APUZ Dossier Bild

2.3.2011 | Von:
Jürgen Dorbritz
Norbert F. Schneider

Wo bleiben die Kinder? Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur

Einstellungen zu Erwerbstätigkeit, Kinderbetreuung und Geschlechterrollen

Der Befund, dass sich die Fertilitätsmuster in West- und Ostdeutschland erheblich unterscheiden, wirft die Frage auf, wodurch diese Unterschiede erklärt werden können. Analysen mit den Daten des Generations and Gender Surveys (GGS)[6] und der European Values Study (EVS)[7] aus dem Jahr 2008 legen nahe, dass Einstellungen und Leitbilder bei der Erklärung von Trends und Unterschieden im generativen Verhalten eine erhebliche Bedeutung haben. Untersucht wurden in der West-Ost-Differenzierung die Einstellungen zur außerhäuslichen Kinderbetreuung und die Akzeptanz egalitärer Geschlechterrollen.

Die Analysen zeigen, dass die Akzeptanz außerhäuslicher Kinderbetreuung in Westdeutschland geringer ist und dort das Bild der "Rabenmutter" noch immer in den Köpfen existiert. Den Aussagen, dass Kinder, die den Großteil der Woche in einer Kinderbetreuungseinrichtung verbringen, später wahrscheinlich Probleme im Leben haben werden und dass die beste Betreuung für ein Kind die eigenen Eltern sind, wird im Westen signifikant häufiger zugestimmt. Ebenso findet im Westen laut EVS 2008 das Statement "Ein Vorschulkind wird darunter leiden, wenn seine Mutter arbeitet" eine erheblich größere Zustimmung (57,9 Prozent) als dies im Osten der Fall ist (34,4 Prozent). Diese Befunde sind deutliche Hinweise darauf, dass Elternschaft in Westdeutschland normativ etwas anderes bedeutet als in Ostdeutschland. Neue Leitbilder wie etwa das der "Verantworteten Elternschaft" und der "Guten Mutter" sind im Westen präsenter und handlungsrelevanter. Eltern sehen sich dort mit besonderen Rollenerwartungen konfrontiert, die nur schwierig zu erfüllen sind - ein Umstand, der die Entscheidung zur Elternschaft für manche erschweren dürfte.

Dem Wandel der Geschlechterrollen steht die Bevölkerung mehrheitlich positiv gegenüber. Allerdings ist die Akzeptanz egalitärer Geschlechterrollen im Osten merklich höher, während die klassische Rollenteilung zwischen den Geschlechtern im Westen mehr Zustimmung erfährt. Die ostdeutschen Bundesländer kennzeichnet insgesamt ein Einstellungsbündel, in dem die Vereinbarung von Familie und Erwerbstätigkeit, die dazugehörende Akzeptanz der außerhäuslichen Kinderbetreuung und die Befürwortung egalitärer Geschlechterrollen viel prägnanter angelegt sind als in Westdeutschland. Dort besteht eine deutlich größere Heterogenität. Eine ausgeprägte Befürwortung der klassischen Hausfrauenehe und der traditionellen Mutterrolle ist dort ebenso verbreitet wie die strikte Ablehnung dieser Aufgabenteilung.

Fußnoten

6.
Für nähere Informationen zum GGS siehe online: www.bib-demografie.de/cln_099/
nn_750130/DE/Forschung/GGS/ggs__node.
html?__nnn=true (7.2. 2011).
7.
Die EVS ist ein international vergleichender Survey mit derzeit vier Erhebungen, die erste fand 1981 statt, die jüngste 2008. Befragt wurden volljährige Personen in allen Altersstufen. Die hier präsentierten Befunde beziehen sich auf die Befragten im Alter zwischen 18 und 53 Jahren.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

Mehr lesen