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25.5.2011 | Von:
Daniel Strauß

Zur Bildungssituation von deutschen Sinti und Roma

Zehn herausgehobene Ergebnisse

94,6% der Befragten verwenden als Eigenbezeichnung "Sinti" oder "Roma".
Bis auf eine Ausnahme in den 30 qualitativ ausgewerteten Interviews bezeichnen sich alle Interviewten als Sinti oder Roma. Die einzige Befragte, die sich selbst als "Zigeunerin" bezeichnet, benutzt diesen Begriff mit einer negativen Konnotation: "Ich bin damit groß geworden, und mittlerweile habe ich das auch akzeptiert, dass die mich so nennen. (...) Ich bin nun mal eine Zigeunerin und damit muss man leben." (Sintizza, 19 Jahre) Einzelne berichten im Interview von so schwerwiegenden negativen Erfahrungen durch das Bekanntwerden ihrer ethnischen Zugehörigkeit, dass sie sich außerhalb der Minderheit gar nicht mehr als Sinti oder Roma zu erkennen geben und selbst bei Nachfragen ihre ethnische Zugehörigkeit verleugnen und eine andere ethnische Herkunft, wie Indien oder Spanien, angeben. Sehr unterschiedlich ist die Intensität des Diskriminierungsempfindens bei der Bezeichnung als "Zigeuner": 6,9% lassen diesen Begriff mit Einschränkungen auf sich anwenden, wenn eindeutig keine diskriminierende Bezeichnung beabsichtigt wurde; 44,44% bekennen sich situationsabhängig nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminierungen zu vermeiden; 20,69% bekennen sich bei der Berufsausübung nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminierungen zu vermeiden; 16,09% bekennen sich bei der Arbeitssuche nicht als Sinti oder Roma, um Diskriminierungen zu vermeiden.

Traumatische Erfahrungen werden in der Familie intergenerationell weitergegeben und sind selbst noch in der dritten Generation der 14- bis 25-Jährigen erkennbar.
Evident sind die intergenerationellen Auswirkungen der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma, auch und vor allem im Zusammenhang mit der Vernichtungspolitik im Nationalsozialismus. So werden starke Ängste und Misstrauen innerhalb der Familie im Zusammenhang mit dem Schulbesuch der Befragten oder ihrer Eltern und Großeltern thematisiert. Der Umgang mit der Erinnerung an die Verfolgungsgeschichte und die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in den Familien und individuell verweisen auf ein kollektives Trauma. Wenn "Geschichten aus der (Familien-)Geschichte" erzählt werden, dann sind es Leidensgeschichten aus der NS-Verfolgung. Andere Geschichten oder Lieder, Erzählungen und Märchen, mit denen andere deutsche Kinder zumindest aus bürgerlichen Familien groß werden, scheint es bei Sinti und Roma nicht (mehr) zu geben. In einem generationellen Vergleich zeigt sich ein evidenter Zusammenhang zwischen dem Schulbesuch der Eltern oder der Großeltern und dem schulischen Erfolg der Kinder. Je besser ausgebildet die Eltern und Großeltern waren, desto größer war der schulische Erfolg der Kinder.

81,2% der Befragten haben persönliche Diskriminierung erfahren.
Die Erfahrungen in der Schule sind in starkem Maße von offenen und verdeckten Diskriminierungen in Form von alltäglichen antiziganistischen Beschimpfungen und Vorurteilen seitens einzelner Schülerinnen und Schüler bestimmt. Die Lehrer scheinen hier nicht professionell einzuschreiten. Erschreckend ist, dass Antiziganismus offensichtlich auch auf Seiten der Lehrkräfte nach wie vor vorhanden ist und im Schulalltag offen artikuliert wird. Daneben gibt es Lehrpersonen und Mitschüler/-innen, die unterstützend handeln und zum Teil so motivierend wirken, dass sie die Schullaufbahn positiv beeinflussen können. 1,1% machen keine Angaben zu Diskriminierungserfahrungen; 17,6% haben keine Diskriminierungserfahrungen; 55,9% fühlen sich manchmal diskriminiert; 8,4% fühlen sich regelmäßig diskriminiert; 12,3% fühlen sich häufig diskriminiert; 4,6% fühlen sich sehr häufig diskriminiert.

