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2.3.2011 | Von:
Thomas Bryant

Alterungsangst und Todesgefahr - der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)

Seit Langem wird in Deutschland über den demografischen Wandel diskutiert. Publizistisch inszenierte Angst vor einer "Vergreisung" und dem "Aussterben" des "deutschen Volkes" gehört offenbar dazu.

Einleitung

Obwohl die Interpretation des "demografischen Wandels" im 20. Jahrhundert auch in vielen anderen (vornehmlich westeuropäischen) Ländern nicht immer nach rationalen Gesichtspunkten erfolgte, so war sie doch vor allem in Deutschland durch eine geradezu außergewöhnliche Dramatisierung gekennzeichnet. Die Reflexion über die möglichen Folgen jenes demografischen Veränderungsprozesses war stets überschattet von anti-malthusianischen Gefahrenszenarios und apokalyptischen Untergangsängsten. Viele Wissenschaftler, Politiker und sonstige Personen des öffentlichen Lebens machten die sinkenden Geburtenraten für die von ihnen publizistisch inszenierte "nationale Tragödie" verantwortlich und verwiesen dabei immer wieder auf die dreifache Gefahr der vermeintlichen Überalterung, Schrumpfung und letztlich gar Selbstauslöschung des deutschen Volkes. Aus diesem Grunde wurde die "demografische Transition" als ein gänzlich abnormes und nachgerade pathologisches Phänomen (also eine "Volks-Krankheit" im buchstäblichen Sinne) aufgefasst, welches es dringend zu korrigieren gelte.

Der demografische Diskurs durchlief in Deutschland vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine unheilvolle Entwicklung, die von Anfang an durch diskriminierende, segregierende und nicht zuletzt auch eliminatorische Überlegungen und Praktiken geprägt war. Seine zweifelsohne radikalste Ausprägung erreichte er innerhalb der pro- und antinatalistischen sowie genozidalen Bevölkerungspolitiken des "Dritten Reiches". Dabei markierte die angewandte Demografie während der NS-Zeit zwar den verhängnisvollen Höhepunkt, aber keineswegs das Ende der politischen Instrumentalisierung bevölkerungsstatistischer Expertisen, deren Prophezeiungen als hochgradig beängstigend erachtet wurden. Letzteres lag im Zuge einer disziplinären Selbstinstrumentalisierung zum Teil durchaus in deren Intention, um sich auf diese Weise möglichst großen Einfluss zu verschaffen.

Wie im Folgenden auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen erörtert wird, offenbart der demografische Diskurs in Deutschland über die politischen Systemumbrüche der Jahre 1918, 1933, 1945/1949 und 1989/1990 hinweg eine gewisse Kontinuität. Daran zeigt sich, dass die "demografische Alterung" nicht nur eines der zentralen Themen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts war, sondern dass darüber hinaus im Falle Deutschlands auch von einer besonderen "demografischen Kultur" mit einem ebenso besonderen "demografischen Gefahrensinn" gesprochen werden kann, der letztlich bis heute wirkt.[1]

"Deutschland in Gefahr" - der Diskurs zwischen 1911 und 1945

1911 ist gewissermaßen das Stichjahr für die Diskussion über die demografische Alterung in Deutschland. Es war der Gynäkologe Max Hirsch, der in jenem Jahr einen Aufsatz unter dem Titel "Der Geburtenrückgang - Etwas über seine Ursachen und die gesetzgeberischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung" veröffentlichte.[2] Auch wenn der Begriff "Geburtenrückgang" hier erstmals im Titel einer Veröffentlichung auftauchte, so gab es bereits schon zuvor einige andere Autoren, die sich gleichermaßen mit diesem Gegenstand auseinandergesetzt hatten. In diesem Zusammenhang wäre etwa der Volkswirtschaftler und Staatswissenschaftler Karl Oldenberg zu nennen, der ebenfalls 1911 einen Aufsatz "Ueber den Rückgang der Geburten- und Sterbeziffer" publizierte und darin den von ihm ausgemachten "Umschwung in den natürlichen Bevölkerungsvorgängen" als "das weltgeschichtlich bedeutsamste Ereignis der letzten Jahrzehnte" bezeichnete.[3] Pionierarbeit leistete auch bereits 1909 der Nationalökonom Lujo Brentano, der - Oldenberg zufolge - "zum ersten Male das Thema" des Geburtenrückgangs "in seiner ganzen Breite aufgerollt" habe.[4] Statistisch nachweisbar war der Rückgang der Geburtenziffern indes schon seit 1877.[5]

Den Diskurs prägten vor allem Mediziner und Rassenhygieniker, aber auch Nationalökonomen wie etwa Julius Wolf, der eines der wegweisenden Standardwerke zum Geburtenrückgang verfasste.[6] In aller Regel erfolgte die Auseinandersetzung mit diesem Thema in einer auffällig polemischen, populistischen und nachgerade sensationslüsternen Art und Weise. Einer der Wegbereiter eines solchen - in der Folgezeit immer wieder nachgeahmten und nicht selten rhetorisch weiter radikalisierten - Stils war beispielsweise der Mediziner Carl Tönniges. In seiner programmatischen Schrift "Der Geburtenrückgang und die drohende Entvölkerung Deutschlands" von 1912 geißelte er den Geburtenrückgang als "eine Krankheit des Staatsorganismus".[7]

In seiner zu Beginn des Ersten Weltkrieges erschienenen Schrift "Ursachen und Bekämpfung des Geburtenrückgangs im Deutschen Reich" stellte der Hygieniker und Bakteriologe Max von Gruber den stetig sinkenden "Kinderertrag" - verschuldet durch eine in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorherrschende "Unterfrüchtigkeit" - an den Pranger.[8] Er beklagte das immer weiter um sich greifende "Zweikinder"-, "Einkind"- bzw. "Keinkindsystem" und machte in erster Linie die aufkommende Sexualreformbewegung für die Erosion der traditionellen, kinderreichen Familie verantwortlich.[9] Deren Akteure kämpften vor allem für die Emanzipation der Frau und sprachen sich beispielsweise für eine Legalisierung der Abtreibung sowie für "freie Liebe" aus.

An vorderster Front, was die bevölkerungswissenschaftliche Exploration und politische Agitation betraf, kämpfte der Bevölkerungsstatistiker Friedrich Burgdörfer.[10] Seit der Zeit der Weimarer Republik zählte er zu den einflussreichsten Akteuren innerhalb des deutschen Demografie- bzw. Alterungsdiskurses. Mit seinem 1932 veröffentlichten Hauptwerk "Volk ohne Jugend" verhalf Burgdörfer diesem Diskurs endgültig zum Durchbruch, indem er "die drohende Schrumpfung und Überalterung des Volkskörpers" aufs Schärfste verurteilte und sich zugleich energisch für eine "volkserneuernde, volkserhaltende Familienpolitik" aussprach, um so die "biologische Selbstvernichtung" des deutschen Volkes abzuwenden.[11]

Nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten 1933 stiegen demografische Themen in den Rang eines zentralen, gesamtgesellschaftlichen Politikums auf. Fortan wurden verschiedene bevölkerungspolitische Maßnahmen umgesetzt, die allesamt das Ziel verfolgten, die demografische Quantität und Qualität des deutschen "Volkskörpers" unter rassenhygienischen bzw. eugenischen Gesichtspunkten zu regulieren - mit verheerenden Konsequenzen für die davon Betroffenen. Dazu zählten auch ältere Menschen, die im Sinne der NS-Ideologie als Vorboten des befürchteten "Volks- und Rassetodes"[12] und somit eines propagandistisch diffamierten "Volkes ohne Jugend" (sh. Abbildung 1 in der PDF-Version) die abschreckende Negativfolie zu dem Idealbild einer "jugendlichen" und "vitalen" deutschen "Volksgemeinschaft" repräsentierten. Alte, kranke und pflegebedürftige Menschen galten als "unproduktive Ballast-Existenzen", die dem deutschen Volk bei seinem "Kampf ums Dasein" abträglich waren.[13]

Der alte Menschheitstraum von "ewiger Jugend"[14] sowie die Utopie "einer alterslosen Gesellschaft"[15] beförderten im "Dritten Reich" einerseits einen überschwänglichen Jugendkult und andererseits diverse negative Altersstereotype und gerontophobe Affekte.[16] Letztere wiederum manifestierten sich in alltäglicher Altersdiskriminierung bis hin zu Gerontoziden in Alters- und Pflegeheimen[17] und bildeten damit den tragischen Zenit des deutschen Alterungsdiskurses im 20. Jahrhundert.

