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2.3.2011 | Von:
Hans Dietrich von Loeffelholz

Demografischer Wandel und Migration als Megatrends

Demografie und Migration

Migration auf der einen Seite und Demografie auf der anderen haben sich weltweit zu sogenannten Megatrends entwickelt, die zunehmend in das Blickfeld politischer Entscheidungsträger rücken. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) stellt regelmäßig die Bedeutung der Migration für die Entwicklung in den Industrieländern heraus.[4] Die Global Commission on International Migration[5] (GCIM) weist in ihrem Bericht von 2005 an die Vereinten Nationen (UN) darauf hin, dass weltweit etwa 190 Millionen Menschen über internationale Grenzen hinweg unterwegs seien,[6] was einer Verdoppelung dieser internationalen Wanderungen innerhalb der vergangenen drei Jahrzehnte entspricht.[7]

Stellt man diese Angaben in Relation zur Weltbevölkerung (6,9 Milliarden Menschen), so beträgt die globale Migrationsquote knapp drei Prozent; sie ist über längere Frist weitgehend stabil - allerdings mit erheblichen Strukturveränderungen, was die Richtung und auch die Ursachen für die jeweiligen Wanderungen nach dem Ende des "Kalten Kriegs" angeht: Migration erfolgt heute weniger in Ost-West-, als in Süd-Nord-Richtung und sowohl innerhalb der nördlichen wie der südlichen Halbkugel. Die nationale Migrationspolitik der Zielländer versucht heute stärker als in der Vergangenheit, die Migration zu begrenzen und nach den ökonomischen, insbesondere arbeitsmarktspezifischen Erfordernissen, aber auch nach den demografischen Bedarfen des jeweiligen Landes zu steuern.

Wenn indes Mitte dieses Jahrhunderts nach den Projektionen der UN je nach den Varianten und demografischen Annahmen zwischen fast acht und mehr als elf Milliarden Menschen auf der Erde leben,[8] werden bei unveränderter Migrationsquote zwischen 240 und 330 Millionen Personen nicht in ihrem Geburtsland leben. Inwieweit es sich dabei neben Arbeits-, Familien- oder Bildungsmigranten auch um Umwelt- oder Bürgerkriegsflüchtlinge handeln wird, inwieweit sie im Rahmen der jeweiligen rechtlichen Regelungen oder irregulär zuwandern und auf welche Länder, Regionen oder Kontinente sie sich verteilen werden, ist von den genannten push- und pull-Faktoren abhängig.[9]

Während Wanderungen erst seit Ende des Ost-West-Konflikts in den 1990er Jahren (wieder) mehr ins öffentliche Bewusstsein traten, wurden demografische Entwicklungen und Implikationen, insbesondere niedrige Geburtenraten und Alterung der Bevölkerung in den Industrieländern, national wie international, schon seit Mitte der 1970er Jahre von der Wissenschaft als Megatrends erkannt, analysiert und in die politische Debatte eingebracht.[10] In Deutschland legte eine entsprechende Enquêtekommission des Deutschen Bundestages zwischen 1994 und 2002 diesbezügliche Berichte vor.[11]

Die Ergebnisse, die schon damals auf die längerfristig bevorstehende Schrumpfung und Alterung der hiesigen Bevölkerung hinwiesen, sind allerdings in Folge der Wiedervereinigung und der massiven Aussiedler- und Asylzuwanderungen zu dieser Zeit zunächst in den Hintergrund gedrängt worden. Politische Reaktionen auf nachhaltige demografische Veränderungen gab es erst Mitte des vergangenen Jahrzehnts durch Maßnahmen zur Verlängerung der Erwerbsphase.[12] Diese folgt der steigenden Lebenserwartung, die mit einer seit über drei Jahrzehnten niedrigen Geburtenhäufigkeit einhergeht.[13] Hält diese Entwicklung, wie allgemein erwartet wird, weiter an, wird die Zahl der Einwohner hierzulande nach den aktuellen Bevölkerungsvorausberechnungen von 82 Millionen am Ende des Jahres 2008 auf eine Spannbreite zwischen 62 und 77 Millionen im Jahr 2060 zurückgehen. Dieser Trend verläuft ebenso wie in anderen Ländern der Europäischen Union (EU) wie etwa in Polen, der Slowakei, Ungarn und Rumänien, aber anders jedoch als in Frankreich, Großbritannien und in ganz Skandinavien, wo die jeweiligen Bevölkerungen zunehmen werden.

