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25.5.2011 | Von:
Markus End

Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus

Begriff und Forschungsansatz

Der Begriff des "Antiziganismus" ist in der wissenschaftlichen Forschung umstritten;[2] außerhalb Deutschlands findet er wenig Verwendung. Er entstand Anfang der 1980er Jahre, und seine Verbreitung hat seitdem in Wissenschaft und politischen Debatten langsam, aber stetig zugenommen. Bis heute ist allerdings die Diskussion um den Begriff nicht abgeschlossen, seine wissenschaftliche Verteidigung steht noch aus. Ich halte die Verwendung des Begriffs "Antiziganismus" für sinnvoll, weil dadurch zentrale Elemente meines Forschungsansatzes zusammengefasst werden. Unter Antiziganismus verstehe ich sowohl die Bilder und Vorurteile, die sich Menschen von vermeintlichen "Zigeunern" machen, als auch die Stigmatisierung von Menschen zu "Zigeunern" und die daraufhin folgende Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung.

Das Wort "Zigeuner" stellt eine diskriminierende Fremdbezeichnung dar, die von den meisten Angehörigen der betroffenen Gruppen als verletzend und beleidigend empfunden wird. Die Mehrzahl der Menschen, die damit gemeint ist, zählt sich selbst zur Gruppe der Roma oder der Sinti. Jedoch werden auch andere Gruppen, wie die Irish Travellers, die niederländischen woonwagenbewoners oder die Jenischen, die vorwiegend in Süddeutschland und der Schweiz leben, als "Zigeuner" stigmatisiert. Antiziganistinnen und Antiziganisten sind solche Unterschiede zumeist egal. Sie halten alle diese Gruppen pauschal für "Zigeuner"[3], denn für sie sind alle "Zigeuner" gleich und unveränderlich. Für die Vorurteilsforschung[4] ist es wichtig, diesen Wechsel der Blickrichtung, den Antiziganistinnen und Antiziganisten begehen, nachzuvollziehen: Der Antiziganismus speist sich aus kulturell vermittelten Bildern, Stereotypen und Sinngehalten, aus "Wissen" also, das Jahrhunderte alt ist und in immer neuen Variationen tradiert wird. Mit den realen Menschen, die von Antiziganismus betroffen sind, hat diese Vorurteilsstruktur kaum etwas gemein.[5] Sie führt gewissermaßen ein Eigenleben. Weil aber die Stereotype und Sinngehalte des Antiziganismus nur sehr indirekt etwas mit Roma und Sinti zu tun haben, vielmehr aber mit der Vorstellungswelt der Mehrheitsbevölkerung, ist es notwendig, von Antiziganismus zu sprechen, nicht von "Rassismus gegen Sinti und Roma".[6]

Es ist für die Vorurteilsforschung hilfreich, verschiedene Ebenen auseinanderzuhalten.
  1. Der Grund, weshalb Vorurteile so gefährlich sind, liegt darin, dass sie häufig in soziale Interaktionen und Praktiken münden, die vor dem Hintergrund eines Vorurteils ausgeübt werden und für die Betroffenen massive Einschränkungen ihrer Lebenschancen und häufig schwerste Schäden an Hab und Gut, an Leib und Leben bedeuten. Dazu würden beispielsweise der antiziganistisch motivierte Brandanschlag auf das Haus einer Familie deutscher Sinti im sächsischen Klingenhain am 26. Dezember 2009[7] oder die regelmäßige Verweisung von Kindern deutscher Sinti an Förderschulen[8] zählen. Insbesondere in Deutschland muss eine Beschäftigung mit Antiziganismus immer vor dem Hintergrund des nationalsozialistischen Genozids an Roma, Sinti und anderen als "Zigeuner" Stigmatisierten geschehen.[9]


  2. Diese sozialen Praktiken sind eingebettet in historische und politische Rahmenbedingungen, die nicht identisch sind mit Antiziganismus, sondern dessen Manifestation fördern oder hemmen. Dazu können Konflikte zwischen der betroffenen Minderheit und der Mehrheitsbevölkerung zählen (dabei muss streng zwischen Anlass und Ursache unterschieden werden: Ein solcher Konflikt kann Anlass zu antiziganistischen Äußerungen oder Handlungen sein, niemals jedoch Ursache für Antiziganismus) oder der Vernichtungskrieg des "Dritten Reichs" gegen die Sowjetunion, der die politischen Rahmenbedingungen für die Vernichtungsaktionen der Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten darstellte.


  3. Eine zentrale Motivation, diskriminierende oder ausgrenzende Handlungen zu vollziehen, kommt aus den Vorurteilen und Stereotypen, die in der Kultur der Mehrheitsbevölkerung weit verbreitet sind. Die meisten deutschen Angehörigen der Mehrheitsbevölkerung wachsen mit solchen Vorurteilen über "Zigeuner" auf, ohne, dass sie jemals bewusst eine/n Angehörige/n der Minderheit der Roma und Sinti kennengelernt haben. Viele dieser Vorurteile sind negativer Art, beispielsweise das Gerücht, "Zigeuner" würden Kinder stehlen. Doch es gibt auch positiv anmutende Vorurteile, wie beispielsweise das romantische Bild vom "lustigen Zigeunerleben".