"Deutschland ohne Deutsche" - der Diskurs zwischen 1945/1949 und 1989/1990

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Diktatur kam der Alterungsdiskurs erst inmitten des bundesdeutschen "Wirtschaftswunders" wieder in Gang. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Gründung eines Bundesministeriums für Familienfragen im Herbst 1953. Bundeskanzler Konrad Adenauer rechtfertigte dieses institutionelle Novum damit, dass "die wachsende Überalterung des deutschen Volkes"[18] gefährlich und "die Bevölkerungsbilanz des deutschen Volkes (...) erschreckend" sei.[19] Sein zuständiger Fachminister Franz-Josef Wuermeling malte gar das altbekannte Schreckgespenst vom "allmähliche(n) Aussterben unseres Volkes" an die Wand.[20]

Die inzwischen schon traditionsreiche Debatte um das Für und Wider bzw. um die Wirkmächtigkeit oder auch Wirkungslosigkeit bevölkerungspolitischer (namentlich: pronatalistischer) Maßnahmen war während Wuermelings Amtszeit aufs Neue entflammt. Als einer der ersten jener sowohl stilistisch als auch inhaltlich neonazistisch angehauchten Nachkriegspublizisten wagte sich ein gewisser Dr. Findeisen aus der Deckung: 1957 beschäftigte er sich in seinem Buch "Europa stirbt und merkt es nicht" mit der von ihm ausgemachten Gefahr des Alterungs- und Schrumpfungsprozesses der europäischen Völker - vornehmlich des deutschen Volkes. "Durch die Übervermehrung der fremdrassigen Völker wird der weiße Mensch langsam aber sicher verdrängt", so Findeisens Befürchtung. Als Gegenmaßnahme, um die "biologische Überrundung der weißen Menschen" und die "Alterskrise der europäischen Völker" zu verhindern, forderte er eine umfassende Bevlkerungspolitik.[21]

Trotz des sogenannten Pillenknicks in der Geburtenstatistik ab Mitte der 1960er Jahre lässt sich erst wieder seit den 1980er Jahren sowohl ein größeres mediales Interesse als auch eine verstärkte Tendenz zur rhetorischen Radikalisierung in Bezug auf den (bundes-)deutschen Alterungsdiskurs konstatieren.[22] Anhaltspunkte für diesen Befund liefern Publikationen, die mit Titeln wie "Deutschland - ohne Deutsche" auf den Markt kamen und in denen sich die Autoren wortgewaltig über den mutmaßlichen deutschen "Genosuizid" bzw. "Volksselbstmord" empörten, da sie ob des Geburtenrückgangs "das deutsche Volk in der Todesspirale" wähnten.[23] Besonders krass waren auch die geschichtsrevisionistischen Auslassungen, in denen sich 1988 der umstrittene Soziologe Robert Hepp in seinem Pamphlet "Die Endlösung der Deutschen Frage" erging. Er verstieg sich zu der Behauptung, dass wenn "die Bonner Politiker tatsächlich nur wegen der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik heute nichts gegen den Selbstmord des deutschen Volkes unternehmen" würden, die Deutschen schließlich "am 'umgekehrten Nazismus' der Nachkriegspolitiker zugrunde" gingen.[24] Immerhin habe die Bundesrepublik bereits das Stadium des "demographischen Untergangs" erreicht, so dass "der 'Volkstod' (...) die notwendige Folge des selbstmörderischen Geburtenrückgangs der Deutschen" sei.[25]

Ähnlich dramatisierend stellte sich der ebenfalls 1988 erschienene Sammelband "Sterben wir aus?" dar. Darin sprach sich unter anderem der Astronomie-Professor Theodor Schmidt-Kaler in einer Untersuchung der "Psychosomatik des sterbenden Volkes" vehement für "die Erhaltung des eigenen Volks- und Menschentums" aus, um den deutschen "Volksbestand" zu sichern, die "Geburtenkrise" und das "selbstverordnete demographische Absterben" zu überwinden sowie eine "Bevölkerungs-Implosion" zu verhindern. Anderenfalls müsse man allen Ernstes "das berechenbare Ende des deutschen Volkes auf dem Boden dieser Bundesrepublik" in Betracht ziehen.[26]

Gemeinsames Charakteristikum dieser vorwiegend populärwissenschaftlichen Publikationen ist die Tatsache, dass "demographische Trends als argumentativer Kern gesellschaftlicher Krisenszenarien" benutzt wurden - und noch immer werden.[27] Der publizistisch ausgetragene deutsche Alterungsdiskurs war dabei zugleich auch immer ein existentialistischer Diskurs über das Wohl und Wehe, das Sein oder Nichtsein des deutschen Volkes. Auf der Grundlage der jeweils aktuellen demografischen Maßzahlen des Statistischen Bundesamtes sowie daraus abgeleiteter "Krisenkalkulationen" ließ und lässt sich so die Großgefahr eines vermeintlichen "Finis Germaniae" heraufbeschwören.[28]

"Deutschland gegen Methusalem" - der Diskurs seit 1989/1990

Aufgrund der demografischen Veränderungen im Zuge der deutschen Wiedervereinigung richtete der Deutschen Bundestag eine Enquête-Kommission ein, die sich ausführlich mit diesem Thema auseinandersetzte.[29] Der Kommission war es gelungen, die ideologisch aufgeladenen Begriffe "Vergreisung" und "Volkstod" weitestgehend durch den neutraleren Begriff "demografischer Wandel" - der sich inzwischen mehrheitlich im allgemeinen Sprachgebrauch durchgesetzt hat - zu ersetzen und damit zugleich auch den Alterungsdiskurs insgesamt etwas zu versachlichen.

Ohne diesen semantischen Fortschritt wäre es um die Jahrtausendwende wohl nicht zur Herausbildung eines gänzlich neuen Diskursstranges gekommen, der nun erstmals nicht nur einseitig die Gefahren und Nachteile thematisiert, sondern ergänzend dazu auch die potenziellen Chancen und Vorzüge der demografischen Alterung mit in Betracht zieht.[30] Dies beinhaltet ebenso die von der einschlägigen Publizistik erneut aufgeworfene Frage nach den Ursachen sowie nach alternativen Interpretationsmöglichkeiten der demografischen Alterung.[31] Dadurch gerät letztlich auch der vom Soziologen Franz-Xaver Kaufmann kritisierte "demografische Fatalismus" ins Wanken,[32] da in zunehmendem Maße deutlich wird, dass der demografische Wandel grundsätzlich weder irreversibel noch alternativlos sein muss. Mithin mehren sich seit einigen Jahren diejenigen Stimmen, welche zur Besonnenheit aufrufen, um "aus der Not eine Tugend" zu machen.[33]

Der britische Ökonom Nicholas Strange war einer der ersten Autoren, die sich gegen die "Methusalem-Hysterie" wandten, indem er erklärte, "warum wir mit dem Altern unserer Bevölkerung gut leben können" und weshalb man - so der Titel seines 2006 erschienenen Buches - "keine Angst vor Methusalem" zu haben brauche.[34] Dem vorausgegangen war 2004 "Das Methusalem-Komplott" von Frank Schirrmacher, mit dem der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" entscheidend zur weiteren Intensivierung und Popularisierung der medialen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des demografischen Wandels beitrug.[35]

Schirrmacher plädierte für eine gleichsam gerontokratische Verschwörung der Alten gegenüber den Jungen, um sich im Zuge des heraufziehenden Generationenkonflikts behaupten zu können. Demgegenüber hob Strange darauf ab, dass die demografische Alterung nicht notwendigerweise katastrophale Folgen haben müsse, zumal angesichts des erwartbaren Produktivitätsfortschritts sowie des ausreichenden Reservoirs an Arbeitskräften der wirtschaftliche Wohlstand auch in Zukunft nicht gefährdet sei.

In geradezu paradigmatischer Weise repräsentieren diese beiden Autoren mit ihren Büchern das für den deutschen Alterungsdiskurs des frühen 21. Jahrhunderts charakteristische Hin- und Herschwanken zwischen zwei Extrempositionen: resignative Schicksalsergebenheit einerseits und tatkräftiger Gestaltungswille andererseits. Ungeachtet dieser Ambivalenz bleibt festzuhalten, dass der diskursive Schwerpunkt nach wie vor eindeutig auf den "Gefahren" des demografischen Wandels liegt - vorrangig im Bereich der staatlichen Wohlfahrtspolitik. Die letztgenannte Sichtweise offenbarte sich auch 2003 in einer Rede des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Franz Müntefering: "Wir Sozialdemokraten haben in der Vergangenheit die drohende Überalterung unserer Gesellschaft verschlafen. Jetzt sind wir aufgewacht. Unsere Antwort heißt: Agenda 2010! Die Demografie macht den Umbau unserer Sozialsysteme zwingend notwendig."[36]

