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5.7.2011 | Von:
Werner Meinefeld

Umweltschutz im Alltag: Probleme im Umgang mit Gemeingütern

Grenzen der Aufklärung

Es gibt vermutlich nur wenige Menschen, die wissentlich und willentlich umweltgefährdend handeln - wenn es denn anders geht! Angesichts einer weit verbreiteten Akzeptanz der These von der Gefährdung unserer natürlichen Umwelt darf bei der Mehrheit der Bevölkerung die grundsätzliche Bereitschaft zur Umweltschonung unterstellt werden. Was also hindert uns daran, uns entsprechend zu verhalten? Dieser Frage soll in neun Thesen und einer Zwischenbilanz nachgegangen werden.

1. Eingeschliffene Verhaltensroutinen stehen einer ökologischen Umorientierung entgegen. Der Mensch ist ein "Gewohnheitstier" - und dies aus gutem Grund. Im Unterschied zu den Tieren ist der Mensch durch Instinktarmut gekennzeichnet: Der größte Teil seines Verhaltens ist nicht durch ererbte Verhaltensmuster gesteuert, sondern in einem langen Lernprozess in Auseinandersetzung mit seiner sozialen und materiellen Umgebung erworben worden. Soziale Regeln und Routinen helfen ihm, ohne störend lange Entscheidungsprozesse in einer gegebenen Situation angemessen zu handeln. Diese Routinen zu ändern kostet Kraft und Aufmerksamkeit, die im Alltag nur bei großem Problemdruck aufgebracht werden.

2. Das Wissen um ökologische Zusammenhänge ist punktuell, unsicher und vorläufig. Die Forderung nach Verhaltensänderung baut auf neuem Wissen auf, das die Umweltgefährdung des alten Verhaltens ebenso aufzeigen muss wie die mögliche Alternative und deren Gewinn für die Umwelt. Dieses neue Wissen wurde und wird aber nicht systematisch vermittelt und erworben, sondern von verschiedensten Quellen (Medien, Organisationen, Einzelpersonen) verbreitet und damit unsystematisch und zufällig aufgenommen. Viele Lücken bleiben, auch Widersprüche, und nicht selten erweist sich das, was gestern richtig erschien, heute als umweltpolitisch nicht unbedenklich.

3. Es muss die Gelegenheit bestehen, umweltschonendes Verhalten umzusetzen. Diese Erkenntnis ist banal und dennoch von zentraler Bedeutung. Jede kollektive Verhaltensumstellung bedarf institutioneller Möglichkeiten, um überhaupt umgesetzt werden zu können. Solange es (z.B. in manchen Großstädten) an der dritten Mülltonne fehlt, werden biologische Abfälle nicht vom Restmüll getrennt werden können, und solange es keine ausreichenden Angebote für den öffentlichen Nahverkehr in ländlichen Regionen gibt, ist der Einzelne auf das private Auto angewiesen.

4. Die Umweltgefährdung ist eine (zumindest hier und jetzt noch) abstrakte Bedrohung, die zudem nur begrenzt direkte persönliche Betroffenheit begründet. Die Umweltgefährdung ist schleichend gekommen, oft nicht einmal direkt beobachtbar, und sie zeigt für den Einzelnen hier und heute nur sehr begrenzt unmittelbare negative Auswirkungen, die ihr eindeutig zugeschrieben werden können. Daher sind nur wenige bereit, aufgrund abstrakter (und zudem von Interessengruppen immer wieder in Frage gestellter) Bedrohungsszenarien persönliche Konsequenzen zu ziehen.

5. Umweltschutz steht in Konkurrenz zu anderen Zielen. Fast immer müssen wir bei unseren Handlungsentscheidungen verschiedene Bedürfnisse und Anforderungen gegeneinander abwägen, und kein einzelnes Ziel kann dauerhaft alle anderen dominieren. In dieser Konkurrenz der Bedürfnisse und Anforderungen liegt eine wesentliche Erklärung für das so oft zu beobachtende Nebeneinander umweltbewusster Einstellungen und umweltschädigenden Verhaltens bei ein- und derselben Person.

