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23.3.2011 | Von:
Stefan Weidner

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Was leistet Islamkritik?

Man säße einer Illusion auf, wenn man glaubte, man könnte die islamkritischen Thesen mit Hilfe schierer islamwissenschaftlicher Sachkenntnis in wahre und falsche Behauptungen aufteilen und dergestalt eine sachliche Auseinandersetzung in die Wege leiten, die zu fundierten Aussagen über den Islam und die Muslime käme. Es ist naiv, anzunehmen, man könnte Islamkritiker "überzeugen" oder zu einer Revision oder Abmilderung ihrer Ansichten bewegen.

Dies gilt mindestens für den harten Kern der Islamkritik einschließlich ihrer medialen Protagonisten. Wer unter den Islamkritikern seine Ansichten revidiert, abmildert oder weniger absolut setzt, hat damit zu rechnen, selber wieder von der Islamkritik angegriffen zu werden, wie ich es weiter unten am Beispiel des Politikwissenschaftlers Hamed Abdel-Samad zeige.

Trifft aber diese Behauptung über die Unverbesserlichkeit des Kerns der Islamkritik zu, wird sie doch durch die Tatsache entwertet, dass die Islamkritiker von ihren Gegnern dasselbe behaupten. Eine Beschreibung der Islamkritik, ebenso wie eine Auseinandersetzung mit ihr, die über Tatsachen oder Tatsachenbehauptungen geführt wird, dürfte deshalb zu keinem Ergebnis kommen. In seiner anti-islamkritischen Streitschrift "Die Panikmacher" lässt sich Patrick Bahners, Feuilletonchef der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ), auf Diskussionen über die Natur des Islams meistens gar nicht erst ein. Er hinterfragt vielmehr die immanente Schlüssigkeit islamkritischer Thesen und analysiert ihre rechtlichen und weltanschaulichen Implikationen. Sie dem Publikum bewusst zu machen, wie Bahners es tut, bedeutet, die Frage zu stellen, ob wir – das Publikum – diese Konsequenzen wirklich wollen oder nicht. Dem liegt das Kalkül zugrunde, dass womöglich mehr Menschen islamkritische Thesen übernehmen als bereit wären, deren Implikationen gutzuheißen, wenn sie offen zutage treten.

Islamkritische Behauptungen sind, obwohl sie in Form von Wirklichkeitsaussagen daherkommen, in aller Regel verkappte (negative) Werturteile. Ihre Evidenz beziehen sie eben nicht aus der dem Durchschnittspublikum ohnedies weitgehend unbekannten Sache des Islams, sondern dadurch, dass sie mit bewusst oder unbewusst bereits vorhandenen Werturteilen über den als oft fundamental fremde Kultur begriffenen Islam harmonieren. Islamkritische Urteile sind nicht richtig oder falsch und müssen sich nicht an der Wirklichkeit messen lassen. Sie müssen in den Ohren des Publikums nur richtig klingen. Sie klingen aber fast immer richtig, aus dem einfachen Grund, dass sie einer Selbstversicherung und Selbstvergewisserung ex negativo dienlich sind. Jeder islamkritische Satz hält eine implizite Aufwertung aller derjenigen Teile des Publikums bereit, die sich nicht zum Islam rechnen, die keine Muslime sind oder sich, wie etwa dezidiert säkularisierte, nicht mehr als solche begreifen. Der semantische Wert islamkritischer Sätze liegt nicht in ihrem Gehalt, sondern in ihrer Bereitschaft zum Urteil.

Anhand eines vielzitierten islamkritischen Satzes sei das aufgezeigt. "Der Islam will die Welteroberung" [10] ist eine Behauptung, die sich aus der Sache heraus, nämlich Theologie und Geschichte des Islams, weder endgültig belegen noch widerlegen lässt. Wäre man an einer sachlichen Erörterung interessiert, müsste man sich auf eine weitaus weniger weitreichende Aussage festlegen: Der Islam ist eine Religion mit weltmissionarischem Anspruch, vergleichbar dem Christentum. Wie im Christentum finden sich im Islam sowohl Beispiele für die Ausbreitung auf gewaltsame als auch auf friedliche Weise, finden sich sowohl "Kreuzzügler" als auch "Missionare". Man kann aber schlecht die friedliche Ausbreitung des Frühchristentums zur einzig wahren Natur des Christentums verklären und die im Zuge von Eroberungen sich vollziehende des nachmekkanischen Islams zur einzig wahren des Islams, nur weil der Pazifismus (der martialischen Rhetorik vieler Islamkritiker zum Trotz) immer noch irgendwie in Mode ist und man sich selbst gern den friedliebenden Menschen zurechnet. Selbst wenn gälte, dass "eine Offenbarungsreligion ihrem Ursprung [Was ist das, wo liegt der, wer legt ihn fest?, S. W.] ausdrücklich verpflichtet ist", [11] müsste man doch zugestehen, dass die Europäer von heute mit den frühen Christen mindestens so wenig gemein haben wie die heutigen Muslime mit denen des 7. Jahrhunderts.