Aus dem deutschen Demografie-Diskurs gar nicht mehr wegzudenken ist zudem die allgemein geläufige, schon in der Weimarer Republik durch Burgdörfer in Umlauf gebrachte grafische Illustration des demografischen Wandels in Gestalt einer urnenförmigen (sh. Abbildung 2 in der PDF-Version) oder auf dem Kopf stehenden Alterspyramide.[37] Die Urne als geradezu archetypisches Sinnbild für die Vergänglichkeit eines Individuums wird hierbei als aufschreckendes Warnsymbol auf die Mortalität eines ganzen Volkes projiziert. Das gilt genauso für die paradoxe Metapher von der den physikalischen Naturgesetzen trotzenden Pyramide, weil darin die imaginierte Abnormität der vormals "normalen", "natürlichen" bzw. "gesunden" Altersstruktur veranschaulicht wird. Unverkennbar waren und sind all diese rhetorischen und visuellen Popularisierungsstrategien ein "Erfolgsrezept" für die kontinuierliche Selbstreproduktion der deutschen Alterungsangst.

Schlussbetrachtung

Aus gutem Grund vertritt die Soziologin Elisabeth Beck-Gernsheim die These, dass "die aktuelle Dramatisierung des Geburtenrückgangs wesentlich ein Medienereignis" sei, bei dem aufgrund der täglichen "Konkurrenz um Aufmerksamkeit, Schlagzeilen, Verkaufszahlen" altbekannte Fakten als brandneue Sensationsmeldungen verkauft werden sollen. Zurecht weist sie auch darauf hin, dass sich geschichtskundige Zeitgenossen durchaus darüber im Klaren seien, dass es "ähnliche Debatten (...) auch schon früher gegeben" habe.[38]

Folglich hält sich der tatsächliche Neuigkeitswert der meisten medienwirksam gestalteten demografischen Prognosen und Prophezeiungen in Grenzen. Immerhin kann das Unbehagen gegenüber demografischen Veränderungsprozessen vor allem in Deutschland auf eine ebenso lange wie wechselvolle Tradition zurückblicken. Und deshalb steht auch zu vermuten, dass der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin, der mit seinem bevölkerungspolitisch argumentierenden Buch "Deutschland schafft sich ab" 2010 binnen weniger Tage einen vieldiskutierten Bestseller landete, welcher 2011 sogar zum auflagenstärksten Sachbuch nach 1945 avancierte, nicht der letzte Erbwalter dieser bedenklichen "nationalen Tradition" bleiben wird.[39] Dass namentlich "Alterungsangst" und "Todesgefahr" fortwährend publizistisch inszeniert und nicht selten auch politisch instrumentalisiert wurden und werden,[40] gehört schließlich seit dem frühen 20. Jahrhundert zu den zählebigsten diskursiven Kontinuitäten der deutschen Geschichte und Gegenwart.