6. "Mechanismen der Neutralisierung" erleichtern das Ignorieren umweltbezogener Verhaltensanforderungen. Dies betrifft nicht nur die Tatsache, dass man ja "nicht genau weiß, was man denn nun eigentlich tun soll" - oft genug weiß man es durchaus, kann sich der grundsätzlich als legitim anerkannten Forderung aber dadurch entziehen, dass man (vor sich selbst wie auch vor anderen) auf Umstände verweist, die es im konkreten Fall für zulässig erscheinen lassen, anders zu handeln. An erster Stelle ist in diesem Zusammenhang der ja auch tatsächlich äußerst geringe Beitrag zu nennen, den das Handeln des Einzelnen für die Umweltgefährdung der ganzen Welt darstellt. Hierher gehört auch der allgemeine Verweis auf "die Anderen", die sich ja auch nicht daran halten: Schlechte Vorbilder mindern den Druck auf normkonformes Handeln - und dies insbesondere dann, wenn diese "Anderen" Akteure des Staates oder der Wirtschaft sind, die von den "kleinen Leuten" das fordern, was sie selbst nicht einlösen: Tempolimit einhalten, Energie sparen etc. Solche Vorbilder begründen eine Glaubwürdigkeits- und Gerechtigkeitslücke, die zur Außerkraftsetzung normativer Erwartungen geradezu einlädt.

7. Um eine Frage der Gerechtigkeit handelt es sich auch beim "Problem der Allmende". Manche Umweltressourcen stellen ein gemeinsames Gut dar, das von vielen Beteiligten benötigt und benutzt wird, und der freie Zugang zu diesem Gut liegt im allgemeinen Interesse. Dies betrifft zum Beispiel den Zugang zu sauberer Luft, sauberem Wasser, billiger Energie oder Wäldern und Wiesen als Erholungsraum. Probleme treten auf, wenn einzelne Beteiligte dieses Gut zu ihrem individuellen Vorteil übermäßig in Anspruch nehmen, damit seinen Wert für alle anderen senken, ohne aber die Kosten dafür tragen zu müssen. Eine Anwendung dieser Beobachtung auf die Umweltproblematik hat der amerikanische Biologe Garrett Hardin vorgenommen, als er 1968 die "Tragik der Allmende" analysierte.[2] Mit "Allmende" bezeichnete man im Mittelalter die Viehweide, die nicht einzelnen Personen, sondern der Dorfgemeinschaft insgesamt gehörte und auf die alle ihr Vieh treiben konnten. Deren Tragik resultiert aus dem Grundproblem aller Kollektivgüter:[3] dem Spannungsverhältnis zwischen kollektiver Nutzung und individuellem Gewinn. Wenn Einzelne versuchen, ihren Gewinn aus diesem Kollektivgut durch eine Steigerung der Nutzung zu maximieren (also statt der üblichen zwei Kühe vier Kühe auf diese Weide treiben), so wird von einer bestimmten Nutzungsdichte an die Regenerationsfähigkeit dieses Gutes nicht mehr ausreichen, den von Einzelnen übermäßig entnommenen Nutzen auszugleichen: Die Ressource ist erschöpft, der Ertrag aller sinkt. Damit hat die Maximierung des individuellen Vorteils zu einem kollektiven Verlust geführt. Es ist dieses Bedingungsverhältnis von individueller Bereicherung und kollektivem Verlust, das einen politischen Eingriff in die Handlungsfreiheit des Einzelnen erfordert und rechtfertigt. Kommt die Politik der Erwartung auf eine gerechte Verteilung von Privilegien und Belastungen nicht nach, so verliert sie in den Augen der Bürger an Legitimität und kann nicht mehr auf die Akzeptanz ihrer Maßnahmen setzen.

