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2.3.2011 | Von:
Jürgen Dorbritz
Norbert F. Schneider

Wo bleiben die Kinder? Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur

Rückgang der Fertilität seit Ende des 19. Jahrhunderts

Die heutige Fertilitätssituation ist ohne die Kenntnis ihrer historischen Entwicklung nicht zu verstehen. Für die Langzeitanalyse der Geburtenentwicklung stehen zwei Kennziffern zur Verfügung - die zusammengefasste Geburtenziffer in den Kalenderjahren und die endgültige Kinderzahl der Frauen nach Geburtsjahrgängen.[3] Nur die Betrachtung beider Ziffern ermöglicht belastbare Einschätzungen.

Ein erstes Bild über den langfristig verlaufenden Fertilitätstrend bietet die Entwicklung der zusammengefassten Geburtenziffer im Zeitraum 1871 bis 2009 (Abbildung 1). Auffällig auf den ersten Blick sind drei Sachverhalte: Erstens sinkt der Wert der zusammengefassten Geburtenziffer langfristig ab, von nahezu 5 auf unter 1,4 Kinder je Frau. Zweitens setzt sich der rückläufige Trend über eine Vielzahl von Schwankungen durch (siehe Beschriftungen in Abbildung 1 in der PDF-Version); diese sind ausgelöst durch besondere historische Ereignisse und vor allem durch das Ausbleiben, aber auch durch das "Vorziehen" und "Nachholen" von Geburten erklärbar. Schließlich sind zwei Phasen eines jeweils nachhaltigen Geburtenrückgangs erkennbar, eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts, eine zweite zwischen 1965 und 1974.

Der erste Geburtenrückgang ist Bestandteil eines generellen demografischen Übergangs, in dem zuerst die Sterbeziffern und nachfolgend die Geburtenziffern zurückgegangen sind. Der Sterblichkeitsrückgang ist hauptsächlich aus dem Wirken äußerer Faktoren im Zuge der Industrialisierung zu erklären. Maßgeblich dazu beigetragen haben der medizinische Fortschritt und die verbesserten Ernährungsmöglichkeiten. Der Fertilitätsrückgang ist dagegen viel stärker das Ergebnis veränderter individueller Handlungsweisen. Er war einerseits der intensivierten Geburtenkontrolle geschuldet und andererseits vor allem Ergebnis der veränderten Rolle des Kindes in Familie und Gesellschaft. Kinder verloren Ende des 19. Jahrhunderts ihre Bedeutung als Arbeitskraft und Altersstütze der Eltern. Statt viele Kinder zu haben, investierten Eltern verstärkt Zeit, Geld und Emotionen in wenige Kinder.[4] Deren zukünftiger Lebensverlauf entschied sich über Erziehung und Ausbildung. Es setzte sich die Auffassung durch, dass die Eltern ihre Rolle zum Wohl des Kindes mit weniger Kindern viel besser erfüllen könnten.

Der zweite Geburtenrückgang (Europe's second demographic transition) schloss sich zumindest in Westdeutschland an das Nachkriegsgeburtenhoch an. Die zusammengefasste Geburtenziffer sank in kurzer Zeit sehr stark und erreichte 1975 in der Bundesrepublik mit einem Wert von 1,45 ein Niveau, das seither nur noch geringfügig unterschritten wurde. Dieser zweite Geburtenrückgang war, nach Johan Surkyn und Ron Lesthaeghe,[5] neben der Verbreitung von zuverlässigen und leicht zugänglichen Verhütungsmitteln, vor allem durch den Prozess der Individualisierung hervorgerufen, also durch die Erweiterung individueller Handlungsspielräume in Verbindung mit einer größeren Autonomie und Selbstbestimmtheit, aber auch mit mehr Eigenverantwortung und Ungewissheit.

Abbildung 2 (sh. PDF-Version) zeigt den Geburtenrückgang in der Darstellung nach den endgültigen Kinderzahlen der Geburtsjahrgänge 1865 bis 1968. Der Fertilitätsrückgang weist eine ähnliche Dimension wie bei den zusammengefassten Geburtenziffern auf. Die Frauen des Geburtsjahrgangs 1865 bekamen durchschnittlich noch 4,7 Kinder, bei den Frauen des Jahrgangs 1965 waren es noch 1,55. Letztmalig im Geburtsjahrgang 1880 war die Zahl der geborenen Kinder so groß wie die Zahl ihrer Eltern (Bestandserhaltungsniveau). Die endgültigen Kinderzahlen zeigen nicht mehr den stark schwankenden Verlauf wie die zusammengefassten Geburtenziffern. Die Ursache liegt darin, dass besondere wirtschaftliche oder politische Ereignisse das Timing von Geburten in bestimmten Kalenderjahren unmittelbar beeinflussen, daraus aber keine entsprechenden Effekte auf die im Lebenslauf endgültig realisierte Kinderzahl resultieren. So wurden in den ersten beiden Jahren nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern nur sehr wenige Kinder geboren und die TFR sackte stark ab. In der längerfristigen Lebenslaufbetrachtung wird heute erkennbar, dass diese damals ausgebliebenen Geburten später zu einem erheblichen Teil nachgeholt wurden und sich die endgültig realisierte Kinderzahl jener Kohorten nur geringfügig von der ihrer Vorgängerinnen unterscheidet.

Letztlich erfährt man über die Betrachtung der beiden Fertilitätsmaße nur Durchschnittswerte, die Auskunft über die Höhe des Fertilitätsniveaus geben. Weitere Einsichten in die Fertilitätsmuster sind notwendig und können erreicht werden, indem die Verteilung der Frauen nach der Zahl der geborenen Kinder in differenzierten Fertilitätsanalysen betrachtet wird.

Fußnoten

3.
Die endgültige Kinderzahl nach Geburtsjahrgängen gibt an, wie viele Kinder durchschnittlich am Ende des gebärfähigen Alters je Frau geboren worden sind. Sie ist von kurzfristigen Einflüssen auf das generative Verhalten weitgehend unbeeinflusst, hat aber den Nachteil, dass die Fertilitätssituation erst nach dem Ende des fertilen Lebensabschnitts beurteilt werden kann. Gegenwärtig kann sie für die Frauen, die im Jahr 1968 oder früher geboren wurden, festgestellt werden. Für alle späteren Geburtskohorten kann sie erst in Zukunft errechnet werden.
4.
Vgl. Philippe Aries, Geschichte der Kindheit, München 1975.
5.
Johan Surkyn/Ron Lesthaeghe, Wertorientierungen und 'second demographic transition' in Nord-, West- und Südeuropa: Eine aktuelle Bestandsaufnahme, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, (2004) 1, S. 63-98.

Dossier

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