Wiewohl unsachlich, hat der Satz von den islamischen Welteroberungsgelüsten spätestens seit den Anschlägen vom 11. September 2001 eine große gefühlte Evidenz. Er entwirft den Islam als Weltschurken, als Gegenteil eines idealisierten friedlichen Christentums, das zur Identifikation einlädt. Auch unabhängig vom Christentum hält die große Mehrheit der Bundesbürger – anders als ihre noch für das "Tausendjährige Reich" kämpfenden (Ur-)Großväter – ein Welteroberungsstreben vermutlich für verwerflich. Gelingt es nun, ein solches Bild des Islams medial weithin zu verbreiten, wird sich jeder, der sich für einen rechtschaffenen Bundesbürger hält und diesem Bild glaubt, vom Islam abgestoßen fühlen. Zugleich ist er in den billigen Genuss einer genuinen moralischen Empfindung gekommen, einer moralischen Empfindung, die unsere überkomplexe Gesellschaft selten gewährt: Für einmal ganz sicher zu wissen, was richtig beziehungsweise falsch ist: die Welteroberung. Also der Islam.

Die Leistung des islamkritischen Diskurses besteht weniger in seinen Erkenntnissen über den Islam als vielmehr in der Schaffung einer hohen Anzahl moralischer Urteile sowie emphatisch für die eigene Sache reklamierter Werte. Islamkritik dient zur Selbstbesinnung. Dagegen wäre nicht das geringste einzuwenden, täte sie dies nicht auf Kosten einer in Europa minoritären Gruppe von Menschen, die man auch auf globaler Ebene kaum zu den Gewinnern der vergangenen zwei bis drei Jahrhunderte zählen kann. Mit anderen Worten: Die Selbstbesinnung eines militärisch, ökonomisch und kulturell überlegenen "Abendländers" findet auf Kosten der Verlierer der Geschichte statt. Zumindest ist dies nicht sehr christlich. Ob es von weltlicher Weisheit kündet, wird sich zeigen.

Die Islamkritik begründet mit der Ablehnung des Islams das Axiom eines komplexen Systems von Werten und Weltanschauungen. In simpler Syllogistik folgt aus dieser Ablehnung alles Weitere, und alles Weitere folgt aus der Ablehnung des Islams: Weil der Islam schlecht ist, so die Logik, ist er unvereinbar mit dem, was nach unserer Auffassung gut ist: Demokratie, Freiheit, Individualität, Gleichberechtigung, Aufklärung und was einem einfallen mag; wenn aber der Islam unvereinbar ist mit Demokratie, Freiheit, Aufklärung, dann kann er nur schlecht sein. Die vollendete Tautologie dieser Schlussfolgerungen erschließt sich leicht. Mit dem in Historie und Theologie nachweisbaren Islam haben sie längst keinen Konnex mehr.

Um zu seinen Bewertungen zu kommen, muss der Islamkritiker davon ausgehen, dass der Islam seinem Wesen nach durch alle Zeit weitgehend mit sich selbst identisch geblieben ist, also 1400 Jahre lang und in einem geografischen Raum, der den halben Erdball umfasst. Der Islam wäre das beständigste mit sich selbst identische kulturelle System der Weltgeschichte: ein Wunder. Nehmen wir die Islamkritik ernst, müssen wir an Allah glauben. Freilich, kaum jemand außerhalb ihres harten Kerns und ihrer lautesten Fürsprecher nimmt die Islamkritiker in allen ihren Annahmen und Befürchtungen ernst. Aber ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung, wie wir sie aus Leserbriefen und Umfragen kennen, und ein noch beträchtlicherer Teil unter Politikern, Berufsbeamten und Intellektuellen übernimmt mit der einen oder anderen Variation zentrale Thesen der Islamkritiker.

Im harmlosesten Fall verdirbt die Islamkritik damit die Stimmung zwischen Alteingesessenen und Zugewanderten im Land. Im schlimmsten Fall lässt sie sich als Rechtfertigung zum Mord verstehen. [12] Dazwischen liegt die Versuchung zu anti-islamischen Gesetzen (Kopftuch-Urteil) und jeder Menge Behauptungen, deren gebetsmühlenartige Wiederholung aus islamkritischem Mund genau die Werte aushöhlt, die hochgehalten werden sollen. Wenn ein Islamkritiker das Wort Aufklärung benutzt, weiß man schon, dass Aufklärung im ursprünglichen Sinn eines selbstständigen und selbstkritischen Denkens [13] nicht gemeint sein kann. Aufklärung wird zur Phrase, die nichts als die Gegenposition zu dem von der Islamkritik imaginierten Islam meint und alles Hinterfragen, jede Nachdenklichkeit, die doch das Kennzeichen von Aufklärung wären, zu einem Akt der Aufklärungsfeindschaft zu erklären droht. [14]

Fußnoten

10.
Vgl. Egon Flaig, Der Islam will die Welteroberung, in: FAZ vom 16.09.2006. Vgl. dazu die Replik von Almut Höfert, Die glorreichen Tage des Dschihad sind Geschichte, in: FAZ vom 19.10.2006.
11.
P. Bahners (Anm. 5), S. 58.
12.
Der Mord an der ägyptischen Pharmazeutin Marwa el Sherbini in einem Dresdner Gerichtssaal am 1. Juli 2009 darf als das erste derartige Verbrechen gelten, das sich unmittelbar mit dem islamkritischen Diskurs in Deutschland in Verbindung bringen lässt.
13.
Vgl. zur islamkritischen Aufklärungsrhetorik S. Weidner (Anm. 3), S. 135–142.
14.
Vgl. Patrick Bahners, Fanatismus der Aufklärung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2010) 9, online: www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/ 2010/september/fanatismus-der-aufklaerung (17.02.2011); Stefan Weidner, Affekt und Ressentiment, in: Süddeutsche Zeitung vom 31.05.2010.