, dass wir grundsätzlich gleichberechtigte Menschen sind, deren Teilhabeanspruch an Gemeinressourcen in diesem Menschsein begründet ist. Er sperrt sich dagegen, dass wir uns auf die Rolle des Produzenten und die Ergebnisse unseres Tätigseins auf die Dimension marktfähiger Produkte reduzieren lassen.

Fußnoten

16.
Vgl. Jahn Petter Johnsen et al., The Cyborgization of the Fisheries: On Attempts to Make Fisheries Management Possible, Tromsø 2009.
17.
Vgl. Silke Helfrich, Glossar, in: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen, München 2011, S. 103.
18.
Vgl. Petter Holm, Which Way is Up on Callon? A Review of a Review: Daniel Miller's "Turning Callon the right way up." On Michel Callon: The Laws of the Markets, unveröff. Manuskript, Tromsø 2002.

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