Somit wird auch künftig die gefährliche Nähe von Demografie und Demagogie - gerade im Zeitalter der (massen)medialen Demokratie - sicherlich allenthalben zu beobachten sein. Die schier unerschütterliche Persistenz jenes "apokalyptischen Bevölkerungsdiskurses" ist in gewisser Weise "ein ewigwährender Untergang".[41] Dass "die aktuelle Erregungskurve (...) ihre historischen Vorläufer" hat, veranlasst schließlich auch den Bevölkerungswissenschaftler Ralf Ulrich zu der ebenso ironischen wie berechtigten Zuspitzung: "Wir sterben immer wieder aus."[42]
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Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Bryant, Von der "Vergreisung des Volkskörpers" zum "demographischen Wandel der Gesellschaft". Geschichte und Gegenwart des deutschen Alterungsdiskurses im 20. Jahrhundert, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, (2007) 35, S. 110-127.
2.
Max Hirsch, Der Geburtenrückgang. Etwas über seine Ursachen und die gesetzgeberischen Maßnahmen zu seiner Bekämpfung, in: Archiv für Rassen- und Gesellschafts-Biologie, (1911) 5, S. 628-654.
3.
Karl Oldenberg, Ueber den Rückgang der Geburten- und Sterbeziffer, in: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, (1911) 32-33, S. 319.
4.
Ebd., S. 325.
5.
Vgl. Verena Steinecke, Menschenökonomie. Der medizinische Diskurs über den Geburtenrückgang von 1911 bis 1931, Pfaffenweiler 1996, S. 17-25.
6.
Vgl. Julius Wolf, Der Geburtenrückgang. Die Rationalisierung des Sexuallebens in unserer Zeit, Jena 1912.
7.
Carl Tönniges, Der Geburtenrückgang und die drohende Entvölkerung Deutschlands, Leipzig 1912, S. 2.
8.
Max von Gruber, Ursachen und Bekämpfung des Geburtenrückgangs im Deutschen Reich, München 19143, S. 7.
9.
Vgl. ebd., S. 14 und S. 54.
10.
Vgl. Thomas Bryant, Friedrich Burgdörfer (1890-1967). Eine diskursbiographische Studie zur Geschichte der deutschen Demographie im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2010.
11.
Friedrich Burgdörfer, Volk ohne Jugend. Geburtenschwund und Überalterung des deutschen Volkskörpers, Berlin 1932, S. 89, S. 152 und S. 427.
12.
Ders., Aufbau und Bewegung der Bevölkerung. Ein Führer durch die deutsche Bevölkerungsstatistik und Bevölkerungspolitik, Leipzig 1935, S. 189.
13.
Vgl. Lil-Christine Schlegel-Voß, Alter in der "Volksgemeinschaft". Zur Lage der älteren Generation im Nationalsozialismus, Berlin 2005, S. 281.
14.
Vgl. Heiko Stoff, Ewige Jugend. Konzepte der Verjüngung vom späten 19. Jahrhundert bis ins Dritte Reich, Köln u.a. 2004.
15.
Vgl. Domenica Tölle, Altern in Deutschland 1815-1933. Eine Kulturgeschichte, Grafschaft 1996, S. 320.
16.
Vgl. Gertrud M. Backes, Alter(n) als "gesellschaftliches Problem"? Zur Vergesellschaftung des Alter(n)s im Kontext der Modernisierung, Opladen 1997; Gerd Biegel (Hrsg.), Geschichte des Alters in ihren Zeugnissen von der Antike bis zur Gegenwart, Braunschweig 1993; Stefan Pohlmann, Das Alter im Spiegel der Gesellschaft, Idstein 2004.
17.
Susanne Hahn, Alternsforschung und Altenpflege im Nationalsozialismus, in: Christoph Meinel/Peter Voswinckel (Hrsg.), Medizin, Naturwissenschaft, Technik und Nationalsozialismus, Stuttgart 1994, S. 221-229; Susanne Hahn, Pflegebedürftige alte Menschen im Nationalsozialismus, in: Christoph Kopke (Hrsg.), Medizin und Verbrechen, Ulm 2001, S. 131-142.
18.
Regierungserklärung Konrad Adenauers auf der 3. Sitzung des II. Deutschen Bundestages am 20.10.1953, in: Verhandlungen des Deutschen Bundestages. Stenographische Berichte (2. Wahlperiode 1953), Bd. 18, Bonn 1954, S. 18.
19.
Wortprotokoll vom "Kanzler-Tee" am 20.10.1953 (Tee-Gespräch Nr. 47), in: Adenauer. Rhöndorfer Ausgabe, Teegespräche 1950-1954, Berlin 1984, S. 491.
20.
Franz-Josef Wuermeling, Staatliche Familienpolitik?, in: Bonner Hefte. Zeitschrift für Politik, Wirtschaft und Kultur, (1953) 8, S. 3f.
21.
M. Findeisen, Europa stirbt und merkt es nicht, Baden-Baden-Frankfurt/M. 1957, S. 23 und S. 137.
22.
Tendenziell eher eine Ausnahme bildet "Der Spiegel", der am 24.3.1975 titelte: "Sterben die Deutschen aus?"
