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2.3.2011 | Von:
Tilman Mayer

Demografiepolitik - gestalten oder verwalten?

Strategische Politik und Wissenschaft

Was heißt Strategie? Welcher konzeptionelle Zugriff darf mit diesem Ansatz verbunden werden? Es liegt neuerdings auch in der Politikwissenschaft eine gute Literaturgrundlage vor, von der aus sich argumentieren lässt.[3] So kann folgende, dem demografischen Politikfeld angemessene Definition gegeben werden: Demografische Strategie bedeutet politisches Handeln mit dem Ziel, demografische Prozesse a) zu beeinflussen oder zu steuern und/oder b) zu verwalten und zu kanalisieren. Über eine Strategie zu verfügen heißt also, ein Ziel zu haben, wohin man steuernd gelangen will und mitzuteilen, mit welchen Mitteln und unter welchen Umständen dies geschehen soll.

Unter demografischen Prozessen subsumiert man die Zu- und Abwanderung, die Geburtenentwicklung, die Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft. Diese Prozesse laufen fast unabhängig von jedweder Steuerung ab. In der Bevölkerungswissenschaft[4] stellen sie die wichtigsten Untersuchungsfelder dar, die selbstverständlich in Bezug gesetzt werden zu vorherrschenden Einstellungen und Rahmenbedingungen wie auch zu ökonomischen, sozialen und kulturellen Begleitumständen. Es sei ganz besonders betont, dass die Wissenschaft von der Bevölkerung wie keine andere weit in die Zukunft reichende Berechnungen vornehmen kann. Von daher müsste es selbstverständlich sein, ihre Kompetenz abzurufen und in gesellschaftliche und politische Planungsprozesse einzubeziehen.[5] Weil aber manche der Aussagen aufgrund der vorliegenden Daten nicht unbedingt erfreulich sind, wird der demografische Sachverstand nicht selten ignoriert. Eine in der Politik verbreitete, verständliche Aversion gegen Demografen hat mit deren oft düsteren Zukunftsszenarien zu tun. Das sollte man bedenken, wenn man die Politik für die Akzeptanz demografischer Fragen gewinnen will; als Maßstab kann dies allein allerdings nicht gelten.

Das Ansinnen, demografische Prozesse beeinflussen zu wollen, stellt eine weitere Schwierigkeit dar. Auch Nicht-Eingriffe sind Entscheidungen. Auf den erwähnten Geburtenrückgang so gut wie nicht zu reagieren oder eine Reaktion als sinnlos auszugeben, überlässt ihn dem Selbstlauf, wie geschehen. Der Versuch, generatives Verhalten steuern zu wollen, ist ein heikles moralisches Unterfangen, auf das sich in demokratischen Gesellschaften so gut wie niemand festlegen lassen möchte. Das Gegenteil aber, Geburtenzahlen in Entwicklungsländer begrenzen zu wollen, wird als selbstverständlich angesehen. Mit derartigen Dialektiken umzugehen, setzt zumindest einige Sensibilität voraus. Ähnliches gilt für das Thema Migration. Ob ein Land Zuwanderung haben möchte oder nicht, ob es also diesen demografischen Prozess steuern will, gar Zuwanderer - etwa nach einem bestimmten Punktesystem - auszuwählen beabsichtigt, zeigt ein weiteres Segment dessen auf, was es bedeutet, auf demografische Prozesse Einfluss nehmen zu wollen.[6]

Fußnoten

3.
Vgl. etwa Elmar Wiesendahl, Rationalitätsgrenzen politischer Strategie, in: Joachim Raschke/Ralf Tils (Hrsg.), Strategie in der Politikwissenschaft. Konturen eines neuen Forschungsfeldes, Wiesbaden 2010, S. 21-44.
4.
Die Bevölkerungswissenschaft ist bedauernswerterweise in der Hochschullandschaft stark unterrepräsentiert; dabei kommt es sehr auf die Lehre an, damit eher spezialisierten, migrationsforschungsspezifischen, frauenpolitischen, familienpolitischen, altersforschungsspezifischen Ansätzen die Breite des Faches gegenübergestellt werden kann, was eine ganz andere Urteilsstärke erzeugen würde.
5.
Vgl. Hansjörg Bucher/Claus Schlömer, Que sera, sera. The future's not ours to see, Die BBR-Bevölkerungsprognose in Konfrontation mit der Realität, in: Information zur Raumentwicklung, (2008) 11-12, S. 682-694.
6.
Siehe auch den Beitrag von Hans Dietrich von Loeffelholz in diesem Heft.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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