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25.5.2011 | Von:
Markus End

Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus

Soziale Hintergründe

Wie bereits dargelegt kann der Beginn des Antiziganismus in Westeuropa im 15./16. Jahrhundert verortet werden, in einer Zeit also, in der "die Grundlagen der modernen bürgerlichen Gesellschaft gelegt wurden".[31] Veränderte Normen, die zu Beginn der Entwicklung noch schwach und instabil waren, konnten dadurch gestärkt und durchgesetzt werden, dass vermeintlich Fremden vorgeworfen wurde, sie zu verletzen. Hier läuft ein komplizierter Prozess ab, der von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer in ihren Analysen des Antisemitismus als "pathische Projektion" bezeichnet wurde, als "Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt".[32] Die These besagt, dass Individuen von den gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen abweichende und somit verbotene Regungen oder Wünsche auf andere Menschen oder Gruppen projizieren, also auf sie übertragen.

Auch Franz Maciejewski, ehemaliger Mitarbeiter des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma, verwendet dieses Konzept, um Antiziganismus zu erklären: "Demgegenüber gilt der Haß, der Sinti und Roma trifft, denjenigen, die (immer auf der Ebene der Phantasie) den Prozeß der Zivilisation angeblich unterlaufen. Die Zigeuner verkörpern gegen das herrschende Realitätsprinzip das Lustprinzip, gegen die repressive Kultur insgesamt die Natur, gegen die Zwänge des Patriarchats das Matriarchat, gegen den industriellen Komplex das einfache Leben".[33] "Zigeuner" gelten den modernen Erscheinungsformen des Antiziganismus also immer als archaisches Gegenbild zur Norm der Mehrheitsgesellschaft. Die Durchsetzung der modernen Gesellschaft wird dabei von Maciejewski als ein Prozess interpretiert, "der ökonomisch den Übergang von der Agrar- zur Kapitalwirtschaft, also eine sich im Geiste des Kapitalismus formierende Arbeits- und Disziplinargesellschaft umfaßt; der politisch in Richtung Territorialstaat- und Nationenbildung geht und die Etablierung einer neuen, institutionell abgesicherten Form von Herrschaft bedeutet; der sozialpsychologisch das Aufbrechen des alten Verhaltenscodes Geschlechterbeziehung im Sinne einer Stärkung patriarchaler Strukturen markiert; der schließlich kulturell die Dominanz eines wissenschaftlichen Weltbildes und die Umstellung auf ein rationales Lebensethos erzwingt".[34]

Damit deutet Maciejewski die tief greifenden Veränderungen sozialer Normen und Wertvorstellungen an: Fleiß und Arbeitsdisziplin gelten als neue Normen im ökonomischen Bereich, feste nationale Identitäten werden zu zentralen Merkmalen der aufstrebenden bürgerlichen Schichten, die Vorherrschaft des Mannes in den Geschlechterbeziehungen verstärkt sich, das Leben muss rational und effizient geplant werden.

Obwohl Adorno und Horkheimer keine explizite Kritik des Antiziganismus formuliert haben, bringen auch sie diesen Vorgang mit der "sozialen Ächtung" von "Zigeunern" in Verbindung: "Die Strenge, mit welcher im Laufe der Jahrtausende die Herrschenden ihrem eigenen Nachwuchs wie den beherrschten Massen den Rückfall in mimetische Daseinsweisen abschnitten, angefangen vom religiösen Bildverbot über die soziale Ächtung von Schauspielern und Zigeunern bis zur Pädagogik, die den Kindern abgewöhnt, kindisch zu sein, ist die Bedingung der Zivilisation."[35] Diese sozialen Normen der Mehrheitsgesellschaft geben also den Hintergrund ab, vor dem Antiziganismus analysiert und kritisiert werden muss.

Fußnoten

31.
Franz Maciejewski, Elemente des Antiziganismus, in: Jacqueline Giere (Hrsg.), Die gesellschaftliche Konstruktion des "Zigeuners". Zur Genese eines Vorurteils, Frankfurt/M. 1996, S. 9-28, hier: S. 12.
32.
T. Adorno/M. Horkheimer (Anm. 5), S. 201.
33.
Franz Maciejewski, Das geschichtlich Unheimliche am Beispiel der Sinti und Roma, in: Psyche, 48 (1994) 1, S. 30-49, hier: S. 47.
34.
F. Maciejewski (Anm. 31), S. 12.
35.
T. Adorno/M. Horkheimer (Anm. 5), S. 189f. Zu den gesellschaftstheoretischen Grundlagen für eine Kritik des Antiziganismus in den Schriften Adornos siehe Markus End, Adorno und "die Zigeuner", in: ders. et al. (Anm. 32), S. 95-108.