Ziehen wir nach diesen das Handeln aus der Sicht des Individuums in den Blick nehmenden Thesen eine kurze Zwischenbilanz. Schon angesichts der bisher beschriebenen Faktoren dürfte es nicht überraschen, dass eine stringente Umsetzung umweltbewahrender Ziele und Einstellungen in das alltägliche Handeln nicht erfolgt. Maßnahmen der Umwelterziehung wurden daher schon bald durch gesetzliche Veränderungen der Handlungsbedingungen ergänzt: Industriebetriebe mussten höhere Schornsteine bauen und Schadstofffilter installieren, für Kraftfahrzeuge wurde ein Katalysator vorgeschrieben, Energiesparmaßnahmen wurden finanziell gefördert und anderes mehr. Das Bemühen um Umwelterziehung wurde durch ein System finanzieller Anreize und Sanktionen ergänzt.

Dies spiegelt die Einsicht wider, dass man unter Nutzung der oben beschriebenen Mechanismen die Handlungsbedingungen zugunsten eines ökologischen Handelns auch "umpolen" kann. Umweltschonendes Handeln soll damit finanziell belohnt und die Beibehaltung umweltbelastenden Handelns sanktioniert werden. Die bisher die Allmende zerstörende Logik der Maximierung individuellen Vorteils wird nun genutzt, um sie zu schützen. Wurde diese Strategie seitens der deutschen Wirtschaft ursprünglich als eine radikale, den Erfolg wirtschaftlichen Handelns in Deutschland gefährdende Forderung erbittert bekämpft (man denke nur an den anhaltenden Widerstand der Autoindustrie gegen die Einführung des Katalysators), so scheint sie mittlerweile grundsätzlich akzeptiert zu sein - wenn auch im konkreten Fall jede Interessengruppe reflexartig die Bedrohung ihrer Existenzgrundlagen beschwört, wenn sie selbst von neuen Überlegungen dieser Art betroffen wird.

Nicht nur ist jedoch die Umweltpolitik noch weit von einer konsequenten Anwendung dieser Handlungslogik entfernt, wirken zu viele Einzelinteressen dagegen - so erfolgversprechend diese Strategie auf den ersten Blick auch scheinen mag, so weist sie doch zwei Schwächen auf: Indem sie umweltbezogenes Handeln nur als wirtschaftliches Handeln begreift und es über den Preis zu beeinflussen versucht, beschränkt sich ihre Einwirkung auf diese eine Handlungsdimension, und sie unterstellt zugleich, dass diese Dimension für sich allein veränderbar wäre. Dies aber ist nicht der Fall. Zu den wesentlichen das Handeln beeinflussenden Bedingungen zählen auch die sozialstrukturelle und die kulturelle Einbettung des Handelns.

8. Bestimmte soziale Strukturen begünstigen, ja: sie bedingen umweltgefährdendes Verhalten. Als Teil einer sozialen Gruppe ist der Einzelne eingebunden in ein komplexes Netz vorgegebener Werte, Normen und institutionalisierter, also auf Dauer gestellter und durch Regeln abgesicherter Handlungsmuster. Sie legen ihm mögliche Ziele und Handlungsweisen nahe, sie eröffnen ihm bestimmte Handlungsmöglichkeiten und verstellen andere, und er kann sie nicht nach Belieben außer Kraft setzen. So mag der Einzelne grundsätzlich bereit sein, weniger mit dem Auto zu fahren und damit zum Schutz der Umwelt beizutragen. Aber: Berufliche Zwänge, familiäre Verpflichtungen, die Aufrechterhaltung von Freundschaften, aber auch lieb gewonnene Möglichkeiten der Freizeit- und Urlaubsgestaltung stehen diesem Verzicht entgegen. So scheint heute nicht mehr verzichtbar, was vor 50 Jahren noch gar nicht denkbar - aber oft auch gar nicht erforderlich war. Zu benennen wären - neben der Mobilitätsfrage - auch die Zersiedelung der Landschaft, die Anhebung des Lebensstandards mit entsprechenden Anforderungen an den Verbrauch von Energie, Wohnraum oder Konsumgütern sowie die schon erwähnte Veränderung der Familienstrukturen. In unserer heutigen Lebensweise sind all diese Prozesse fast untrennbar miteinander verwoben, so dass Veränderungen in einer Dimension (z.B. in der Mobilität) Auswirkungen auf alle anderen Dimensionen (Beruf, Familie, Freizeit) hätten. In dieser wechselseitigen Bedingtheit liegt ein struktureller Konservatismus des Handelns begründet, der nicht nur punktuelle Veränderungen verhindert, sondern der bereits die Vorstellung einer solchen Veränderung als abwegig und unzumutbar erscheinen lässt.