53,64% der Befragten fühlen sich bei Behördenbesuchen "eingeschüchtert", "schlecht behandelt" oder "diskriminiert".
Bei den Befragten, die von leichten Problemen oder gar von einem "hoch problematischen" Verhältnis sprechen, reichen die Aussagen von "fühle mich schlecht" bis zu "fühle mich eingeschüchtert", von "gestresst" oder "kann die Nacht vorher nicht schlafen" bis zu "fühle mich eingeschüchtert", "von oben herab behandelt", "nicht ernst genommen", "nicht wahrgenommen", "schlecht behandelt", "panisch", "wie Dreck behandelt" und "fühle mich diskriminiert". Nur 6,13% machen keine Angaben zu ihren Empfindungen bei Behördenbesuchen; 40,23% beschreiben ihre Behördenbesuche als "normal"; 13,41% beschreiben ihre Erlebnisse als "leicht problematisch"; 40,23% schildern ihre Erfahrungen bei Behördenbesuchen als "hoch problematisch".

Nur 18,8% der Befragten haben eine berufliche Ausbildung absolviert.
Dagegen sind es in der Mehrheitsbevölkerung in der jüngeren Altersgruppe 83,4%.[13]

10,7% der Befragten besuchten eine Förderschule.
Dagegen sind es in der Mehrheitsbevölkerung nur 4,9% aller Schülerinnen und Schüler.[14] Nach Altersgruppen aufgeteilt haben von den Befragten eine Förderschule besucht: 7% der über 50-Jährigen; 13,4% der 26- bis 50-Jährigen; 9,4% der 14- bis 25-Jährigen.

13% der Befragten besuchten keinerlei Schule.
In der Mehrheitsbevölkerung sind es wahrscheinlich unter einem Prozent. Mindestens 44% der Befragten haben keinerlei Schulabschluss. Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung haben 7,5% der 15- bis 17-Jährigen keinen Hauptschulabschluss.[15] Die überwiegende Mehrheit derjenigen, welche die eigene Schul- oder Berufsausbildung abgebrochen beziehungsweise trotz eigenständiger Bemühungen die angestrebten Bildungsabschlüsse nicht erreicht haben, bedauert dies heute ausdrücklich. Darüber hinaus ist vor allem in der dritten Generation eine zunehmende Unterstützung bei den Bildungsbemühungen durch die Familie zu beobachten, verbunden mit einem höheren Schulbildungsgrad der Elterngeneration. Ängste und Misstrauen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft und ihren Bildungsinstitutionen sind jedoch nach wie vor präsent, und die eigenen Unterstützungsmöglichkeiten nehmen sie im Hinblick auf die Schulbildung der Kinder als sehr eingeschränkt wahr. Von den Befragten haben keine Grundschule besucht: 39,5% der über 50-Jährigen; 18,8% der 26- bis 50-Jährigen; 9,4% der 14- bis 25-Jährigen. Eindeutig lässt sich nachweisen, dass das persönliche Engagement für Bildung in der zweiten und dritten Generation gestiegen ist.

Nur 11,5% der Befragten besuchten die Realschule.
Im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung haben über 30% in der Altersgruppe der 14- bis 25-Jährigen einen mittleren Bildungsabschluss.[16] Nach Altersgruppen aufgeteilt besuchten von den Befragten eine Realschule: 4,7% der über 50-Jährigen; 13,4% der 26- bis 50-Jährigen; 12,3% der 14- bis 25-Jährigen.

Nur sechs von 261 Befragten besuchten ein Gymnasium, das sind 2,3%.
In der Mehrheitsbevölkerung haben insgesamt 24,4% Hochschulreife, in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen über 40%.[17]

45,6% der Befragten können/konnten keine Hilfen in der Familie bei den Hausaufgaben erhalten.
8,4% machten keine Angaben zu familiären Hilfen bei Hausaufgaben, 46,0% erhielten familiäre Hilfen bei den Hausaufgaben. Sehr aufschlussreich wird es, wenn Gründe dafür genannt werden, warum keine Hilfe bei den Hausaufgaben erfolgt/erfolgte: Unter 93 Befragten, die solche Gründe benannten, haben allein 72 angeführt: "keine eigene Schulbildung der Eltern", "selbst nur begrenzte schulische Ausbildung", "zu geringe schulische Bildung" oder "kann weder lesen noch schreiben". 18 Befragte geben zusätzlich ausdrücklich "Verfolgung" oder "Verbot, die Schule zu besuchen" in der NS-Zeit an.

Fußnoten

13.
Vergleichszahlen zur Mehrheitsbevölkerung aus: Bildung in Deutschland 2010. Hrsg. im Auftrag der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, S. 10, online: www.bildungsbericht.de/daten2010/bb_2010.pdf (18.4.2011); zur Bildungsbeteiligung siehe dort die Daten aus dem Mikrozensus 2008, S. 227, online: www.bildungsbericht.de/zeigen.html?seite=8404 (18.4.2011).
14.
Vgl. ebd., S. 6.
15.
Vgl. ebd., S. 10.
16.
Vgl. ebd., Tabelle B3-1A, S. 227 (Mikrozensus 2008).
17.
Vgl. ebd.