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25.5.2011 | Von:
Daniel Strauß

Zur Bildungssituation von deutschen Sinti und Roma

Zielsetzung, Methode und Repräsentativität

Bis dato gab es keine Untersuchungen zu den Lebenswirklichkeiten der Sinti und Roma, wie sie diese selbst erleben, empfinden und deuten. Diese Lücke soll ein Dokumentations- und Forschungsprojekt schließen helfen, das im Jahre 2007 von RomnoKher, Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung in Mannheim, initiiert wurde. Im Zentrum dieser Untersuchung[7] steht die Bildungssituation der deutschen Sinti und Roma. Zugleich werden Auswirkungen der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik sowie Diskriminierungserfahrungen und verschiedene andere Lebensbereiche untersucht.

Es war das erklärte Ziel der Initiatoren dieses Projektes, die Kluft zwischen den Wissenschaften einerseits und den Angehörigen der Minderheit der Sinti und Roma andererseits zu überbrücken. Dass dies gelang, dass sich Sinti und Roma trotz ihres durch den Nationalsozialismus entstandenen beziehungsweise gewachsenen Misstrauens in die "deutschen so genannten Wissenschaft(en)"[8] an einer wissenschaftlichen Befragung zu ihrer Bildungssituation aktiv als Initiatoren, Befragende und Befragte zusammen mit Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen beteiligten, macht deutlich, dass hier Neuland betreten wurde.

Bisher gab es beeindruckende Untersuchungen, die sich allgemein mit der Geschichte und Kultur der Sinti und Roma befassten,[9] mit der nationalsozialistischen Verfolgung beziehungsweise der "nationalsozialistischen Lösung der Zigeunerfrage"[10] oder mit dem Minderheitenschutz der Sinti und Roma in Europa, neben den bereits erwähnten Arbeiten von Andreas Hundsalz und Peter Widmann.[11] Diesen Untersuchungen ist gemeinsam, dass sie das Verhältnis von Minderheit und Mehrheitsgesellschaft als komplexes Beziehungsgeflecht begreifen und mal mehr, mal weniger kulturelle, soziale, ethnische oder regierungs- und kommunalpolitische Elemente in den Vordergrund stellen; mal wird eine Einpassung der Sinti und Roma gefordert, mal eine Integration ohne Preisgabe der eigenen Identität und Lebensweisen. Fast allen ist gemeinsam, dass Sinti und Roma selbst kaum oder überhaupt nicht zu Wort kommen und selbst ihre Schul- und Ausbildungsbiografien von Dritten darstellen lassen.

Dieser Mangel an Untersuchungen und Interpretationen der Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung der Sinti und Roma war der Hauptgrund dafür, dass mit dieser Untersuchung ein anderer Weg beschritten wurde: Die finanziellen und personellen Möglichkeiten sollten dazu genutzt werden, Sinti und Roma aus verschiedenen Generationen und Regionen zu ihrer Bildungssituation zu befragen, und zwar sowohl mit einem Datenbogen zu quantifizierbaren Daten als auch mit eigenständig formulierten Bereichen zur eigenen Bildungsbiografie und sozialen Situation. Darüber hinaus sollte versucht werden, lebens-, generations- und familiengeschichtliche Entwicklungen und Erfahrungen sowohl zum Stellenwert von schulischer und beruflicher Bildung in den Familien, den Berufswünschen und deren Realisierung oder deren Scheitern als auch die Beziehung zur Mehrheitsgesellschaft, zur Diskriminierung und zur generationellen Tradierung der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in den Befragungen anzusprechen und zu interpretieren.

Für die Untersuchung wurden 14 Sinti und Roma, die aus dem Umfeld der Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma stammen, als Interviewerinnen und Interviewer gewonnen, die mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über die Möglichkeiten solcher Befragungen von Sinti und Roma als auch wissenschaftliche Befragungsmethoden in vorbereitenden Seminaren diskutierten. Es wurde ein Fragebogen entwickelt, der standardisiert war und mit dem Multiple-choice-Verfahren einfaches Ankreuzen erlaubte, aber zugleich freie Erzählungen zur Bildungs- und Ausbildungssituation wie auch zur Familien- und Lebensgeschichte sowie zur Verarbeitung des Nationalsozialismus in den Familien anregen sollte. Auf diese Weise wurden 275 Interviews in breiter Streuung in 35 Städten und Orten geführt und ausgewertet.