9. Aber nicht nur sozialstrukturelle Faktoren behindern und verhindern eine Umorientierung im umweltrelevanten Verhalten, auch kulturelle Überzeugungen und Selbstverständlichkeiten stehen einer Neuausrichtung des Handelns entgegen. Wie grundlegend kulturelle Aspekte mit unserem Verhalten verwoben sind und wie sperrig sie sich daher gegenüber Veränderungen jedweder Art auswirken, wird einsichtig, wenn wir uns vergegenwärtigen, in welcher Weise all unsere Handlungsweisen kulturell geformt und abgesichert sind.[4]

Am Beispiel religiöser Überzeugungen ist dies besonders gut zu sehen: Sie reichen tief in unser Wertesystem hinein, sie sind in besonderer Weise in ihrer Autorität legitimiert und leiten daraus auch einen besonderen Anspruch auf Befolgung ab. Zugleich ist an ihnen aber auch die Ambivalenz kultureller Werte für eine ökologische Umorientierung gut zu erkennen. Religiöse Überzeugungen waren für nicht wenige Menschen ein starkes Motiv für ihr Engagement für den Erhalt der Umwelt: Sie ergriffen aus "Achtung vor der Schöpfung" Partei für den Umweltschutz. Andererseits aber lehnt die katholische Kirche - und mit ihr viele Gläubige - aus demselben Grund eine Geburtenkontrolle strikt ab. Die gestiegene Bevölkerungszahl ist aber einer der entscheidenden Faktoren für die gestiegene Umweltbelastung. Das Festhalten an einem religiösen Dogma führt somit zu einer Verschärfung der Umweltkrise. Andere Beispiele umweltgefährdender kultureller Orientierungsmuster sind etwa die fleischfixierte Ernährungsweise oder die Zuerkennung sozialen Ansehens in Abhängigkeit von Hubraum und PS-Zahl des gefahrenen Autos in den Industrieländern - auch darin haben diese eine fatale Vorbildfunktion für die aufstrebenden Schwellenländer.

Wenn wir also der Zerstörung unserer Umwelt erfolgreich entgegenwirken wollen, dann wird es nicht genügen, die Bequemlichkeit des Einzelnen in den Blick zu nehmen oder die Unersättlichkeit der Wirtschaft anzuprangern. Wir werden uns auch mit dem weniger Offensichtlichen auseinander setzen müssen. Die Abwehrreaktionen, mit denen hier zu rechnen ist, werden stärker sein als das, was wir im Zusammenhang mit bisherigen Veränderungen (wie Mülltrennung, Katalysatorpflicht, Wärmedämmung) erlebt haben, weil Sozialstruktur und Kultur das Fundament unseres Handelns darstellen. Werden Teile dieses Fundaments in Frage gestellt, so resultiert daraus eine Verunsicherung und Desorientierung, die das Selbstverständnis einer Gesellschaft betrifft.

Fußnoten

2.
Vgl. Garrett Hardin, Die Tragik der Allmende, in: Michael Lohmann (Hrsg.), Gefährdete Zukunft. Prognosen angloamerikanischer Wissenschaftler, München 1970, S. 30-48.
3.
Vgl. Mancur Olson Jr., Die Logik des kollektiven Handelns. Kollektivgüter und die Theorie der Gruppen, Tübingen 1968 (amerikanische Originalausgabe: 1965).
4.
"Kultur" in diesem Sinne meint nicht das, was oft als "Hochkultur" bezeichnet wird: also Kunst, Literatur, Musik, sondern ganz grundlegend unsere Vorstellungen von der Welt, unsere Wünsche, Ziele, Werte und Normen.

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