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5.7.2011 | Von:
Werner Meinefeld

Umweltschutz im Alltag: Probleme im Umgang mit Gemeingütern

"Natürliche Umwelt" vs. "andere gesellschaftliche Güter"

Die Umweltkrise ist untrennbar mit anderen gesellschaftlichen Prozessen verbunden und kann nicht unabhängig von diesen betrachtet (und schon gar nicht "bewältigt") werden. Eingangs wurde bereits erwähnt, dass das stetige Ansteigen der Weltbevölkerung wesentlich zur Umweltgefährdung beiträgt - eine Bewältigung der Umweltkrise setzt damit notwendig voraus, dass dieser Prozess gestoppt wird. Seltener als diese Verbindung werden dagegen Gefahren thematisiert, die im Gefolge politischer Maßnahmen zum Schutz der Umwelt in unserer Gesellschaft ausgelöst werden können.

Dazu gehört zum Beispiel die Gefahr einer Wiederkehr der in den vergangenen Jahrzehnten erfolgreich entschärften sozialen Frage (also der Frage nach der gerechten Verteilung der Güter und Lebenschancen innerhalb einer Gesellschaft). In den Industriegesellschaften war die soziale Frage nicht zuletzt dadurch neutralisiert worden, dass ein "Mehr" an Gütern und Sicherheiten neu verteilt werden konnte und dass sich für die Mehrheit der Bevölkerung auf breiter Basis neue Handlungsoptionen eröffneten - der Fortbestand der Ungleichheiten zwischen den gesellschaftlichen Schichten konnte auf diese Weise "eingeklammert" werden. Sollte nun aber im Gefolge einer ökologischen Krise ein "Weniger" neu verteilt werden müssen und sollten die Handlungsmöglichkeiten im Alltag einschneidende Einschränkungen erfahren, so wird sich die Ungleichheitsfrage neu stellen und politische Brisanz entfalten. Woher werden wir übermorgen die 5 bis 20 Prozent des Bruttosozialproduktes nehmen, die wir nach den Berechnungen des Stern-Reports für die Bewältigung der Umweltschäden aufwenden müssen, denen wir gestern und heute nicht vorgebeugt haben?[6] Welche soziale Gruppe wird dann wie viel von ihrem Besitzstand (! - nicht von einem etwaigen Zuwachs) hergeben müssen?

Zu den möglichen Folgen im politischen Prozess der Auseinandersetzung mit der Umweltkrise gehört auch die Gefährdung demokratischer Grundsätze unserer Gesellschaft. Dabei denke ich nicht an die früher gelegentlich beschworene "Ökodiktatur", sondern an eine schwindende Akzeptanz der demokratischen Regierungsform in der Bevölkerung, wenn es um Einschränkungen bei unseren gewohnten Verhaltensweisen und um die Verteilung des Mangels geht. Wer wird angesichts ökonomischer Verschlechterungen und zunehmender Verhaltensregulierungen nüchtern die Ursache in den ökologischen Versäumnissen vergangener Jahrzehnte suchen und nicht politischen Vereinfachern auf den Leim gehen? Wie wird sich die politische Einstellung verändern, wenn die Industriegesellschaft aufgrund der ökologischen Folgen ihres ökonomischen Erfolges ihr Versprechen einer ständig zunehmenden (!) Befreiung des Menschen von Zwängen nicht mehr halten kann? Die heutige Umweltkrise bedroht nicht nur unsere gewohnten natürlichen Lebensbedingungen, sondern auch unsere gewohnte Lebensweise - dies ohne soziale und politische Verwerfungen zu bewältigen, wird eine große gesellschaftliche Herausforderung darstellen.[7]

Fußnoten

6.
Vgl. Stern Review on the Economics of Climate Change, 2006, online: http://webarchive.nationalarchives.gov.uk/
+/http://www.hm-treasury.gov.uk/media/A/A/stern_longsummary
_german.pdf, S. XI (16.5.2011).
7.
Vgl. hierzu auch C. Leggewie/H. Welzer (Anm. 5).

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