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23.3.2011 | Von:
Stefan Weidner

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Demokratisierungsversuche in der islamischen Welt

Die keinem Beobachter entgehende krisenhafte Situation in den meisten islamischen Ländern, die seit Jahrzehnten bestehende Verstocktheit des religiösen Denkens in der islamischen Welt, die prekäre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Lage vieler Muslime im Westen munitioniert den Islamkritiker mit schwer zu widerlegenden Argumenten über die Minderwertigkeit des Islams. Je prekärer die Lage des Islams und der Muslime wird, desto bessere Argumente hat er an der Hand. Die offenbar aus einem politischen Partizipationswillen, sprich demokratisch inspirierten Revolutionen in Tunesien und Ägypten Anfang dieses Jahres bringen die Islamkritiker in Verlegenheit.

Angesichts dessen, was der islamkritischen Ideologie gemäß nicht sein darf, beeilen sie sich, ihr angelerntes Wissen zu bekräftigen: "Der Islam war von Anfang an eine Einheit von Religion und staatlicher Herrschaft. Demokratie setzt aber die Trennung der beiden Bereiche voraus, die es dort nirgendwo gibt. Und wenn wir uns schon im Westen heute – lange nach der Epoche der Aufklärung – verzweifelt fragen, warum es nicht mehr mündige, rational denkende Menschen als Basis von Politik und Gesellschaft gibt, wie soll dann im Islam 'Demokratie' entstehen, wo sogar ein Beginn der Aufklärung noch aussteht", so hieß es in einem Leserbrief an die FAZ am 5. Februar 2011 zu den Protesten in der arabischen Welt. Das ist in etwa die Unterstützung, welche die arabischen Demokraten sich vom Westen erhoffen. "Wahrscheinlich kann eine reife Demokratie nur auf Basis des christlichen Menschenbildes entstehen und bestehen", ergänzt auf derselben Leserbriefseite ein weiterer Kommentar. Ob Aufklärung oder Christentum für die Demokratie sorgen, ist letztlich gleichgültig: Hauptsache, wir sind es, nicht die Muslime. Islamkritiker müssen auf das Scheitern aller Demokratisierungsversuche in der islamischen Welt hoffen, andernfalls geriete ihr Weltbild in die Brüche.

Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Abdel-Samad, bis vor kurzem noch ein beliebter muslimischer Gewährsmann der Islamkritiker, löste in Teilen seiner Leserschaft beträchtliche Irritationen aus, als er nach dem Anschlag auf einen koptischen Gottesdienst im Januar 2011 in Alexandria die durch die Mubarak-Diktatur angestaute Frustration eine der Ursachen des Terrorismus nannte. [15]

Eine der ersten Leserreaktionen lautete unverblümt, dass dies Augenwischerei sei. Solange man nicht erkenne, dass der Islam die Anbetung des Bösen an sich sei, sei alles andere ein Herumdoktern an Symptomen. [16] Auch Walter Laqueur tat sein Unbehagen gegenüber den Thesen von Abdel-Samad kund, [17] als dieser mit seinem Buch "Der Untergang der islamischen Welt" gegen eines der zentralen Dogmen der Islamkritik verstieß: dass nämlich der Islam im Aufwind begriffen sei und immer gefährlicher werde, der Westen also in einen Abwehrkampf genötigt werde. Wenn die islamische Welt aber unübersehbare Zeichen des Untergangs zeigt, wie Hamed Abdel-Samad, freilich nicht weniger undifferenziert, behauptet, dann kann der Westen ihr allenfalls den Gnadenstoß versetzen – fürchten muss er sie nicht. Die Islamkritik hätte ausgedient.

Dass der islamische Fundamentalismus, zumal der gewaltbereite, eine große Herausforderung darstellt, wird nur ein Narr leugnen. Die Auseinandersetzung mit diesem Fundamentalismus, gleich ob gewaltbereit oder nicht, ist auf allen Ebenen zu führen, wobei der größte Verbündete des Westens die Muslime selber sind. Sie vor allem leiden unter dem islamistischen Terror und der fundamentalistisch begründeten Beschneidung elementarer Rechte dort, wo der Islamismus staatstragend ist: unter allen islamischen Ländern übrigens gegenwärtig in Iran und Saudi-Arabien. Wenn die Gefahren des politischen Islams aber so groß sind, wie die Islamkritik behauptet, schiene es doch angeraten, nicht nur Iran, sondern auch Saudi-Arabien, den Hauptförderer der sunnitisch-fundamentalistischen Mission, politisch und wirtschaftlich zu isolieren. Aber wenn es ums Geld geht, setzt auch beim Islamkritiker der Realismus ein: So groß erscheint ihm die Gefahr dann doch nicht, dass ihm ein Benzinpreis von zwei Euro infolge eines Boykotts saudischen Öls politisch vermittelbar wäre.

Fußnoten

15.
Vgl. Hamed Abdel-Samad, Alexandria hat sich in der Diktatur verloren, in: Die Welt vom 05.01.2011, online: www.welt.de/debatte/kommentare/
article11985107/Alexandria-hat-sich-in-der-Diktatur-verloren.html (17.02.2011).
16.
Die Leserkommentare zu dem Artikel sind nicht mehr abrufbar. Ich zitiere nach bestem Wissen aus dem Gedächtnis.
17.
Vgl. Walter Laqueur, Hamed Abdel Samad prophezeit das Ende des Islam, in: Die Welt vom 19.11.2010, online: www.welt.de/kultur/history/article10947310/
Hamed-Abdel-Samad-prophezeit-das-Ende-des-Islam.html (17.02.2011).