APUZ Dossier Bild

2.3.2011 | Von:
Jürgen Dorbritz
Norbert F. Schneider

Wo bleiben die Kinder? Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur

Unterschiedliche Fertilitätsmuster

West-Ost-Differenzierungen.
Eines der prägenden Merkmale der deutschen Fertilitätssituation sind die nach wie vor bestehenden Unterschiede in den Fertilitätsmustern zwischen West- und Ostdeutschland. Anhand der Daten des Mikrozensus 2008 kann gezeigt werden, wie sich die durchschnittlichen Kinderzahlen und die Anteile der Frauen nach der Zahl der geborenen Kinder in den Geburtsjahrgangsgruppen von 1933/1938 bis 1964/1978 verändert haben. Der Geburtenrückgang hat sich in beiden Großregionen Deutschlands auf zwei Wegen vollzogen. Zunächst haben sich bei den älteren Geburtsjahrgängen die Anteile der Frauen reduziert, die drei bzw. vier oder mehr Kinder geboren haben (sh. Tabelle 1 in der PDF-Version). Bei den jüngeren Jahrgängen sind die Trends dann auseinandergedriftet. In Westdeutschland sind die Anteile kinderloser Frauen und in Ostdeutschland die Anteile der Frauen mit nur einem Kind signifikant angestiegen. Ergebnis ist eine deutliche Reduzierung der durchschnittlichen Kinderzahlen auf einem ähnlichen Niveau.

Die Frauen der Geburtsjahrgänge 1964 bis 1968, die zum Zeitpunkt der Mikrozensusbefragung 40 bis 44 Jahre alt waren, hatten in Westdeutschland durchschnittlich 1,51 und in Ostdeutschland 1,56 Kinder. Trotz des Geburtentiefs in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gilt also nach wie vor, dass die ostdeutschen Frauen etwas mehr Kinder zur Welt gebracht haben. Die Fertilitätssituation in Ostdeutschland kann als die weite Verbreitung der Ein- und Zwei-Kind-Familie bezeichnet werden, während dauerhafte Kinderlosigkeit und Familien mit mindestens drei Kindern wenig verbreitet sind. Das westdeutsche Muster ist dagegen durch eine größere Heterogenität gekennzeichnet, wobei die hohe Kinderlosigkeit und die größere Verbreitung von Familien mit drei oder mehr Kindern auffallen.

Einfluss der Lebensform.
Ein tieferer Einblick in die deutsche Fertilitätssituation gelingt, wenn die aktuelle Lebensform in die Analysen einbezogen wird. Lebensformen werden hier durch die Kombination von drei Merkmalen gebildet: Zahl der geborenen Kinder, Partnersituation und Familienstand. So wird erkennbar, dass der Zusammenhang von Elternschaft und Ehe vor allem in Westdeutschland fortbesteht. Verheiratete Frauen haben im Westen im Durchschnitt 1,82 Kinder, im Osten sind es 1,69. Dagegen haben die Frauen, die in einer nichtehelichen Lebensform (alleinlebend, nichteheliche Lebensgemeinschaft) leben, in Ostdeutschland deutlich mehr Kinder geboren (1,27) als in Westdeutschland (0,91).

Die Betrachtung des Geburtengeschehens im West-Ost-Vergleich und in Abhängigkeit von der Lebensform offenbart auch, wie ausgeprägt die Unterschiede in der Paritätsverteilung sein können. Verheiratete sind relativ selten kinderlos (West: 11,4 Prozent, Ost: 5,2 Prozent), die Zwei-Kind-Familie ist die am häufigsten vorkommende Lebensform, und verheiratete Frauen im Westen haben häufiger drei und mehr Kinder als verheiratete Frauen im Osten. Für die nichtehelichen Lebensformen im Westen ist Kinderlosigkeit prägend. Knapp die Hälfte der nicht verheirateten westdeutschen Frauen ist kinderlos. Im Osten dagegen hat nur etwa jede fünfte unverheiratete Frau keine Kinder (in nichtehelicher Lebensgemeinschaft 13,7 Prozent, ohne Partner 25,9 Prozent).

Die Daten zeigen eine stärkere Entkoppelung von Ehe und Elternschaft in Ostdeutschland. Eine endgültige Erklärung dafür steht noch aus. Gegenwärtig dominieren drei Thesen. Die erste lautet: Es handelt sich um historisch gewachsene Fertilitätsmuster (etwa als Folge der niedrigen Anteile von Katholiken), die schon vor der Zweistaatlichkeit bestanden. Die zweite lautet: Die spezifischen Verhaltensmuster, die sich unter den familienpolitischen Bedingungen der DDR ausgebildet haben, und vor allem alleinerziehende, ledige und geschiedene Mütter gezielt unterstützt haben, wirken nach. Die dritte These stellt darauf ab, dass die höhere ökonomische Selbständigkeit der Frauen bei der Entscheidung für Kinder und gegen Ehe eine Rolle spielt.

Bildung.
Der formale Schulabschluss der Frauen differenziert die Kinderzahlen und die Paritätsverteilungen insbesondere Westdeutschland erheblich. Generell gilt: Je niedriger der berufliche Ausbildungsabschluss, desto mehr Kinder haben die Frauen zur Welt gebracht. Im Durchschnitt haben Frauen (Westdeutschland, Geburtsjahrgänge 1964 bis 1968) ohne allgemeinen Schulabschluss 2,06 Kinder geboren. Bei den Frauen mit Hauptschulabschluss waren es 1,66, mit Realschulabschluss 1,48 und mit (Fach-)Hochschulreife 1,31. Ähnlich unterschiedlich sind die Muster der Paritätsverteilungen. Fast jede zweite Frau ohne Schulabschluss (45,5 Prozent) hat mindestens drei Kinder. Die mittleren Schulabschlüsse (Haupt- oder Realschule) sind durch eine Dominanz der Zwei-Kind-Familie gekennzeichnet. Bei den Frauen mit Hoch- und Fachschulabschluss ist die hohe Kinderlosigkeit (30,9 Prozent) auffällig.

Paarspezifische Erwerbssituation.
Paarspezifische Erwerbssituationen führen in West- und Ostdeutschland zu jeweils besonderen Fertilitätsmustern. Werden die Erwerbssituationen anhand des Arbeitsumfangs (Vollzeit, Teilzeit, nicht erwerbstätig) gebildet, können die Fertilitätsmuster in fünf verschiedenen Kombinationen analysiert werden (sh. Tabelle 2 in der PDF-Version). Die Ergebnisse lassen sich in zwei Aussagen bündeln: Erstens unterscheiden sich in Westdeutschland die Fertilitätsmuster von Frauen je nachdem, ob sie in einer Vollzeiterwerbstätigkeit sind, in Teilzeit arbeiten oder nicht erwerbstätig sind. Vollzeiterwerbstätigkeit korrespondiert bei Frauen mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, kinderlos zu sein. Arbeiten beide Partner Vollzeit, sind 46,6 Prozent der Frauen kinderlos. Dagegen ist bei traditionellen Modellen der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, das heißt Vollzeiterwerbstätigkeit des Mannes und Teilzeit oder Nichterwerbstätigkeit der Frau, Kinderlosigkeit außerordentlich selten und der Anteil von Familien mit drei und mehr Kindern sehr hoch. In Ostdeutschland kommt diese Differenzierung dagegen nicht vor. Kinderlosigkeit ist in allen Kombinationen der Arbeitsteilung niedrig, und der Anteil der Ein-Kind-Familien ist jeweils höher.


Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen