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2.3.2011 | Von:
Thomas Bryant

Alterungsangst und Todesgefahr - der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)

"Deutschland gegen Methusalem" - der Diskurs seit 1989/1990

Aufgrund der demografischen Veränderungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung richtete der Deutschen Bundestag eine Enquête-Kommission ein, die sich ausführlich mit diesem Thema auseinandersetzte.[29] Der Kommission war es gelungen, die ideologisch aufgeladenen Begriffe "Vergreisung" und "Volkstod" weitestgehend durch den neutraleren Begriff "demografischer Wandel" - der sich inzwischen mehrheitlich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat - zu ersetzen und damit zugleich auch den Alterungsdiskurs insgesamt etwas zu versachlichen.

Ohne diesen semantischen Fortschritt wäre es um die Jahrtausendwende wohl nicht zur Herausbildung eines gänzlich neuen Diskursstranges gekommen, der nun erstmals nicht nur einseitig die Gefahren und Nachteile thematisiert, sondern ergänzend dazu auch die potenziellen Chancen und Vorzüge der demografischen Alterung mit in Betracht zieht.[30] Dies beinhaltet ebenso die von der einschlägigen Publizistik erneut aufgeworfene Frage nach den Ursachen sowie nach alternativen Interpretationsmöglichkeiten der demografischen Alterung.[31] Dadurch gerät letztlich auch der vom Soziologen Franz-Xaver Kaufmann kritisierte "demografische Fatalismus" ins Wanken,[32] da in zunehmendem Maße deutlich wird, dass der demografische Wandel grundsätzlich weder irreversibel noch alternativlos sein muss. Mithin mehren sich seit einigen Jahren diejenigen Stimmen, welche zur Besonnenheit aufrufen, um "aus der Not eine Tugend" zu machen.[33]

Der britische Ökonom Nicholas Strange war einer der ersten Autoren, die sich gegen die "Methusalem-Hysterie" wandten, indem er erklärte, "warum wir mit dem Altern unserer Bevölkerung gut leben können" und weshalb man - so der Titel seines 2006 erschienenen Buches - "keine Angst vor Methusalem" zu haben brauche.[34] Dem vorausgegangen war 2004 "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher, mit dem der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" entscheidend zur weiteren Intensivierung und Popularisierung der medialen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des demografischen Wandels beitrug.[35]

Schirrmacher plädierte für eine gleichsam gerontokratische Verschwörung der Alten gegenüber den Jungen, um sich im Zuge des heraufziehenden Generationenkonflikts behaupten zu können. Demgegenüber hob Strange darauf ab, dass die demografische Alterung nicht notwendigerweise katastrophale Folgen haben müsse, zumal angesichts des erwartbaren Produktivitätsfortschritts sowie des ausreichenden Reservoirs an Arbeitskräften der wirtschaftliche Wohlstand auch in Zukunft nicht gefährdet sei.

In geradezu paradigmatischer Weise repräsentieren diese beiden Autoren mit ihren Büchern das für den deutschen Alterungsdiskurs des frühen 21. Jahrhunderts charakteristische Hin- und Herschwanken zwischen zwei Extrempositionen: resignative Schicksalsergebenheit einerseits und tatkräftiger Gestaltungswille andererseits. Ungeachtet dieser Ambivalenz bleibt festzuhalten, dass der diskursive Schwerpunkt nach wie vor eindeutig auf den "Gefahren" des demografischen Wandels liegt - vorrangig im Bereich der staatlichen Wohlfahrtspolitik. Die letztgenannte Sichtweise offenbarte sich auch 2003 in einer Rede des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering: "Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere Antwort heißt: Agenda 2010! Die Demografie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig."[36]

Aus dem deutschen Demografie-Diskurs gar nicht mehr wegzudenken ist zudem die allgemein geläufige, schon in der Weimarer Republik durch Burgdörfer in Umlauf gebrachte grafische Illustration des demografischen Wandels in Gestalt einer urnenförmigen (sh. Abbildung 2 in der PDF-Version) oder auf dem Kopf stehenden Alterspyramide.[37] Die Urne als geradezu archetypisches Sinnbild für die Vergänglichkeit eines Individuums wird hierbei als aufschreckendes Warnsymbol auf die Mortalität eines ganzen Volkes projiziert. Das gilt genauso für die paradoxe Metapher von der den physikalischen Naturgesetzen trotzenden Pyramide, weil darin die imaginierte Abnormität der vormals "normalen", "natürlichen" bzw. "gesunden" Altersstruktur veranschaulicht wird. Unverkennbar waren und sind all diese rhetorischen und visuellen Popularisierungsstrategien ein "Erfolgsrezept" für die kontinuierliche Selbstreproduktion der deutschen Alterungsangst.

Fußnoten

29.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Schlussbericht der Enquête-Kommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik", Bonn 2002.
30.
Vgl. z.B. Karl Otto Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt/M.-New York 2007; Antje Schrupp, Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels, Königstein/Ts. 2007.
31.
Vgl. z.B. Meike Dinklage, Der Zeugungsstreik. Warum die Kinderfrage Männersache ist, München 2006; Susanne Gaschke, Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos, München 2005, S. 94.
32.
Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Frankfurt/M. 2005, S. 31.
33.
Vgl. Axel Börsch-Supan, Aus der Not eine Tugend. Zukunftsperspektiven einer alternden Gesellschaft, in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Gesellschaft ohne Zukunft? Bevölkerungsrückgang und Überalterung als politische Herausforderung, Bad Homburg 2004, S. 81-91.
34.
Nicholas Strange, Keine Angst vor Methusalem! Warum wir mit dem Altern unserer Bevölkerung gut leben können, Hannover 2006.
35.
Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott, München 2004.
36.
Zit. nach: Verdi-Bundesvorstand (Hrsg.), Mythos Demografie, Frankfurt/M. 2003, S. 1.
37.
Vgl. Andrea Tichy/Roland Tichy, Die Pyramide steht Kopf. Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie ihr entkommt, München 2003.

Dossier

Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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