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23.3.2011 | Von:
Stefan Weidner

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Wer spricht pro Islam?

Im Spektrum der Meinungen zum Islam, jedenfalls in Deutschland und Europa, fällt auf, dass von einer "Islamverherrlichung" [1] nur in eng begrenzten, im Übrigen wenig diskursmächtigen Milieus die Rede sein kann. Es handelt sich vorwiegend um (gläubige) Muslime, darunter in besonderem Maße Konvertiten, sowie vereinzelte "Schwärmer" oder islamnahe Gruppen im weiteren Umfeld von New Age-Bewegungen, die sich zum Beispiel auf den Sufismus, die islamische Mystik, berufen. In Einzelfällen können auch Islamwissenschaftler dazu gezählt werden, so die im Jahr 2003 verstorbene Annemarie Schimmel. [2]

Eine solche, aus einer effektiven Nähe zum Islam als Religion entstandene Apologetik wäre zu unterscheiden von einer oft linksintellektuellen und politisch motivierten "Nachsicht" mit dem Islam, als deren Stammvater der palästinensisch-amerikanische Literaturwissenschaftler Edward Said (1935–2003) gelten kann. In seinem Werk Orientalism (1978) stellte Said die These auf, dass das Aufkommen einer wissenschaftlichen Orientalistik, aber auch des populären Orientbildes im 19. Jahrhundert durch die kolonialen Ambitionen Großbritanniens und Frankreichs wesentlich begünstigt wurden. Besonders brisant ist Saids Feststellung, dass die Orientalistik ideologische, ja teils offen rassistische Haltungen pflegte, die wiederum von Politikern und Meinungsmachern aufgenommen wurden, um Eingriffe in den Orient zu rechtfertigen. Ein markantes Beispiel ist die von Said zitierte Aussage des britischen Orientalisten William Muirs (1819–1905): "Das Schwert Mohammeds und der Koran sind die beiden schlimmsten Feinde der Zivilisation, der Freiheit und der Wahrheit, welche die Welt je gesehen hat." Von solchen Aussagen bis zu den islamkritischen Blogs von heute lässt sich eine gerade Linie ziehen. Wenn Edward Said bis heute umstritten ist, liegt das nicht zuletzt am erschreckend langen Nachleben genau derjenigen Einstellungen gegenüber dem Orient, die er bei den vom ihm untersuchten Autoren herausarbeitet.

Problematische Aspekte des Islams werden in der von Edward Said geprägten Denkrichtung vor allem deshalb nicht oder nur selten thematisiert, weil gefürchtet wird, dass sie als Rechtfertigung für orientalistische Klischees und hegemoniale Ansprüche missbraucht werden, wie es im Kolonialismus der Fall war. Damit ist diese Denkschule bereits eine Reaktion auf dieselben abendländischen Denkmuster, die sich in der heutigen Islamkritik explizit wiederfinden. Die Islamkritik, obwohl der Terminus selbst bis dahin eher ungebräuchlich war, ist damit keineswegs eine Frucht der Anschläge des 11. September 2001, wie zu ihrer Rechtfertigung als einer Art Verteidigungsbewegung von ihren Vertretern gern behauptet wird. Die wichtigsten Werke, auf die sich die Islamkritik heute beruft, sind vielmehr vor diesem Datum erschienen: Samuel Huntingtons "Kampf der Kulturen" (1996), die Werke des amerikanischen Islamwissenschaftlers Bernard Lewis oder im deutschsprachigen Bereich die in den 1990er Jahren publizierten Werke des syrischstämmigen Politikwissenschaftlers Bassam Tibi.

Naturgemäß zählt Edward Said zu den Lieblingsfeinden der Islamkritik, die jedoch, da ihre Argumentationsmuster in die Ära vor Said zurückfallen, das eigentliche Dilemma der von Said geprägten Denkrichtung oft Post-colonial Studies genannt) nicht in den Blick bekommt: Diese am Werk Michel Foucaults geschulte Diskurs- und Machtkritik wäre nur konsequent, wenn sie neben der westlichen Diskursmacht gegenüber dem Orient auch die islamische Diskursmacht gegen alles – gemäß fundamentalistischer islamischer Deutung – Unislamische in den Blick bekommt, wie sie sich in der islamischen Geschichte ebenso findet wie in modernen wertkonservativen und fundamentalistischen Strömungen. Eine Machtkritik, die in den Verdacht gerät, parteiisch zu sein, wird unglaubwürdig und macht sich angreifbar. Sie unterminiert ihre eigene Sache. [3]

Wenn aber gesagt wurde, dass die aktuelle Islamkritik argumentativ im prä-Edward-Said-Stadium verharrt, so ist davon eine bemerkenswerte Ausnahme zu machen. Die Islamkritik hat sich sehr erfolgreich emanzipatorische Positionen zu Eigen gemacht, die ein genuines Produkt derselben weltanschaulichen Strömungen sind, ohne die auch Said und seine Schule nicht denkbar wären, nämlich Marxismus und Postmoderne. Im Ergebnis munitionieren Feminismus [4] und Homosexuellenbewegung die Islamkritik mit einigen ihrer zugkräftigsten Argumente. Im Rahmen des sogenannten Einbürgerungstests wäre die Zustimmung zu diesen Positionen von Seiten der Kandidaten für die Einbürgerung beinahe zu einem entscheidenden Kriterium für diese geworden – und damit Positionen der Islamkritik zur offiziellen staatlichen Politik. [5]

Fußnoten

1.
Vgl. Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.), Islamverherrlichung. Wenn die Kritik zum Tabu wird, Wiesbaden 2010. Der Band mit dem leicht irreführenden Titel macht den vielversprechenden Versuch einer kritischen Erörterung problematischer islamischer Haltungen ohne die üblichen Vorurteile der herkömmlichen Islamkritik. Er diskutiert jedoch nicht das Milieu möglicher "Islamverherrlicher".
2.
Vgl. Stefan Weidner, On the Threshold of a New Epoque. Annemarie Schimmel and the Mediation of Culture between Germany and the Islamic World, in: Art&Thought, (2004) 79, S. 62–68; ders., Zurück zur Vernunft. Islamdebatten und islamische Welt zwischen 9/11 und den arabischen Revolutionen, Bonn (i. E. 2011).
3.
Vgl. ders., Mohammedanische Versuchungen, Zürich 2004, S. 115–119.
4.
Vgl. Alice Schwarzer (Hrsg.), Die große Verschleierung, Köln 2010. Gegenposition bei Birgit Rommelspacher, Zur Emanzipation "der" muslimischen Frau, in: APuZ, (2009) 5, S. 34–38.
5.
Vgl. Patrick Bahners, Die Panikmacher, München 2011, S. 175–212, insb. S. 193 f.