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25.5.2011 | Von:
Markus End

Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus

Bilder und Stereotype

Der erste wichtige Beschluss zur Verfolgung von Menschen als "Zigeuner" erging 1498. Der Freiburger Reichstag beschloss damals, die "Zeigeiner" des Reiches zu verweisen und Angriffe auf sie straffrei zu stellen, weil sie angeblich für das Osmanische Reich spioniert hätten. In den nächsten Jahrzehnten folgten ähnliche Beschlüsse in anderen Regionen und Königreichen. Fünfzig Jahre später, in Sebastian Münsters "Cosmographei" von 1550, findet sich ein ganzer Abschnitt "Von den Züginern oder Heiden", in dem bereits ein Großteil der zentralen Stereotype und Vorurteile versammelt ist: "(D)ie Züginer/ein ongeschaffen/schwartz/wüst und onfletig volck/das sunderlich gern stilt/doch allermeist die weiber/die also iren mannen zu tragen. (...) Sie geben auch für daß inen zu buß auffgelegt sey also umbhär zuziehe in bilgerweiß/und das sie zum ersten auß klein Egypten kommen seien. Aber es sein fabeln. Man hatt es wol erfaren/das diß elend volck erboren ist in seinem umbschweiffenden ziehen/es hat kein vaterland/zeücht also müssig im lande umbhär/erneret sich mit stelen/lebt wie die hund/ist kein religion bey ine/ob sie schon ire kinder under den Christen lassen tauffen/leben on sorg/ziehen von eim land in das ander (...). Sie nemen auch an man und weib in allen länderen/die sich zu inen begeren zuschlagen. Es ist ein seltsam und wüst volck/kan vil sprachen und ist dem bauwers volck gar beschwerlich. Dan so die armen dorffleüt im feld sein/durch suchen sie ire heüser und nemen was inen gefalt. Ire alte weiber beghan sie mit warsagen/und die weil sie den fragende antwurt geben/wie vil kinder/männer oder weiber sie werden haben/greiffen sie mit wunderbarlicher behendikeit inen zum seckel oder zu der deschen und leeren sie (...)."[10]

Es ist erstaunlich, wie bereits dieser Gelehrte des 16. Jahrhunderts bis ins Detail zahlreiche Bilder und Stereotype aufzählt, die bis in die Gegenwart Bestand haben. Mit anderen Worten: Bereits vor 450 Jahren fand eine antiziganistisch motivierte Verfolgung von Menschen als "Zigeuner" statt, die sich aus sehr ähnlichen oder den gleichen Vorurteilen speiste, die bis in die heutige Zeit weit verbreitet sind. Der Vorurteilskomplex des Antiziganismus umfasst also einen relativ festgefügten Korpus an Stereotypen.

Es finden sich selbstverständlich auch zentrale Unterschiede zwischen der eher vormodernen Darstellung Münsters und dem heute verbreiteten "Zigeuner"-Bild. Bei Münster spielten religiös motivierte Vorurteile noch eine große Rolle: dass "Zigeuner" keine Religion hätten, jedoch ihre Kinder taufen ließen, und dass sie auf einer Pilgerfahrt seien. Auch andere religiös motivierte Stereotype, die sich nicht bei Münster finden, waren weit verbreitet: beispielsweise, dass "Zigeuner" die Nägel für die Kreuzigung Jesu geschmiedet hätten oder vom biblischen Brudermörder Kain abstammten. Solche Darstellungen finden sich heute nur noch selten.

Fußnoten

10.
Sebastian Münster, Cosmographei, Basel 1550, S. 300f. Zitiert nach dem Digitalisat der Universität Köln, online: www.digitalis.uni-koeln.de/Muenster/muenster_index.html (25.4.2011).