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2.3.2011 | Von:
Hans Dietrich von Loeffelholz

Demografischer Wandel und Migration als Megatrends

Zuwanderungen nach Deutschland

Vor diesem Hintergrund interessiert die dem Auf und Ab der Konjunktur seit Mitte der 1950er Jahre folgende und aus unterschiedlichen Anlässen (Flucht, Asyl, Arbeitsaufnahme, Familienzusammenführung oder Bildung) mehr oder weniger ausgeprägte Migration nach Deutschland.[17] Diese erhöhte den Bestand an Ausländern in Deutschland von 506000 Personen im Jahr 1951 bis auf den Höchststand von fast 7,4 Millionen im Jahr 1997, was einem Bevölkerungsanteil von etwa neun Prozent entsprach. Bis 2009 gab die Zahl auf etwas mehr als 7,1 Millionen nach, der Bevölkerungsanteil fiel damit auf 8,7 Prozent.[18]

Zusätzlich zu diesen Personen mit einem ausländischen Pass leben in Deutschland 8,4 Millionen Deutsche mit Migrationshintergrund, also zusammen fast 16 Millionen mit einem solchen Hintergrund,[19] was etwa einem Fünftel der Gesamtbevölkerung entspricht. Dieser Bevölkerungsanteil wird zukünftig noch zunehmen. Die Gesellschaft wird also nicht nur älter und zahlenmäßig kleiner, sondern immer "bunter",[20] auch wenn in Zukunft die tatsächliche Migration auf Dauer vergleichsweise niedrig bleibt.

Die Niveau- und Strukturveränderungen gelten naturgemäß auch in Bezug auf die Erwerbstätigen und Arbeitslosen sowie die sogenannte Stille Reserve, also für das zivile Erwerbspersonenpotenzial.[21] Kann indes Deutschland in Zukunft entgegen den in den veröffentlichten Vorausberechnungen bzw. Abschätzungen und Projektionen vorgenommenen Wanderungsannahmen wie seit 2004 nur wenige Migrantinnen und Migranten auf Dauer gewinnen, sinkt die Bevölkerungszahl und das Erwerbspersonenpotential in Richtung der unteren Bandbreite der Schätzungen. In welchem Ausmaß diese Einwohnerinnen und Einwohner tatsächlich als effektives Arbeitsangebot zur Verfügung stehen und erwerbstätig sind, ist dann von einer Vielzahl von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und rechtlich-institutionellen Rahmenbedingungen sowie allfälligen Anpassungsmechanismen abhängig.

Jedenfalls bedeutet eine geringe (Netto-)Zuwanderung nach Deutschland, dass zum Ausgleich der demografisch bedingt weiter abnehmenden Zahl der jüngeren Personen bei zunehmender Zahl der älteren die Anforderungen an alle Altersgruppen steigen, soll der individuelle Lebensstandard aufrechterhalten werden.[22] Der dazu erforderliche Einsatz und die damit verbundenen privaten und öffentlichen Investitionen müssten auf allen Ebenen massiv gesteigert werden. Dies gilt umso mehr, wenn Deutschland mit einer Netto-Abwanderung konfrontiert ist.

Zusätzliche Anstrengungen erscheinen umso dringlicher, als die EU-Osterweiterung im Mai 2004 kaum zu zusätzlicher Zuwanderung nach Deutschland geführt hat. Auch die am 1. Mai 2011 auslaufenden Übergangsbestimmungen zur Einschränkung der Arbeitnehmerfreizügigkeit für die damals der EU beigetretenen ost- und südosteuropäischen Mitgliedstaaten lässt kaum einen "Ansturm" bzw. eine Konzentration der Migrationsbewegungen auf Deutschland erwarten.[23]

In einer aktuellen Publikation thematisiert die Bundesagentur für Arbeit (BA) die Perspektive 2025 und nennt zehn Handlungsfelder, um eine nachhaltige und sichere Versorgung der deutschen Wirtschaft mit Fachkräften zu erreichen.[24] Neben den neun internen Optionen, wie zum Beispiel Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren und steuerrechtlichen Anpassungen,[25] wird eine Steuerung der Zuwanderung zur Gewinnung von 400000 bis 800000 Fachkräften aus dem Nicht-EU-Ausland ("Drittstaaten") in den nächsten 15 Jahren, also jahresdurchschnittlich 27000 bis 54000 Personen, gefordert.[26] 2009 sind allerdings nur 17000 Fachkräfte gekommen. Zur Steigerung könnte Deutschland nach dem Vorbild klassischer Einwanderungsländer ein Punktesystem einführen, das sich - als transparentes Modell - am ausländischen Fachkräfteangebot orientiert, demografischen Anforderungen wie das in Kanada praktizierte entspricht und als Signal des Willkommens verstanden werden könnte. Im Jahreswirtschaftbericht 2011 betont die Bunderegierung,[27] dass der Zugang von ausländischen Hochqualifizierten und Fachkräften zum deutschen Arbeitsmarkt systematisch an den Bedürfnissen des deutschen Arbeitsmarktes ausgerichtet und nach zusammenhängenden, klaren, transparenten und gewichteten Kriterien wie Bedarf, Qualifizierung und Integrationsfähigkeit gestaltet werden muss.

