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2.3.2011 | Von:
Thomas Bryant

Alterungsangst und Todesgefahr - der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)

"Deutschland ohne Deutsche" - der Diskurs zwischen 1945/1949 und 1989/1990

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur kam der Alterungsdiskurs erst inmitten des bundesdeutschen "Wirtschaftswunders" wieder in Gang. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Gründung eines Bundesministeriums für Familienfragen im Herbst 1953. Bundeskanzler Konrad Adenauer rechtfertigte dieses institutionelle Novum damit, dass "die wachsende Überalterung des deutschen Volkes"[18] gefährlich und "die Bevölkerungsbilanz des deutschen Volkes (...) erschreckend" sei.[19] Sein zuständiger Fachminister Franz-Josef Wuermeling malte gar das altbekannte Schreckgespenst vom "allmähliche(n) Aussterben unseres Volkes" an die Wand.[20]

Die inzwischen schon traditionsreiche Debatte um das Für und Wider bzw. um die Wirkmächtigkeit oder auch Wirkungslosigkeit bevölkerungspolitischer (namentlich: pronatalistischer) Maßnahmen war während Wuermelings Amtszeit aufs Neue entflammt. Als einer der ersten jener sowohl stilistisch als auch inhaltlich neonazistisch angehauchten Nachkriegspublizisten wagte sich ein gewisser Dr. Findeisen aus der Deckung: 1957 beschäftigte er sich in seinem Buch "Europa stirbt und merkt es nicht" mit der von ihm ausgemachten Gefahr des Alterungs- und Schrumpfungsprozesses der europäischen Völker - vornehmlich des deutschen Volkes. "Durch die Übervermehrung der fremdrassigen Völker wird der weiße Mensch langsam aber sicher verdrängt", so Findeisens Befürchtung. Als Gegenmaßnahme, um die "biologische Überrundung der weißen Menschen" und die "Alterskrise der europäischen Völker" zu verhindern, forderte er eine umfassende Bevlkerungspolitik.[21]

Trotz des sogenannten Pillenknicks in der Geburtenstatistik ab Mitte der 1960er Jahre lässt sich erst wieder seit den 1980er Jahren sowohl ein größeres mediales Interesse als auch eine verstärkte Tendenz zur rhetorischen Radikalisierung in Bezug auf den (bundes-)deutschen Alterungsdiskurs konstatieren.[22] Anhaltspunkte für diesen Befund liefern Publikationen, die mit Titeln wie "Deutschland - ohne Deutsche" auf den Markt kamen und in denen sich die Autoren wortgewaltig über den mutmaßlichen deutschen "Genosuizid" bzw. "Volksselbstmord" empörten, da sie ob des Geburtenrückgangs "das deutsche Volk in der Todesspirale" wähnten.[23] Besonders krass waren auch die geschichtsrevisionistischen Auslassungen, in denen sich 1988 der umstrittene Soziologe Robert Hepp in seinem Pamphlet "Die Endlösung der Deutschen Frage" erging. Er verstieg sich zu der Behauptung, dass wenn "die Bonner Politiker tatsächlich nur wegen der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik heute nichts gegen den Selbstmord des deutschen Volkes unternehmen" würden, die Deutschen schließlich "am 'umgekehrten Nazismus' der Nachkriegspolitiker zugrunde" gingen.[24] Immerhin habe die Bundesrepublik bereits das Stadium des "demographischen Untergangs" erreicht, so dass "der 'Volkstod' (...) die notwendige Folge des selbstmörderischen Geburtenrückgangs der Deutschen" sei.[25]

Ähnlich dramatisierend stellte sich der ebenfalls 1988 erschienene Sammelband "Sterben wir aus?" dar. Darin sprach sich unter anderem der Astronomie-Professor Theodor Schmidt-Kaler in einer Untersuchung der "Psychosomatik des sterbenden Volkes" vehement für "die Erhaltung des eigenen Volks- und Menschentums" aus, um den deutschen "Volksbestand" zu sichern, die "Geburtenkrise" und das "selbstverordnete demographische Absterben" zu überwinden sowie eine "Bevölkerungs-Implosion" zu verhindern. Anderenfalls müsse man allen Ernstes "das berechenbare Ende des deutschen Volkes auf dem Boden dieser Bundesrepublik" in Betracht ziehen.[26]

Gemeinsames Charakteristikum dieser vorwiegend populärwissenschaftlichen Publikationen ist die Tatsache, dass "demographische Trends als argumentativer Kern gesellschaftlicher Krisenszenarien" benutzt wurden - und noch immer werden.[27] Der publizistisch ausgetragene deutsche Alterungsdiskurs war dabei zugleich auch immer ein existentialistischer Diskurs über das Wohl und Wehe, das Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes. Auf der Grundlage der jeweils aktuellen demografischen Maßzahlen des Statistischen Bundesamtes sowie daraus abgeleiteter "Krisenkalkulationen" ließ und lässt sich so die Großgefahr eines vermeintlichen "Finis Germaniae" heraufbeschwören.[28]

Fußnoten

18.
Regierungserklärung Konrad Adenauers auf der 3. Sitzung des II. Deutschen Bundestages am 20.10.1953, in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages. Stenographische Berichte (2. Wahlperiode 1953), Bd. 18, Bonn 1954, S. 18.
19.
Wortprotokoll vom "Kanzler-Tee" am 20.10.1953 (Tee-Gespräch Nr. 47), in: Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe, Teegespräche 1950-1954, Berlin 1984, S. 491.
20.
Franz-Josef Wuermeling, Staatliche Familienpolitik?, in: Bonner Hefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, (1953) 8, S. 3f.
21.
M. Findeisen, Europa stirbt und merkt es nicht, Baden-Baden-Frankfurt/M. 1957, S. 23 und S. 137.
22.
Tendenziell eher eine Ausnahme bildet "Der Spiegel", der am 24.3.1975 titelte: "Sterben die Deutschen aus?"
23.
Vgl. Heinrich Schade, Genosuizid - Volksselbstmord, in: o.A., Deutschland - ohne Deutsche, Tübingen 1984, S. 1-14; Robert Hepp, Das deutsche Volk in der Todesspirale, in: ebd., S. 15-29.
24.
Robert Hepp, Die Endlösung der Deutschen Frage. Grundlinien einer politischen Demographie der Bundesrepublik Deutschland, Paris u.a. 1988, S. 91.
25.
Ebd., S. 39 und S. 69.
26.
Theodor Schmidt-Kaler, Bevölkerungsfragen auf der Tagesordnung der Zukunft, in: Bruno Heck (Hrsg.), Sterben wir aus? Die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, Freiburg/Br. 1988, S. 31, S. 33-37 und S. 45.
27.
Bettina Bräuninger/Andreas Lange/Kurt Lüscher, "Alterslast" und "Krieg zwischen den Generationen"? Generationenbeziehungen in aktuellen Sachbuchtexten, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, (1998) 1, S. 7.
28.
Vgl. Christiane Reinecke, Krisenkalkulationen. Demographische Krisenszenarien und statistische Expertise in der Weimarer Republik, in: Moritz Föllmer/Rüdiger Graf (Hrsg.), Die "Krise" der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M.-New York 2005, S. 209-240.

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