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2.3.2011 | Von:
Jürgen Dorbritz
Norbert F. Schneider

Wo bleiben die Kinder? Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur

Generatives Verhalten im internationalen Vergleich

In Europa bestehen gegenwärtig, gemessen an der zusammengefassten Geburtenziffer (total fertility rate, TFR),[1] deutliche Fertilitätsunterschiede. Die Spanne reicht von 1,31 Kindern je Frau in Lettland bis 2,23 in Island. Deutschland rangiert mit einer für die Jahre 2005 bis 2010 gemittelten Geburtenziffer von 1,32 weltweit auf dem zehnten Platz der Länder mit der niedrigsten Geburtenziffer. Noch niedriger sind die Ziffern unter anderem in Südkorea (1,22), Japan (1,27), Weißrussland (1,28) und der Ukraine (1,31).[2] Beim gegenwärtigen Geburtenniveau in Deutschland ist die Kindergeneration um ein Drittel kleiner als die Elterngeneration. Erstmals seit geraumer Zeit ist in Europa aber in einer ganzen Reihe von Ländern wieder ein Anstieg der zusammengefassten Geburtenziffern zu beobachten - Deutschland gehört jedoch nicht dazu.

Neben der Geburtenziffer bestehen einige weitere bedeutsame Unterschiede im generativen Verhalten in Europa: Bei den Anteilen nichtehelich Lebendgeborener reicht die Spannweite nach Angaben von Eurostat in Europa von 6,6 Prozent in Griechenland bis 64,4 Prozent in Island. Deutschland weist mit 30,2 Prozent ein mittleres Niveau auf. Dabei bestehen nach Angaben des Statistischen Bundesamts ausgeprägte Unterschiede zwischen Ost und West. Während in Westdeutschland 24,6 Prozent aller Kinder im Jahr 2009 außerehelich geboren wurden, waren es in Ostdeutschland 59,9 Prozent. Zwischen dem Geburtenniveau und den Anteilen nichtehelich Lebendgeborener lässt sich ein statistischer Zusammenhang nachweisen: In der Tendenz erreicht die zusammengefasste Geburtenziffer in den Ländern ein höheres Niveau, in denen die Anteile nichtehelicher Geburten hoch sind. Die Entkoppelung von Ehe und Elternschaft ist ein Merkmal der Deinstitutionalisierung der Ehe. Angenommen wird, dass die soziale Institution Ehe mit den sie stützenden vielfältigen Rechten und Pflichten an Attraktivität verloren und sich für einen wachsenden Teil der Menschen in Europa eher zum Hindernis für die Verwirklichung individueller Lebensentwürfe entwickelt hat. In Ländern wie etwa den südeuropäischen, in denen nichteheliche Elternschaft weiterhin stigmatisiert ist, wirkt dieser Zusammenhang negativ auf das Geburtengeschehen.

Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt von Kindern ist in Deutschland und in Europa seit den 1970er Jahren stark angestiegen und steigt derzeit noch weiter. 2009 hatten bulgarische Kinder die jüngsten Mütter, sie waren im Durchschnitt 26,6 Jahre, und die schweizerischen Kinder die ältesten (31,1 Jahre). Während in den vormals sozialistischen Ländern die Kinder immer noch vergleichsweise früh zur Welt kommen, sind laut Eurostat die Mütter in West- und Südeuropa bei der Geburt ihrer Kinder etwa 30 Jahre alt, in Deutschland 30,2 Jahre.

Deutschland, insbesondere Westdeutschland, gilt als die Region mit der höchsten Kinderlosigkeit in Europa. Jede vierte Frau, die 1968 in der Bundesrepublik geboren wurde, ist kinderlos geblieben. In Ostdeutschland sind es nur 12,7 Prozent. Mit Westdeutschland vergleichbare Werte finden sich nur noch in der Schweiz und in Österreich. Der Anstieg dauerhafter Kinderlosigkeit ist jedoch ein europaweiter Trend. Sie wird in den weiteren Betrachtungen erhöhte Aufmerksamkeit erfahren.

Fußnoten

1.
Die zusammengefasste Geburtenziffer errechnet sich aus der Summe aller altersspezifischen Geburtenziffern von Alter 15 bis 45 bzw. 49. Die TFR ist eine zusammengesetzte, hypothetische Kennziffer und gibt an, wie viele Kinder je Frau geboren würden, wenn für deren ganzes Leben die altersspezifischen Geburtenziffern des jeweils betrachteten Kalenderjahres gelten würden. Sie ist die am häufigsten verwendete Kennziffer zur Charakterisierung des aktuellen Geburtenniveaus, weil die tatsächlichen durchschnittlichen Geburtenzahlen je Frau erst dann festgestellt werden können, wenn die Frauen das gesamte gebärfähige Alter durchlaufen haben. Der Ausweis, wie viele Kinder die Frauen tatsächlich bekommen, erfolgt in der Kennziffer "endgültige Kinderzahl". Die TFR hat den Nachteil, dass sie durch das Vorziehen von Geburten in ein niedrigeres oder das Verschieben in ein höheres Lebensalter beeinflusst wird. Da die Fertilitätsverhältnisse des jeweils betrachteten Kalenderjahres unterstellt werden, wird in den vergangenen Jahren die tatsächliche Fertilität der Frauen mit der zunehmenden Zahl von Geburten im höheren Alter unterschätzt.
2.
Vgl. United Nations (Department of Economic and Social Affairs, Population Division), World Population Prospects: The 2008 Revision. CD-ROM Edition, New York 2009.

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