APUZ Dossier Bild

23.3.2011 | Von:
Stefan Weidner

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Herkunft und Verwandtschaft der Islamkritik

Wer den Begriff Islamkritik geprägt hat, ist unklar. Faktisch ist mit Islamkritik nichts anderes gemeint als die Kritik am Islam. Das Wort Islamkritik ist damit analog zu Begriffen wie Kulturkritik oder Gesellschaftskritik gebildet. Wie es Kultur-, Regime- und Gesellschaftskritiker gibt, gibt es nun auch Islamkritiker. Islamkritik zehrt vom guten Ruf des Kritischen an sich, eben von den Leistungen, mit denen etwa Kulturkritiker den gesellschaftlichen Diskurs bereichert haben.

Gegner der Islamkritik könnten den Begriff freilich als Euphemismus bezeichnen. Ob die Islamkritik für den Islam das leistet, was die Gesellschaftskritik für die Gesellschaft, die Kulturkritik für die Kultur leistet, hängt auch von ihrem Niveau ab. Es fällt aber auf, dass die Islamkritiker, mit Ausnahme der Muslime unter ihnen, sich gewiss nicht als Teilmenge des Islams begreifen (auch viele islamkritische oder sogenannte Ex-Muslime tun das nicht mehr, ähnlich wie bei uns die Kirchenkritiker oft auch keine Mitglieder der Kirchen mehr waren), während der Kulturkritiker jedoch zwangsläufig Teil der Kultur ist, die er kritisiert, der Regimekritiker Teil und Opfer der Ordnung, in der das Regime herrscht. Die Kritik eines solchen Kritikers ist damit immer auch Selbstkritik, so wie es die Kritik islamkritischer, aber sich nach wie vor zum Islam bekennender Muslime ist, oder wie es die Kirchenkritik des aus der Kirche ausgetretenen Kirchenkritikers war, sofern er die Kirche noch als Christ kritisierte und nicht etwa als Marxist. Der muslimische Islamkritiker sieht den Balken im eigenen Auge; der nichtmuslimische macht daraus den Splitter im Auge des anderen. Halten wir fest: Nichtmuslimische Islamkritik kostet den Kritisierenden nichts und tut ihm nicht weh.

Unabhängig davon wird die Islamkritik von ihren Gegnern inzwischen oft mit Antisemitismus und Rassismus verglichen. [6] Will der Vergleich nicht einfach pauschal diskreditieren, so bedarf er einer präzisen historischen Einordnung einschließlich einer Herausarbeitung der Unterschiede. Ein umfassender Vergleich beider Bewegungen, der den Ansprüchen der Geschichtswissenschaft genügt, steht leider noch aus. [7] Unabhängig vom Ergebnis eines solchen Vergleichs sollte an seiner Ergiebigkeit und Dringlichkeit kein Zweifel bestehen. "Liberale verlangten, die Juden sollten im Namen universalistischer Ideale das vollständige Verschwinden ihrer spezifischen Gruppenidentität akzeptieren; Nationalisten dagegen verlangten ein derartiges Verschwinden zugunsten einer höheren partikularistischen Idee, der des modernen Nationalstaats", [8] beschreibt Saul Friedländer die Situation der Juden um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland.

Vergleichbare Positionen finden sich heute unter den Islamkritikern gegenüber den Muslimen und prägten unter anderem Diskussionen um die Aussage des Bundespräsidenten Christian Wulff vom 3. Oktober 2010, "auch der Islam gehört zu Deutschland". [9] Sie tauchen die Islamkritik in ein Zwielicht, über das sich diese selbst erst langsam Rechenschaft ablegt. Auch wenn man islamkritischen Positionen nicht pauschal Rassismus unterstellen will, muss man feststellen, dass in der Islamkritik die weltanschaulich und religiös begründete Ablehnung einer gesellschaftlich minoritären Gruppe korreliert mit einer solchen, die durch den bloßen Anblick eines fremd oder anders wirkenden Menschen motiviert werden kann. Muslime sehen nun einmal häufig etwas anders aus als die meisten Mitteleuropäer; oder sie kleiden sich anders, was die Islamkritik, wie wir an den Kopftuch-Debatten sehen, besonders stört.

Islamkritik ist nicht ursprünglich Rassismus. Aber sie ist rassistischen Empfindungen gegenüber anschlussfähig. Das macht sie angreifbar, zumal kaum einer ihrer namhaften Vertreter dies als Problem empfindet und thematisiert. Es gehört zum Charakteristikum der Islamkritik, dass sie sich gegenüber ihren schmuddeligen Rändern nicht entschieden abgrenzt.

Fußnoten

6.
Viel Aufsehen erregt haben in diesem Zusammenhang Äußerungen von Wolfgang Benz, dem ehemaligen Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin: Hetzer mit Parallelen, in: Süddeutsche Zeitung vom 04.10.2010.
7.
Vgl. Wolfgang Benz (Hrsg.), Islamfeindschaft und ihr Kontext. Dokumentation der Konferenz "Feindbild Islam – Feindbild Jude", Berlin 2009.
8.
Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden, München 2007, S. 96.
9.
Vgl. P. Bahners (Anm. 5), S. 6–48, S. 306 f.