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5.7.2011 | Von:
Gerhard Scherhorn

Die Welt als Allmende: marktwirtschaftlicher Wettbewerb und Gemeingüterschutz

Übernutzung der Gemeingüter

Das bisherige Wirtschaftswachstum ist seit einem halben Jahrhundert in solchem Maße auf die Übernutzung der Gemeingüter gestützt, dass wir heute vor einer katastrophalen Erderwärmung, einer bedrohlichen Verknappung der naturgegebenen Rohstoffe, einer fortschreitenden Zerstörung des fruchtbaren Bodens und einer Dezimierung der Fischvorkommen in den Weltmeeren stehen. Wir verzehren die Ressourcen, die Produktionsgrundlagen, die Gemeingüter, weil wir sie übernutzen. Übernutzung heißt, dass regenerierbare Ressourcen schneller aufgezehrt werden als sie nachwachsen, und dass nichtregenerierbare Ressourcen schneller verbraucht als wiedergewonnen bzw. durch die Entwicklung von erneuerbaren Ressourcen ersetzt werden. Übernutzung geschieht, weil Unternehmen, Behörden und private Haushalte Aufwendungen unterlassen, die nötig wären, um die von ihnen genutzten Ressourcen zu erhalten - genauer: sie zu schonen, wiederzugewinnen oder zu ersetzen. Das Unterlassen erspart ihnen Kosten, aber zu Lasten der Gemeingüter. In diesem Sinn werden die unterlassenen Aufwendungen "externalisiert".

Im Oktober 2010 hat die britische Firma Trucost in einer Auftragsstudie für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) allein die auf das Naturkapital abgewälzten "environmental costs from global human activity" für 2008 auf rund elf Prozent des Weltsozialprodukts geschätzt; bei Fortsetzung des "business as usual" sieht Trucost die auf die Natur externalisierten Kosten bis 2050 auf 18 Prozent ansteigen.[2] In mindestens solchen Größenordnungen werden Kosten auf Gemeingüter externalisiert, werden Investitionen zur Erhaltung der naturgegebenen Gemeingüter (des Naturkapitals) also unterlassen, die bei der Erstellung des Sozialprodukts abgenutzt worden sind, wie zum Beispiel der verschmutzte Boden über den Erdölquellen, die durch das Abklappen von Altöl und durch die Ölverluste der Bohrinseln geschädigte Meerflora, die Schädigung der Wälder und Bauten durch den "sauren Regen", die Umweltverschmutzung durch weggeworfene Kunststoffverpackungen, die Verknappung naturgegebener Rohstoffe, weil sie nicht wiederaufbereitet, sondern zu Abfall werden.

In der Trucost-Schätzung sind die auf das Sozialkapital abgewälzten Kosten noch gar nicht enthalten, weder die Ausbeutung von Arbeitskräften noch die Schädigung der menschlichen Gesundheit, noch die Marginalisierung der durch Produktivitätssteigerung "überflüssig" gewordenen Arbeitskräfte, die bei flexibler Arbeitszeitverkürzung weiterbeschäftigt werden könnten, oder der jungen Menschen, die keine Bildungs- und Beschäftigungschancen bekommen. Vermutlich ginge man nicht fehl, wenn man für all das die Größenordnung von wenigstens neun Prozent des Weltsozialprodukts ansetzte, so dass die unterlassenen Gemeingüter-Ersatzinvestitionen heute insgesamt einem Fünftel des Sozialprodukts entsprächen.

Diese Größenordnung - rund 20 Prozent des Sozialprodukts - führt uns vor Augen, in welchem Ausmaß die Ausbeutung der allen gemeinsamen Lebens- und Produktionsgrundlagen des Natur- und Sozialkapitals einen Substanzverzehr bewirkt, der die Gemeingüter entwertet und ihre künftigen Erträge vermindert, aber den Absatz der Produkte sowie die Gewinne der Unternehmen überhöht, verglichen mit dem, was bei nachhaltiger Entwicklung erzielt würde. Der Mythos des Privateigentums hat verhindert, dass die Gemeingüter vor Übernutzung geschützt werden. Laut Paragraf 903 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB) können Eigentümer mit ihren Sachen "nach Belieben verfahren". Sie können aus ihrem Eigentum heraus auf Gemeingüter zugreifen: aus ihren Gärten auf den Boden und das Grundwasser darunter, die Vegetation darauf und den Luftraum darüber, aus ihren Schiffen auf die Flora und Fauna der Meere, aus ihren Produktionsanlagen auf die Atemluft, das Klimasystem, die Gesundheit und anderes mehr. Und von einigen Ausnahmen abgesehen hindert sie niemand an der Übernutzung. Dies betrifft nicht nur einige Gemeingüter, sondern alle. Sie werden überstrapaziert, weil sie auf Märkten verwertet werden, vor allem den Märkten des Fernhandels, in die aber heute auch die allermeisten Binnenmärkte einbezogen sind. Es gilt also, die Marktteilnehmer von der Übernutzung abzubringen.

Fußnoten

2.
Vgl. Principles for Responsible Investment/UNEP Finance Initiative, Universal Ownership. Why Environmental Externalities Matter to Institutional Investors, October 2010, S. 3, online: www.unepfi.org/fileadmin/documents/
universal_ownership_full.pdf (17.6.2011).

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