Nach den aktuellen Eurostat-Projektionen auf Basis der entscheidenden demografischen Variablen (Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und (Netto-)Zuwanderung) - also ohne Berücksichtigung politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Anpassungsreaktionen[14] - wird Deutschland im Jahr 2060 nicht mehr das Land mit der größten Bevölkerung in der (heutigen) EU-27 sein.[15] Damit ist eine erhebliche und politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich höchst relevante Veränderung der Altersstruktur der Bevölkerung verbunden: Während heute 100 Personen im erwerbsfähigen Alter (20 bis 65 Jahre) 33 Ruheständler (Personen über 65 Jahre) gegenüberstehen, verdoppelt sich der Anteil der über 65-Jährigen bis 2060. Das Medianalter, das genau zwischen der jüngeren und der älteren Hälfte der Bevölkerung liegt, steigt bis 2050 von 43 Jahren (2008) auf 52 Jahre.[16]

Fußnoten

4.
Vgl. OECD, International Migration Outlook: SOPEMI 2009, Paris 2009.
5.
Vgl. Global Commission on International Migration (GCIM), Migration in einer interdependenten Welt: Neue Handlungsprinzipien, Nürnberg 2005.
6.
Nicht berücksichtigt sind dabei die landesinternen Migrantinnen und Migranten, die zum Beispiel von Nord- nach Süd-China als Arbeitskräfte zuwandern oder in östlicher Richtung in die Megastädte an der Ostküste ziehen.
7.
Vgl. auch Klaus J. Bade/Pieter C. Emmer/Leo Lucassen/Jochen Oltmer (Hrsg.), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn-München 2007. Die mit den internationalen Wanderungen verbundenen Rücküberweisungen, durch welche die Migranten Gelder, die sie im Zielland verdient haben, der im Herkunftsland verbliebenen Familie zukommen lassen, spielen für Entwicklungsländer als staatliche Devisen- und vor allem als private Einkommensquelle eine deutlich größere Rolle als Zuwendungen im Rahmen der Entwicklungshilfe. Die Summe der globalen Rücküberweisungen - nach einer Schätzung der Weltbank im Jahr 2007 in Höhe von 240 Milliarden US-Dollar - entspricht dem Dreifachen der offiziellen Entwicklungshilfe der OECD-Länder. Seit 1990 haben sich die weltweiten Rücküberweisungen verdreifacht, in die Entwicklungsländer sogar mehr als verfünffacht. Die über informelle Kanäle außerhalb des Bankensystems transferierten Gelder schätzt die Weltbank als noch höher ein.
8.
Vgl. United Nations, World Population Prospects. 2008 Revision, New York 2009.
9.
Zur Abschätzung des Süd-Nord-Migrationspotenzials vgl. Susanne Schmid unter Mitarbeit von Kevin Borchers, Vor den Toren Europas? Das Potenzial der Migration aus Afrika, BAMF-Forschungsbericht 7, Nürnberg 2010.
10.
Vgl. Thomas J. Espenshade/William J. Serow, The Economic Consequences of Slowing Population Growth, New York u.a. 1978.
11.
Vgl. Deutscher Bundestag, Enquêtekommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik", Zwischenbericht vom 14.6.1994 (Drucksache 12/7876) und Endbericht vom 28.3.2002 (Drucksache 14/8800).
12.
Die seit 1992 umgesetzten Rentenreformen erfolgten auch schon unter dem Eindruck der sich verschiebenden Relationen zwischen aktiver und inaktiver Generation.
13.
Vgl. Peter Schimany, Migration und demographischer Wandel. BAMF-Forschungsbericht 5, Nürnberg 2007.
14.
Vgl. zu den Optionen und Anpassungserfordernissen: Kommission der Europäischen Gemeinschaften, Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen - Die Auswirkungen der demographischen Alterung in der EU bewältigen (Bericht über die demographische Alterung 2009), KOM(2009) 180 endgültig, Brüssel 29.4.2009.
15.
Vgl. Eurostat, Europe in figures. Eurostat yearbook 2010, Luxembourg 2010, S. 163. Demnach wird Frankreich 72 Millionen und Großbritannien sogar 77 Millionen Einwohner aufweisen.
16.
Vgl. P. Schimany (Anm. 13), S. 134.

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Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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