  4. Auf der Ebene der Sinnstruktur jedoch unterscheiden sich positive und negative Stereotype nicht. Die Sinnstruktur eines Vorurteils bezeichnet eine abstraktere Bedeutungsebene, die den Vorurteilen zu Grunde liegt. Sie bezeichnet das, was das Gemeinsame der vielen einzelnen antiziganistischen Äußerungen in Wort, Schrift, Bild und Film ausmacht, wenn vom jeweiligen historischen Kontext abstrahiert wird. Es ist diese Sinnstruktur, die es uns ermöglicht, Äußerungen, die aus unterschiedlichen Zeiten und Räumen stammen, relativ kontextunabhängig als antiziganistisch zu bezeichnen. Dadurch wird es auch möglich, dem Begriff eine Bedeutung zu geben, die über die der "Feindschaft gegenüber 'Zigeunern'" hinausgeht. Ob es in antiziganistischen Darstellungen also heißt, "Zigeuner" seien faul und arbeitsscheu, oder ob es in vermeintlich wohlmeinenden Beschreibungen heißt, "Zigeuner" lebten fröhlich in den Tag hinein, ohne sich Sorgen um ihr Auskommen zu machen, ergibt auf der Ebene der Sinnstruktur keinen Unterschied. In beiden Fällen ist der Sinn der Aussage, zu verdeutlichen, dass "Zigeuner" nicht, wie es nach den gängigen sozialen Normen gewünscht wäre, fleißig und diszipliniert arbeiteten.


  5. Die tiefer liegende Ursache des Antiziganismus kann also in sozialen Normen und Strukturen der Mehrheitsgesellschaft gesehen werden. Als "Zigeuner" Stigmatisierten wird von der Mehrheitsgesellschaft unterstellt, sie würden gegen die vorherrschenden Normen und Moralvorstellungen verstoßen.
Eine umfassende Darstellung des Antiziganismus müsste alle diese Ebenen berücksichtigen und würde unzählige Bände füllen. Ich möchte im Folgenden die ersten beiden Ebenen eher ausklammern und mich auf die Darstellung der Vorurteile, der Sinnstruktur und der dafür mitverantwortlichen sozialen Normen beschränken, um somit diejenigen Aspekte des Antiziganismus zu beschreiben, die über lange Zeiträume hinweg große Konstanten aufweisen.

Fußnoten

2.
Vgl. Michael Zimmermann, Antiziganismus - ein Pendant zum Antisemitismus? Überlegungen zu einem bundesdeutschen Neologismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 55 (2007) 4, S. 304-314, sowie Berthold P. Bartel, Vom Antitsiganismus zum antiziganism. Zur Genese eines unbestimmten Begriffs, in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 60 (2008) 3.
3.
Vgl. Wolfgang Wippermann, "Wie die Zigeuner". Antisemitismus und Antiziganismus im Vergleich, Berlin 1997, S. 17, Fn. 22.
4.
"Vorurteil" wird hier nicht als ein zu schnelles Urteil verstanden oder als eines, das sich an einer einzelnen Erfahrung gebildet hat und dann ungerechtfertigter Weise auf eine Gruppe übertragen wurde. Vielmehr wird der Begriff in der Tradition der 1949 erschienenen "Studies in Prejudice" als Teil einer Wahrnehmungsstruktur verwendet, die nicht viel oder gar nichts mit den Beurteilten zu tun hat, aber sehr viel mit den Vorurteilenden. Vgl. Max Horkheimer/Samuel H. Flowerman (eds.), Studies in Prejudice, New York 1949f.
5.
Diese zentrale Einsicht wurde bezüglich Antisemitismus Mitte der 1940er Jahre ungefähr zeitgleich von den Autoren der Kritischen Theorie (Theodor W. Adorno/Max Horkheimer, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 1989, S. 180) und vom französischen Philosophen Jean-Paul Sartre formuliert: "(E)xistierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden." Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, in: ders., Gesammelte Werke in Einzelausgaben. Politische Schriften Bd. 2, Reinbek 1994, S. 9-91, hier: S. 12.
6.
Vgl. beispielsweise Michael Schenk, Rassismus gegen Sinti und Roma: zur Kontinuität der Zigeunerverfolgung innerhalb der deutschen Gesellschaft von der Weimarer Republik bis in die Gegenwart, Frankfurt/M. u.a. 1994, oder den Untertitel von Änneke Winckel, Antiziganismus: Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland, Münster 2002.
7.
Vgl. Markus End, Brandanschlag mit antiziganistischem Hintergrund in Sachsen - und der Umgang damit, online: www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/news/meldungen/brandanschlag-sachsen (26.4.2011).
8.
Vgl. Brigitte Mihok/Peter Widmann, Sinti und Roma als Feindbilder, in: Vorurteile. Informationen zur politischen Bildung, (2005) 271, S. 56-61, hier: S. 60.
9.
Vgl. dazu den Beitrag von Frank Sparing in diesem Heft.