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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Anfal-Operationen gegen die kurdische Bevölkerung

Anfal ist der Name der achten Sure aus dem Koran, in der die im Krieg gegen Ungläubige erbeuteten Güter als "legitime" Beute bezeichnet werden. Unter dem Codewort "Anfal" hatte die irakische Armee im Jahr 1988 eine großangelegte Militäroperation gegen die kurdischen ländlichen Gebiete im Norden des Irak durchgeführt - öffentlich angekündigt und legitimiert als Vergeltungsaktion gegen die kurdische "Kollaboration" mit dem Kriegsgegner Iran.[3] Im Laufe weniger Monate wurden Tausende kurdischer Dörfer zunächst bombardiert (teilweise mit Giftgas) und dann von Bodentruppen vollkommen zerstört. Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben. Mehr als 100.000 Männer zwischen 15 und 50 Jahren, in einigen Regionen auch zahlreiche Frauen, wurden vom Rest der Bevölkerung getrennt und an unbekannte Orte verschleppt. Die wenigen Zeugenaussagen und die inzwischen gefundenen Massengräber zeugen von Massenerschießungen. Das individuelle Schicksal der meisten Verschleppten aber ist bis heute ungeklärt.

Frauen mit Kindern und ältere Männer wurden über Monate in Lagern und Gefängnissen zusammengepfercht, gequält und gedemütigt. Viele, vor allem ältere Menschen und Kinder, starben hier. Im Herbst 1988 wurden die Überlebenden "amnestiert" und in Umsiedlungslager gebracht, die das irakische Regime als "Modernisierungsmaßnahme" für die kurdische Landbevölkerung propagierte.

Fußnoten

3.
Vgl. Human Rights Watch, Genocide in Iraq, New York 1993.