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2.3.2011 | Von:
Thomas Bryant

Alterungsangst und Todesgefahr - der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)

"Deutschland in Gefahr" - der Diskurs zwischen 1911 und 1945

1911 ist gewissermaßen das Stichjahr für die Diskussion über die demografische Alterung in Deutschland. Es war der Gynäkologe Max Hirsch, der in jenem Jahr einen Aufsatz unter dem Titel "Der Geburtenrückgang - Etwas über seine Ursachen und die gesetzgeberischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung" veröffentlichte.[2] Auch wenn der Begriff "Geburtenrückgang" hier erstmals im Titel einer Veröffentlichung auftauchte, so gab es bereits schon zuvor einige andere Autoren, die sich gleichermaßen mit diesem Gegenstand auseinandergesetzt hatten. In diesem Zusammenhang wäre etwa der Volkswirtschaftler und Staatswissenschaftler Karl Oldenberg zu nennen, der ebenfalls 1911 einen Aufsatz "Ueber den Rückgang der Geburten- und Sterbeziffer" publizierte und darin den von ihm ausgemachten "Umschwung in den natürlichen Bevölkerungsvorgängen" als "das weltgeschichtlich bedeutsamste Ereignis der letzten Jahrzehnte" bezeichnete.[3] Pionierarbeit leistete auch bereits 1909 der Nationalökonom Lujo Brentano, der - Oldenberg zufolge - "zum ersten Male das Thema" des Geburtenrückgangs "in seiner ganzen Breite aufgerollt" habe.[4] Statistisch nachweisbar war der Rückgang der Geburtenziffern indes schon seit 1877.[5]

Den Diskurs prägten vor allem Mediziner und Rassenhygieniker, aber auch Nationalökonomen wie etwa Julius Wolf, der eines der wegweisenden Standardwerke zum Geburtenrückgang verfasste.[6] In aller Regel erfolgte die Auseinandersetzung mit diesem Thema in einer auffällig polemischen, populistischen und nachgerade sensationslüsternen Art und Weise. Einer der Wegbereiter eines solchen - in der Folgezeit immer wieder nachgeahmten und nicht selten rhetorisch weiter radikalisierten - Stils war beispielsweise der Mediziner Carl Tönniges. In seiner programmatischen Schrift "Der Geburtenrückgang und die drohende Entvölkerung Deutschlands" von 1912 geißelte er den Geburtenrückgang als "eine Krankheit des Staatsorganismus".[7]

In seiner zu Beginn des Ersten Weltkrieges erschienenen Schrift "Ursachen und Bekämpfung des Geburtenrückgangs im Deutschen Reich" stellte der Hygieniker und Bakteriologe Max von Gruber den stetig sinkenden "Kinderertrag" - verschuldet durch eine in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorherrschende "Unterfrüchtigkeit" - an den Pranger.[8] Er beklagte das immer weiter um sich greifende "Zweikinder"-, "Einkind"- bzw. "Keinkindsystem" und machte in erster Linie die aufkommende Sexualreformbewegung für die Erosion der traditionellen, kinderreichen Familie verantwortlich.[9] Deren Akteure kämpften vor allem für die Emanzipation der Frau und sprachen sich beispielsweise für eine Legalisierung der Abtreibung sowie für "freie Liebe" aus.

An vorderster Front, was die bevölkerungswissenschaftliche Exploration und politische Agitation betraf, kämpfte der Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer.[10] Seit der Zeit der Weimarer Republik zählte er zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb des deutschen Demografie- bzw. Alterungsdiskurses. Mit seinem 1932 veröffentlichten Hauptwerk "Volk ohne Jugend" verhalf Burgdörfer diesem Diskurs endgültig zum Durchbruch, indem er "die drohende Schrumpfung und Überalterung des Volkskörpers" aufs Schärfste verurteilte und sich zugleich energisch für eine "volkserneuernde, volkserhaltende Familienpolitik" aussprach, um so die "biologische Selbstvernichtung" des deutschen Volkes abzuwenden.[11]

Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 stiegen demografische Themen in den Rang eines zentralen, gesamtgesellschaftlichen Politikums auf. Fortan wurden verschiedene bevölkerungspolitische Maßnahmen umgesetzt, die allesamt das Ziel verfolgten, die demografische Quantität und Qualität des deutschen "Volkskörpers" unter rassenhygienischen bzw. eugenischen Gesichtspunkten zu regulieren - mit verheerenden Konsequenzen für die davon Betroffenen. Dazu zählten auch ältere Menschen, die im Sinne der NS-Ideologie als Vorboten des befürchteten "Volks- und Rassetodes"[12] und somit eines propagandistisch diffamierten "Volkes ohne Jugend" (sh. Abbildung 1 in der PDF-Version) die abschreckende Negativfolie zu dem Idealbild einer "jugendlichen" und "vitalen" deutschen "Volksgemeinschaft" repräsentierten. Alte, kranke und pflegebedürftige Menschen galten als "unproduktive Ballast-Existenzen", die dem deutschen Volk bei seinem "Kampf ums Dasein" abträglich waren.[13]

Der alte Menschheitstraum von "ewiger Jugend"[14] sowie die Utopie "einer alterslosen Gesellschaft"[15] beförderten im "Dritten Reich" einerseits einen überschwänglichen Jugendkult und andererseits diverse negative Altersstereotype und gerontophobe Affekte.[16] Letztere wiederum manifestierten sich in alltäglicher Altersdiskriminierung bis hin zu Gerontoziden in Alters- und Pflegeheimen[17] und bildeten damit den tragischen Zenit des deutschen Alterungsdiskurses im 20. Jahrhundert.

Fußnoten

2.
Max Hirsch, Der Geburtenrückgang. Etwas über seine Ursachen und die gesetzgeberischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung, in: Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, (1911) 5, S. 628-654.
3.
Karl Oldenberg, Ueber den Rückgang der Geburten- und Sterbeziffer, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, (1911) 32-33, S. 319.
4.
Ebd., S. 325.
5.
Vgl. Verena Steinecke, Menschenökonomie. Der medizinische Diskurs über den Geburtenrückgang von 1911 bis 1931, Pfaffenweiler 1996, S. 17-25.
6.
Vgl. Julius Wolf, Der Geburtenrückgang. Die Rationalisierung des Sexuallebens in unserer Zeit, Jena 1912.
7.
Carl Tönniges, Der Geburtenrückgang und die drohende Entvölkerung Deutschlands, Leipzig 1912, S. 2.
8.
Max von Gruber, Ursachen und Bekämpfung des Geburtenrückgangs im Deutschen Reich, München 19143, S. 7.
9.
Vgl. ebd., S. 14 und S. 54.
10.
Vgl. Thomas Bryant, Friedrich Burgdörfer (1890-1967). Eine diskursbiographische Studie zur Geschichte der deutschen Demographie im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2010.
11.
Friedrich Burgdörfer, Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers, Berlin 1932, S. 89, S. 152 und S. 427.
12.
Ders., Aufbau und Bewegung der Bevölkerung. Ein Führer durch die deutsche Bevölkerungsstatistik und Bevölkerungspolitik, Leipzig 1935, S. 189.
13.
Vgl. Lil-Christine Schlegel-Voß, Alter in der "Volksgemeinschaft". Zur Lage der älteren Generation im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 281.
14.
Vgl. Heiko Stoff, Ewige Jugend. Konzepte der Verjüngung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Dritte Reich, Köln u.a. 2004.
15.
Vgl. Domenica Tölle, Altern in Deutschland 1815-1933. Eine Kulturgeschichte, Grafschaft 1996, S. 320.
16.
Vgl. Gertrud M. Backes, Alter(n) als "gesellschaftliches Problem"? Zur Vergesellschaftung des Alter(n)s im Kontext der Modernisierung, Opladen 1997; Gerd Biegel (Hrsg.), Geschichte des Alters in ihren Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart, Braunschweig 1993; Stefan Pohlmann, Das Alter im Spiegel der Gesellschaft, Idstein 2004.
17.
Susanne Hahn, Alternsforschung und Altenpflege im Nationalsozialismus, in: Christoph Meinel/Peter Voswinckel (Hrsg.), Medizin, Naturwissenschaft, Technik und Nationalsozialismus, Stuttgart 1994, S. 221-229; Susanne Hahn, Pflegebedürftige alte Menschen im Nationalsozialismus, in: Christoph Kopke (Hrsg.), Medizin und Verbrechen, Ulm 2001, S. 131-142.

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Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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