Der Gewinnung qualifizierter Zuwanderungen und um sich auf den globalen Wettbewerb um junge Migrantinnen und Migranten einzulassen, dient die managed migration zur Anwerbung hoch und gut qualifizierter Arbeitskräfte einschließlich vielversprechender Unternehmer und Selbständiger aus dem Ausland. Dies sind wichtige Stichworte der nationalen und internationalen Debatte über moderne Migrationsregime. In Europa bzw. der EU versuchen die Staaten zunehmend, die Migration in ihre Länder jeweils nach ihren ökonomischen Bedarfen, insbesondere nach dem zukünftigen Bedarf ihrer demografisch tendenziell schrumpfenden Arbeitsmärkte zu beeinflussen; das beginnt schon mit der Gewinnung von ausländischen Studentinnen und Studenten sowie Auszubildenden und reicht über die Adressierung (hoch-)qualifizierter Arbeitskräfte, Hochqualifizierter und Rückkehrer aus dem Ausland bis zur Reduzierung von Abwanderungen.

Fußnoten

17.
Im Einzelnen vgl. H.D. von Loeffelholz (Anm. 3) S. 120ff.
18.
Vgl. Bundesministerium des Innern und BAMF, Migrationsbericht 2009, Nürnberg 2011, S. 227. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich nach Angaben der OECD etwa im Mittelfeld. Vgl. OECD, Society at a Glance. OECD Social Indicators, Paris 2009, S. 67. Nach Angaben des Ausländerzentralregisters lebten in 2009 in Deutschland knapp 6,7 Millionen Ausländer, was einem Anteil von 8,2 Prozent entspricht.
19.
Das sind nach der amtlichen Definition alle seit 1949 auf das heutige Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland Zugewanderten sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer sowie alle in Deutschland als Deutsche Geborene mit mindestens einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil.
20.
Derzeit leben zwischen 3,8 und 4,2 Millionen Muslime in Deutschland, was einem Bevölkerungsanteil von rund fünf Prozent entspricht. Dieser Anteil wird nach den neuesten Abschätzungen des Pew Forum on Religion & Public Life bis 2030 auf sieben Prozent bzw. 5,5 Millionen Personen anwachsen. Vgl. Sonja Haug/Stephanie Müssig/Anja Stichs, Muslimisches Leben in Deutschland. BAMF-Forschungsbericht 6, Nürnberg 2009, S. 53ff; Pew Forum on Religion & Public Life, The Future of the Global Muslim Population, Washington, DC Januar 2011. Zur europa- und weltweiten Entwicklung vgl. auch Islam and demography: A waxing crescent, in: The Economist vom 27.1.2011, S. 54.
21.
Vgl. Johann Fuchs, Demografische Effekte auf das Erwerbspersonenpotenzial. Vortrag auf der "Fachkräftekonferenz" im Rahmen der Reihe "Wissenschaft trifft Praxis", Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Nürnberg, 29./30.4.2008; Johann Fuchs/Gerd Zika, Arbeitsmarktbilanz bis 2025: Demografie gibt die Richtung vor, IAB-Kurzbericht, (2010) 2.
22.
Vgl. Axel Börsch-Supan/Christina B. Wilke, Zur mittel- und langfristigen Entwicklung der Erwerbstätigkeit in Deutschland, in: Zeitschrift für Arbeitsmarktforschung, (2009) 1, S. 25-48. Siehe auch den Beitrag von Axel Börsch-Supan in diesem Heft.
23.
Vgl. Timo Baas/Herbert Brücker, Wirkungen der Zuwanderungen aus den neuen mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf Arbeitsmarkt und Gesamtwirtschaft. Expertise im Auftrag des Gesprächskreises Migration und Integration der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010. Auch der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ist in seinem Jahresgutachten 2010/2011 (Tz 489 bis 498) mehrheitlich der Ansicht, dass sich die Auswirkungen der Freizügigkeit auf den Arbeitsmarkt in Grenzen halten werden.
24.
Vgl. BA, Perspektive 2025: Fachkräfte für Deutschland, Nürnberg 2011, S. 36.
25.
Die Antwort auf die Finanzierung der zusätzlich erforderlichen privaten und öffentlichen Investitionen bzw. der steuerpolitischen Einnahmenverzichte zur Erreichung der Zielsetzungen bleibt die BA allerdings schuldig.
26.
Vgl. BA (Anm. 24).
27.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Technologie, Jahreswirtschaftsbericht 2011. Deutschland im Aufschwung - den Wohlstand von morgen sichern, Berlin 2011, S. 17.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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