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2.3.2011 | Von:
Jürgen Dorbritz
Norbert F. Schneider

Wo bleiben die Kinder? Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur

Diskussion und Wertung

Die demografischen Betrachtungen haben erhebliche Unterschiede in den Kinderzahlen und den Paritätsmustern zwischen Ost- und Westdeutschland gezeigt, die es zu erklären gilt. Das Hauptfazit der Betrachtungen zur deutschen Fertilitätssituation ist: Das anhaltend niedrige Geburtenniveau und die speziellen Paritätsmuster resultieren aus einem besonderen Zusammenwirken struktureller und kultureller Faktoren, die im Ost-West-Vergleich unterschiedlich gestaltet sind. Ausgangspunkt des Erklärungsansatzes sind die paarspezifischen Erwerbskombinationen, die in den westdeutschen und den ostdeutschen Ländern zu stark abweichenden Handlungsmustern führen. Auffällig ist die hohe Kinderlosigkeit bei vollerwerbstätigen und hochqualifizierten Frauen im Westen.

Die Ost-West-Unterschiede lassen sich aber auch im Kontext divergenter Einstellungen zu Geschlechterrollen in Verbindung mit einer unterschiedlich starken Akzeptanz der außerhäuslichen Kinderbetreuung erklären. Verstärkt wird dieser Zusammenhang durch ungleiche Chancen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Günstigere Vereinbarkeitsbedingungen gehen in den ostdeutschen Bundesländern mit vereinbarkeitsorientierten Einstellungen und einer weitaus höheren Betreuungsquote von Kindern aller Altersgruppen in außerhäuslichen Einrichtungen einher. Daraus lässt sich die höhere Müttererwerbstätigkeit im Osten erklären und die geringe Verbreitung von Kinderlosigkeit, aber nicht das niedrige Geburtenniveau. Die Befunde deuten darauf hin, dass im Osten die Vereinbarung von Vollerwerbstätigkeit beider Partner und Familie durch die Beschränkung auf ein Kind gelöst wird.

Für Westdeutschland gilt umgekehrt, dass die oftmals schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgrund fehlender Kinderbetreuungseinrichtungen sowie das nach wie vor präsente Leitbild der "guten Mutter", also der Mutter, die zum Kind gehört, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass berufsorientierte Frauen häufiger kinderlos bleiben. Frauen, die ihre Kinder außerhäuslich betreuen lassen, gelten in Westdeutschland schnell als "Rabenmütter" oder halten sich selbst für solche. Um eine solche (Selbst-) Stigmatisierung zu vermeiden, verzichten sie oftmals auf Kinder, wenn sie berufstätig bleiben wollen. Andererseits ist die vergleichsweise hohe Verbreitung der traditionellen Hausfrauenehe im Westen sicherlich ein Grund dafür, dass dort der Anteil von Familien mit zwei und mehr Kindern höher ist.

Die Fertilitätsentwicklung in Ostdeutschland lässt sich momentan noch nicht endgültig beurteilen. Die Anfang der 1990er Jahre entwickelte These, wonach sich die DDR-Muster der Familienbildung schnell auflösen und im Sinn einer nachholenden Modernisierung in die westdeutschen übergehen werden, hat sich nicht bestätigt. Die familiendemografischen Trends in Deutschland variieren zwischen Konvergenz und Divergenz. Divergent sind sie bei der Paritätsverteilung der Lebendgeborenen, insbesondere bei der Kinderlosigkeit und beim Anteil der von nicht verheirateten Müttern geborenen Kinder. Konvergenz findet sich bei der Heiratsneigung und dem durchschnittlichen Gebäralter.

Die niedrigere Kinderlosigkeit und die stärkere Vereinbarkeitsorientierung bei günstigeren strukturellen Voraussetzungen legen den Schluss nahe, dass ein zukünftiger Geburtenanstieg eher im Fertilitätsmuster der ostdeutschen Bundesländer angelegt ist. Ein höheres Geburtenniveau hat sich dort bei geringer Kinderlosigkeit jedoch aufgrund hoher Anteile von Ein-Kind-Familien bislang nicht entwickelt.

In das Schema von Divergenz und Konvergenz passt auch die unterschiedliche Verknüpfung von Lebensformen und generativem Verhalten. Konvergent ist in beiden Regionen die hohe subjektive Bedeutung, die einem glücklichen Familienleben beigemessen wird. In Ost und West dominiert eine hohe Familienorientierung, die sich jedoch auf unterschiedliche Weise manifestiert: Im Osten findet sie ihren Ausdruck durch die vergleichsweise geringen Anteile Kinderloser, bei einer fortgeschrittenen Entkoppelung von Ehe und Elternschaft. Im Westen ist dagegen der Fortbestand der engen Verknüpfung von Ehe und Elternschaft typisch.

Die zentrale Schlussfolgerung lautet: Ein Anstieg des Fertilitätsniveaus in Deutschland ist ohne die Auflösung des Zusammenhangs von Kinderlosigkeit und Frauenerwerbstätigkeit in Westdeutschland und von Müttererwerbstätigkeit und Ein-Kind-Familien in Ostdeutschland nur schwer vorstellbar. Das Zusammenwirken von kulturellen und strukturellen Faktoren hat in der Vergangenheit in einem sich wechselseitig verstärkenden Prozess zur Niedrig-Fertilitäts-Situation geführt. Der Weg aus dieser Situation heraus ist nur über einen Wandel beider Faktoren denkbar. Die europäischen Vergleiche zeigen, dass im Hinblick auf die Fertilitätsunterschiede neben anderen Faktoren die Qualität und der Umfang familienexterner Kinderbetreuung ebenso bedeutsam sind wie die breite soziale Akzeptanz dieser Angebote. Ebenfalls relevant scheinen politische Bestrebungen zu sein, die darauf gerichtet sind, die Familienarbeit aus dem Hauptverantwortungsbereich der Frauen zu lösen und sie zur gemeinsamen Aufgabe und Frauen und Männern zu entwickeln.[8]

Der Fertilitätstrend ist nicht kurzfristig und nicht durch Einzelmaßnahmen beeinflussbar. Nur strategisch ausgerichtetes, langfristig angelegtes und konzertiertes Handeln, bei dem neben politischen Akteuren auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene auch Wirtschaft und Verbände beteiligt sind, kann eine spürbare Wirkung entfalten. Soll das Geburtenniveau angehoben werden, ist die Wahlfreiheit der Lebensführung bestmöglich zu gewährleisten. Beeinträchtigungen dieser Wahlfreiheit finden sich derzeit weniger für das Modell der traditionellen Hausfrauen- oder Hinzuverdienerehe, sondern dort, wo beide Partner Erwerbstätigkeit und Elternschaft in für sie befriedigender Weise vereinbaren wollen.

Fußnoten

8.
Vgl. Jan M. Hoem, The Impact of Public Policies on European Fertility, in: Demographic Research, (2008) 19, S. 249-259.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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