23.
Vgl. Heinrich Schade, Genosuizid - Volksselbstmord, in: o.A., Deutschland - ohne Deutsche, Tübingen 1984, S. 1-14; Robert Hepp, Das deutsche Volk in der Todesspirale, in: ebd., S. 15-29.
24.
Robert Hepp, Die Endlösung der Deutschen Frage. Grundlinien einer politischen Demographie der Bundesrepublik Deutschland, Paris u.a. 1988, S. 91.
25.
Ebd., S. 39 und S. 69.
26.
Theodor Schmidt-Kaler, Bevölkerungsfragen auf der Tagesordnung der Zukunft, in: Bruno Heck (Hrsg.), Sterben wir aus? Die Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, Freiburg/Br. 1988, S. 31, S. 33-37 und S. 45.
27.
Bettina Bräuninger/Andreas Lange/Kurt Lüscher, "Alterslast" und "Krieg zwischen den Generationen"? Generationenbeziehungen in aktuellen Sachbuchtexten, in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, (1998) 1, S. 7.
28.
Vgl. Christiane Reinecke, Krisenkalkulationen. Demographische Krisenszenarien und statistische Expertise in der Weimarer Republik, in: Moritz Föllmer/Rüdiger Graf (Hrsg.), Die "Krise" der Weimarer Republik. Zur Kritik eines Deutungsmusters, Frankfurt/M.-New York 2005, S. 209-240.
29.
Vgl. Deutscher Bundestag (Hrsg.), Schlussbericht der Enquête-Kommission "Demographischer Wandel - Herausforderungen unserer älter werdenden Gesellschaft an den Einzelnen und die Politik", Bonn 2002.
30.
Vgl. z.B. Karl Otto Hondrich, Weniger sind mehr. Warum der Geburtenrückgang ein Glücksfall für unsere Gesellschaft ist, Frankfurt/M.-New York 2007; Antje Schrupp, Methusalems Mütter. Chancen des demografischen Wandels, Königstein/Ts. 2007.
31.
Vgl. z.B. Meike Dinklage, Der Zeugungsstreik. Warum die Kinderfrage Männersache ist, München 2006; Susanne Gaschke, Die Emanzipationsfalle. Erfolgreich, einsam, kinderlos, München 2005, S. 94.
32.
Franz-Xaver Kaufmann, Schrumpfende Gesellschaft. Vom Bevölkerungsrückgang und seinen Folgen, Frankfurt/M. 2005, S. 31.
33.
Vgl. Axel Börsch-Supan, Aus der Not eine Tugend. Zukunftsperspektiven einer alternden Gesellschaft, in: Herbert-Quandt-Stiftung (Hrsg.), Gesellschaft ohne Zukunft? Bevölkerungsrückgang und Überalterung als politische Herausforderung, Bad Homburg 2004, S. 81-91.
34.
Nicholas Strange, Keine Angst vor Methusalem! Warum wir mit dem Altern unserer Bevölkerung gut leben können, Hannover 2006.
35.
Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott, München 2004.
36.
Zit. nach: Verdi-Bundesvorstand (Hrsg.), Mythos Demografie, Frankfurt/M. 2003, S. 1.
37.
Vgl. Andrea Tichy/Roland Tichy, Die Pyramide steht Kopf. Die Wirtschaft in der Altersfalle und wie sie ihr entkommt, München 2003.
38.
Elisabeth Beck-Gernsheim, Die Kinderfrage heute. Über Frauenleben, Geburtenrückgang und Kinderwunsch, München 2006, S. 12.
39.
Sarrazin behauptet zum Beispiel: "Was wird denn in Deutschland geschehen, wenn das deutsche Volk still dahinscheidet? (...) Wir Deutschen (...) ziehen uns still aus der Geschichte zurück nach der Gesetzmäßigkeit der Sterbetafel des Statistischen Bundesamtes." Thilo Sarrazin, Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen, München 2010, S. 346 und S. 394.
40.
Erinnert sei in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch an die "Kinder statt Inder"-Debatte im Jahr 2000.
41.
Thomas Etzemüller, Ein ewigwährender Untergang. Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert, Bielefeld 2007.
42.
Ralf E. Ulrich, Wir sterben immer wieder aus, in: Die Welt vom 11.5.2006, S. 9.

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Demografischer Wandel

Zu- und Auswanderung, Geburtenrate, Sterblichkeit - die sind die drei zentralen Faktoren für die demografische Entwicklung. Der demografische Wandel wird unsere Gesellschaft spürbar verändern - ob auf Kommunal-, Landes- oder Bundesebene, im Bereich der Sozialversicherungen, der Arbeitswelt, der Infrastruktur oder der Familienpolitik. Das Dossier beleuchtet die wichtigsten Bereiche und skizziert den Stand der Debatte.

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