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2.3.2011 | Von:
Tilman Mayer

Demografiepolitik - gestalten oder verwalten?

Verhältnis von Politik und Demografie

Im Verhältnis von Politik und Demografie, Politiker und Bevölkerungswissenschaftler, bestehen gegenseitige Vorbehalte. Früher sahen Politiker in der Demografie zu langfristig ablaufende Prozesse, die sie in ihrer überschaubaren Amtszeit vermutlich nicht würden beeinflussen können, weswegen jeglicher Eingriff, noch dazu ein umstrittener, etwa pronatalistischer, unterlassen wurde. Hinweise von Demografen, es sei vielleicht mit einer Null-Komma-X-Wirkung zu rechnen, beendeten meistens die Kontakte, denn es sei wohl kaum einem auf Erfolge angewiesenen Politiker zuzumuten, sich bei derartigen "Wirkungen" politisch einzusetzen. So gingen die Jahrzehnte ins Land. Demografen, vor allem die im engeren Sinne nur empirisch arbeitenden Sozialwissenschaftler, wollten sich in ihrem Terrain nicht von politischen Fragen leiten lassen. Man arbeite getrennt von normativen politischen Welten - was an sich nie stimmte, denn es gibt auch in der Gesellschaftspolitik bzw. in der Migrations-, Frauen-, Familien- oder Gleichstellungspolitik zahllose deutliche, um nicht zu sagen einseitige Positionierungen. Neutralität kann nicht einfach unterstellt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die deutsche Demografie besonderen Wert auf den Abstand zur Politik legt - wofür die aktuelle demokratische Politik nichts kann, denn das Problem liegt in der Vergangenheit der Bevölkerungswissenschaft. Zwar kam es zu einigen Aufarbeitungen der Disziplin, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts agierte,[9] aber das Bedürfnis, sich in keinster Weise von politischen Hintergründen tangiert zu sehen, ist nach wie vor groß und verständlich. Hinzu kommen Anwürfe von Seiten mancher Autoren, die sich aus der Bearbeitung der Fehlentwicklungen der Vergangenheit berufen fühlen, die bestehende Bevölkerungswissenschaft ihrerseits belehren zu wollen oder gar grundsätzlich in Zweifel ziehen. Angesichts der internationalen Präsenz des Faches und seines festen Kanons kann man diese Attitüden zwar fachlich ignorieren, sie haben aber in manchen Medien noch einen Nachrichtenwert. Aus diesem Grunde gibt es auch innerhalb der Demografie manchmal Probleme, über Themen wie Geburtenförderung zu sprechen.

Dennoch kam es durchaus vor, dass man gelegentlich von Seiten der Politik auf Demografen zuging und Fragen zu bestimmten Themen aufwarf, die mit Expertisen zu bearbeiten waren. Der große Bereich der Familiendemografie bzw. auch der Familiensoziologie hat es entsprechend zu hoher Aufmerksamkeit gebracht.

Fußnoten

9.
Vgl. Rainer Mackensen (Hrsg.), Bevölkerungsfragen auf Abwegen der Wissenschaften. Zur Geschichte der Bevölkerungswissenschaft im 20. Jahrhundert, Opladen 1998; Bernhard vom Brocke, Bevölkerungswissenschaft Quo vadis? Möglichkeiten und Probleme einer Geschichte der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland, Opladen 1998.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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