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5.7.2011 | Von:
Gerhard Scherhorn

Die Welt als Allmende: marktwirtschaftlicher Wettbewerb und Gemeingüterschutz

Allmendeprinzip und globale Gemeingüter

Die Gemeingüter, die von Märkten übernutzt werden, gehören meist zur Kategorie der noch im vorigen Jahrhundert als "freie Güter" betrachteten open access resources oder global commons (im Folgenden "globale Gemeingüter"), die wie die Atmosphäre, das Klimasystem, die Weltmeere oder das Internet einer unbegrenzten Anzahl von Nutzerinnen und Nutzern zugänglich sind. Die Bezeichnung "Allmende" dagegen wird bisher eher mit der Bewirtschaftung von common pool resources oder local commons ("lokalen Gemeingütern") verbunden, also mit der Wahrnehmung des gemeinsamen Nutzungsrechts einer meist lokal begrenzten Anzahl von Nutzern zum Beispiel an einem Stück Land oder Wald, an einer Bewässerungsanlage oder einem Fischteich.

"Allmende" war ursprünglich auf die Selbstverwaltung solch lokaler Gemeingüter begrenzt, auf die Einigung der Nutzer auf Regeln maßvoller Inanspruchnahme, auf gegenseitige Überwachung und auf Sanktionen gegen Übertretung. Diese Begrenzung des Geltungsbereichs lag im Grunde daran, dass es eine erhaltende Bewirtschaftung von globalen Gemeingütern noch gar nicht gab, von einer Regelung des Fernhandels ganz zu schweigen. Hätte es sie gegeben, so wäre manche Umweltzerstörung unterblieben, wie man sie etwa an den verkarsteten Flächen um das Mittelmeer ablesen kann.[3] Heute wird das Wort "Allmende" auch auf eine Selbstverwaltung globaler Gemeingüter - im Gegensatz etwa zum staatlich verordneten Gemeingüterschutz durch Reservate oder Zwangsabgaben - angewendet,[4] und das hat seine Berechtigung. Warum sollte das Prinzip der Mäßigung der Ansprüche durch gegenseitige Überwachung nicht auch globale Gemeingüter effektiver vor Übernutzung schützen als das Befehlsprinzip?

Gewiss kann für globale Gemeingüter nur der Staat, ein Staatenbund wie die Europäische Union (EU) oder eine internationale Organisation wie die Welthandelsorganisation (WTO) die Regeln festlegen und Sanktionen gegen Regelverstöße verhängen, wogegen die Regeln für lokale Gemeingüter auch durch Vertrag zwischen den Nutzern fixiert werden können. Doch hier endet der Unterschied bereits. Denn die Überwachung, ob die Regeln eingehalten werden, ist auch in Bezug auf globale Gemeingüter von den Nutzern selbst zu leisten. Staatliche Bürokratien können diese Aufgabe meist weder effizient noch effektiv erledigen. Das monitoring durch Nutzer jedoch erfolgt dezentral und beiläufig, als Nebeneffekt der laufenden Geschäfte; auf Märkten durch Konkurrenten und Abnehmer, die das gleiche Gemeingut unmittelbar oder mittelbar auch selbst nutzen, außerdem durch Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich dafür verantwortlich fühlen. In allen hält diese Aufgabe das Gefühl wach "Dies ist meine bzw. unsere eigene Angelegenheit"; und sie gibt niemandem Anlass, sich innerlich gegen eine fremdbestimmende Autorität aufzulehnen.

So kann die Überwachung durch die Nutzer selbst in die Bewirtschaftung landes- oder weltweiter globaler Gemeingüter ein Allmende-Element der Selbstverwaltung hineintragen, und das umso besser, je mehr sich unter Marktteilnehmern und Marktbeobachtern lokale und regionale Netzwerke bilden: Verbände, Kammern, Ausschüsse, Initiativen. Die Existenz solcher Netzwerke kann sowohl die Effizienz als auch die Effektivität der Überwachung erhöhen, denn diese bilden Elinor Ostrom zufolge ganz von selbst ein potenzielles Instrument des monitoring. Die Nutzer brauchen es nur zu aktivieren, sobald sie ein Motiv dazu haben. Und das haben sie, wenn sie ihr Eigeninteresse oder das Allgemeininteresse durch die Übernutzung benachteiligt fühlen und wenn es eine wirksame Möglichkeit gibt, Sanktionen gegen Übernutzung zu verhängen oder bei Behörden oder Gerichten einzuklagen. Was sich dann an dezentraler Überwachung des Gemeinguts herausbildet, hat ein Element von Selbstverwaltung. Und deshalb erscheint es sinnvoll, in solchen Fällen auch für globale Gemeingüter den Allmende-Begriff zu verwenden.

Fußnoten

3.
Vgl. Karl-Wilhelm Weeber, Smog über Attika. Umweltverhalten im Altertum, Zürich 1990.
4.
So Silke Helfrich im Vorwort in: Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, München 2009, S. 9.

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