Dieses Verfahren war sehr aufwändig, so dass wir uns auf die Befragung von Sinti und Roma konzentrierten und zunächst die ebenfalls vorgesehenen Untersuchungen der Schul- und Sozialpolitik mit entsprechenden Experteninterviews auf eine spätere Forschung verschoben. Die an diesem Projekt beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler[12] - Politikwissenschaftler, Historiker, Pädagogen, Erziehungswissenschaftler und Soziologen - hatten jeweils spezifische Aufgaben. Zum einen wurden mit ihnen das Forschungsdesign und die Fragebögen sowie die Interviewtechniken geklärt, zum anderen sollten sie die quantitativen Teile der Fragebögen sowie die qualitativen Interviews auswerten und interpretieren. Sie alle bringen spezifische Kompetenzen und eigene Sichtweisen aus ihren Fächern mit, was zu einer breit und differenziert angelegten Auswertung führte. Die Ergebnisse der Studie fließen ein in die vom RomnoKher initiierte Ausstellung mit dem Titel "Typisch 'Zigeuner'? - Mythos und Lebenswirklichkeiten", bei der auf 25 Tafeln antiziganistische "Zigeuner"-Bilder mit Aussagen zur Lebens- und Bildungssituation der befragten Sinti und Roma kontrastiert werden.

Sinti und Roma gehören seit Jahrhunderten zu unserer Gesellschaft. Gegenstand dieser ersten Bildungsstudie über deutsche Sinti und Roma seit über 30 Jahren ist die Frage, ob für diese nationale Minderheit ein gleichberechtigter Zugang zum Bildungswesen, insbesondere im schulischen Bereich, besteht. Mit dieser Studie wird zudem das Vorurteil widerlegt, Minderheiten würden nicht selbst aktiv werden, ihre Situation zu überwinden. Gleichzeitig wirft eine solche Studie methodische Probleme auf. Diese bestehen weniger in der Frage, ob objektive Kriterien für eine eventuelle Gleich- oder Ungleichbehandlung (etwa vergleichende Anzahl von bestimmten Bildungsabschlüssen) gefunden und angewandt werden können. Das methodische Hauptproblem besteht vielmehr darin, in der Lebenswelt der beteiligten Minderheit jene institutionellen und individuellen Faktoren zu identifizieren, die ein Verbleiben in Bildungsarmut oder deren Überwindung bedingen. Eine solche Methodik erfordert, diejenigen, die derlei (verhinderte) Bildungskarrieren durchlaufen haben, selbst zu befragen.

Im Fall der Sinti und Roma ist dies aber nicht ohne weiteres möglich. Ihre diversen Verfolgungserfahrungen und ihre historischen Erfahrungen mit wissenschaftlicher Erforschung haben sie vielfach zu Misstrauen gegenüber den Institutionen der Mehrheitsgesellschaft als auch gegenüber auf sie gerichteten Forschungen geführt. Ihre wissenschaftliche Befragung ist daher nur möglich, wenn eine tragfähige Vertrauensbasis hergestellt werden kann. In diesem Fall geschah das durch die beispiellose Ausbildung von Sinti und Roma zu Interviewern für dieses Projekt. Eine solche biografisch orientierte Erhebung zur Bildungssituation gelingt erwartungsgemäß im ersten Anlauf weder flächendeckend für alle Kommunen und Bundesländer in Deutschland, noch können alle Fragen einer solchen Empirie abschließend geklärt werden. Das Projekt kann in jeder Hinsicht als Pionierarbeit gelten: zum einen wegen der Ergebnisse dieser Forschung zur Lebenssituation im Allgemeinen und zur Bildungssituation bzw. zum Verhältnis dieser Minderheit zur Mehrheitsgesellschaft im Besonderen; zum anderen wegen der neuen Wege, die sich in der Mitarbeit von Sinti und Roma als Forschungsakteure zeigen. Die Studie schafft eine Grundlage für die (Bildungs-)Politik wie auch für die Repräsentanten der Sinti und Roma.

Den Initiatoren ist eines immer deutlicher geworden: Nicht nur die Identifizierung der bildungsrelevanten Faktoren im Lebensalltag erfordert eine Beteiligung der Minderheit selbst. Auch die Überwindung der festgestellten "Bildungsmisere" kann nur im Zusammenspiel von Mehrheit und Minderheit, vorrangig natürlich im Rahmen staatlich organisierter Bildungsprozesse, gedacht und realisiert werden. Bemerkenswert ist dabei, dass die Studie Belege dafür liefert, dass unter den Sinti und Roma bereits eine wachsende Bereitschaft für einen "Bildungsaufbruch" besteht. In diesem Sinne sind die vorgelegten Befunde und ausgesprochenen Empfehlungen im Dialog von offiziellen Bildungsträgern und der Minderheit weiterzuentwickeln. Dabei ist auch sicherzustellen, dass die kulturelle Autonomie erhalten, zugleich aber kulturell entstandene Bildungshindernisse auf allen Seiten überwunden werden.

