BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

23.3.2011 | Von:
Stefan Weidner

Vom Nutzen und Nachteil der Islamkritik für das Leben

Aufklärung des Islams

Heißt das in diesem Beitrag Gesagte, dass der Islam nicht kritisiert werden darf, die Gefühle von Muslimen sakrosankt sind oder die Probleme in der islamischen Welt nicht auch etwas mit dem Islam oder der Verstocktheit vieler seiner Vertreter zu tun haben können? Sicherlich nicht. Die Idee aber, dass die westliche Beschäftigung mit dem Islam nicht primär dem Erkenntnisinteresse dient, sondern eine Bewertung implizieren muss, mutet komisch an. Dient die Altphilologie heute noch dazu, die Antike zu bewerten? Die Kritik des Islams ist zuerst die Aufgabe der Muslime selbst, eine Aufgabe übrigens, die jedenfalls die Intellektuellen unter ihnen in großer Zahl annehmen. [18] Man kann ihnen diese Kritik schmackhaft machen, man kann und soll Fragen stellen, Anregungen geben, nachbohren, auf den Punkt bringen. Wenn man an einem Gespräch und der Entwicklung von Beziehungen interessiert ist, nicht an wechselseitigen Vorwürfen und Beschimpfungen, wird man zwischen den Erfordernissen der Höflichkeit und denen von Deutlichkeit und Offenherzigkeit abzuwägen wissen.

Eine Beeinflussung der islamischen Theologie und Exegese, die Aufklärung des Islams, wird sich nicht, wie die Islamkritik glaubt, über lautstark erhobene Forderungen und Anwürfe vollziehen, sondern über exakte philologische Forschung. [19] Wenn es unserer Politik ernsthaft darum zu tun ist, sollte es ihr primär um eine Verbesserung der personellen Ausstattung der islamwissenschaftlichen Seminare gehen, überhaupt der philologischen Disziplinen und mit ihnen der Pflege auch des eigenen geistigen Erbes: Ein Phänomen wie die Islamkritik ist zu erklären nicht nur aus der krisenhaften Begegnung mit dem Islam, sondern auch aus einem Mangel an Bildung und Denkkultur, einem veräußerlichten, undurchdachten Bezug zu den eigenen, nur noch als Worthülsen rezipierten kulturellen Traditionen – die Aufklärung eingeschlossen.

Fußnoten

18.
Vgl. Ludwig Ammann/Katajun Amirpur (Hrsg.), Der Islam am Wendepunkt, Bonn 2007 (Schriftenreihe der bpb, Band 580).
19.
Als Beispiel dafür sei die historisch-kritische Koranforschung in Deutschland erwähnt. Bahnbrechende Ergebnisse sind nachzulesen bei Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike, Berlin 2010.