Das Leitmotiv unserer Studie war es, selbstinitiativ aus der Sicht der Minderheit direkt an die europäischen Ansätze anzuknüpfen, die Datenlücken zu schließen und den bildungspolitischen Handlungsbedarf aufzuzeigen. Dadurch gelang es auch, die historisch bedingte große Kluft zwischen Wissenschaften einerseits und den Angehörigen von Sinti und Roma zu überbrücken. Mit wissenschaftlichen Methoden wurden die Lebenswirklichkeiten aus subjektiv empfundener Sicht beschrieben, untersucht und interpretiert.

In unserem Dokumentations- und Forschungsprojekt, das zwischen 2007 und 2011 durchgeführt wurde, sind 275 deutsche Sinti und Roma aus drei Generationen vornehmlich in Westdeutschland zu ihrer Bildungssituation befragt worden. Dazu wurden quantifizierbare Daten erhoben und auch lebensgeschichtliche Interviews geführt. Hieraus wurden lebens-, generations- und familiengeschichtliche Entwicklungen und Erfahrungen sowohl zum Stellenwert von gelingender/scheiternder schulischer Bildung als auch die Beziehungen zur Mehrheitsgesellschaft, zur Diskriminierung und intergenerationellen Tradierung traumatischer Ereignisse der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik beschrieben und interpretiert.

Für die Befragung wurden 14 Sinti und Roma als Interviewerinnen und Interviewer gewonnen und ausgebildet. In Workshops und Seminaren wurden sie von Wissenschaftlern mit Befragungsmethoden vertraut gemacht. Es wurden 275 (davon 261 in die Auswertung einbezogene) Interviews in breiter Streuung in 35 Städten/Orten geführt. Etwas mehr als die Hälfte der Befragten sind Frauen. Über 40,61% der Befragten sind im Alter von 14 bis 25 Jahren; 42,91% sind im Alter von 26 bis 50 Jahren, 16,48% der Befragten sind 51 und älter. Zu jedem Interview liegen Protokoll und Audiodateien sowie Transkriptionen vor. Um die Erfahrungen und Kompetenzen der Minderheitenorganisationen einzubeziehen, wurde beim RomnoKher der Arbeitskreis "Bildung für Sinti und Roma" gegründet. In diesem Arbeitskreis sind sieben Landesverbände deutscher Sinti und Roma, zwei bundesweit tätige Kulturzentren und zwei regionale Beratungsstellen vertreten. Als Vorsitzende des Arbeitskreises wurde Petra Rosenberg vom Verband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg für zwei Jahre gewählt.

Nimmt man eine Gesamtzahl von rund 100000 Sinti und Roma in Deutschland an, dann wurde im Verhältnis von 1 zu 383 befragt. Man kennt zwar - soziologisch gesprochen- nicht die genauen Daten für die "Grundmasse" der Sinti und Roma in Deutschland, so dass man im strengen Sinne nicht von einer repräsentativen Befragung sprechen kann. Aber die Interviews sind nach sozialer Lage, Geschlecht, Alter, Wohngegend und Bildungssituation so breit gestreut und so vielfältig, dass man mit hoher Plausibilität davon ausgehen kann, dass hier ein Bild von dieser Minderheit gezeichnet werden kann, das auch bei repräsentativer Befragung nur geringfügige Veränderungen erfahren würde.

Fußnoten

7.
Daniel Strauß (Hrsg.), Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma. Dokumentation und Forschungsbericht, Marburg 2011. Ohne Förderer hätte dieses Projekt nicht realisiert werden können; zu nennen sind zunächst die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ), die einen wesentlichen Anteil an der Förderung hatte und immer wieder zu Selbstverständigungsdebatten anregte, ebenso die Freudenberg Stiftung, die Lindenstiftung, die Amadeu Antonio Stiftung, der Verband Deutscher Sinti und Roma, Landesverband Baden-Württemberg sowie die Gesellschaft für Antiziganismusforschung e.V.
8.
Vgl. Vorwort von Romani Rose (damals als Vorstandsmitglied im Verband der Sinti Deutschlands unterzeichnend) zu A. Hundsalz (Anm. 3), sowie Peter Widmann, An den Rändern der Städte. Sinti und Jenische in der deutschen Kommunalpolitik. Berlin 2001.
9.
Vgl. Katrin Reemtsma, Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart, München 1996.
10.
Vgl. vor allem Michael Zimmermann, Rassenutopie und Genozid. Die nationalsozialistische "Lösung der Zigeunerfrage", Hamburg 1996. Vgl. auch die Regionalstudie von Udo Engbring-Romang, Die Verfolgung der Sinti und Roma in Hessen zwischen 1870 und 1950, Frankfurt/M. 2001.
11.
Vgl. Die Lage der Sinti und Roma in Deutschland, in: Monitoring des Minderheitenschutzes in der Europäischen Union 2002, Göttingen 2003, S. 78-163; A. Hundsalz (Anm. 4); P. Widmann (Anm. 8).
12.
Alexander von Plato (Hagen/Wien), Michael Klein (Erfurt), Uta Rüchel (Berlin) und Jane Schuch (Berlin).