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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Leben nach Anfal: 15 Jahre Ungewissheit und Provisorium

Bis 1991 lebten die Anfal-Überlebenden unter direkter Kontrolle des irakischen Militärs in den Umsiedlungslagern. Nach dem Zweiten Golfkrieg im Jahr 1991, dem Rückzug des irakischen Regimes aus einem Großteil der kurdischen Gebiete und der Entstehung einer provisorischen Autonomie in Kurdistan-Irak, wurden die während Anfal zerstörten Dörfer wieder aufgebaut. Viele Familien kehrten zurück und nahmen die landwirtschaftliche Produktion wieder auf. Vor allem alleinstehende Frauen mit Kindern aber lehnten die Rückkehr in ihre Dörfer ab. Sie wollten nicht zurück an die Orte des Schreckens, wo sie zudem weder auf männliche Arbeitskraft noch auf Schutz bauen konnten. Sie verharrten in den Umsiedlungslagern, viele leben dort bis heute.

Die Autorin konzentriert sich auf Frauen in dem ehemaligen Umsiedlungslager Al Sumud (arabisch für Standhaftigkeit) in der ländlichen Region Germian im Südosten der kurdisch verwalteten Region. Sumud ist heute eine lagerähnliche Stadt oder ein stadtähnliches Lager und wurde inzwischen umbenannt in Rizgary (kurdisch für Befreiung). Ein Großteil der etwa 30.000 Einwohnerinnen und Einwohner sind Anfal überlebende Frauen und ihre Kinder und Enkelkinder. Sie dominieren das Stadtbild, sitzen vor den Häusern, stehen Schlange vor Krankenhäusern und Regierungsbüros. Sie wirken wie öffentliche Symbole der Trauer.

In der kurdischen Sprache werden die Frauen "bewajini Anfal", alleinstehende Anfal-Frauen, genannt und so schon sprachlich über die Abwesenheit ihrer Angehörigen definiert. Aber diese Frauen haben alle selbst Gewalt erlebt: Den plötzlichen Einbruch massiver Gewalt in ihr Leben, die Zerstörung ihrer Dörfer und Lebensgrundlagen, die Trennung von ihren Verwandten, Erniedrigung und den Tod von Kindern, Eltern und Mitgefangenen in den Gefängnissen.

Überlebende Frauen erzählen unentwegt über Anfal. Der Begriff ist in den Sprachgebrauch der Opfer eingegangen. Über die Verschwundenen heißt es schlicht: "Mein Mann, meine Söhne, meine Töchter sind Anfal." Ihre Erzählungen sind detailliert, aber fragmentiert und unspezifisch in Zeit und Raum. Grausamkeiten werden oft fast emotionslos vorgetragen. Eigene Erinnerungen und die der Nachbarn und Verwandten werden zu einer kollektiven Leidensgeschichte verwoben. Diese Erzählungen spiegeln bis heute Entsetzen und Ohnmacht und das, was Judith Lewis Herman das zentrale Dilemma des Traumas[4] nennt, wider: den gleichzeitigen Wunsch zu schweigen und zu sprechen.

Zu den schrecklichsten Erinnerungen der Frauen gehört der Tod vieler Kinder im Gefängnis von Nugra Salman im Süden des Irak. Die Soldaten verboten den trauernden Müttern das Weinen. Die Körper der toten Kinder wurden auf das freie Feld geworfen, verscharrt und nachts von wilden Hunden zerrissen. Die Erzählung von den "Kindern, die von schwarzen Hunden gefressen wurden" ist zu einem zentralen Erinnerungstopos geworden, der unabhängig von der tatsächlichen Erfahrung erzählt und weitergetragen wird und so zum Synonym für die während Anfal erlittenen Grausamkeiten geworden ist. Viele Frauen werden von Schuldgefühlen gequält, weil sie ihre Kinder nicht schützen konnten.

Quälend ist aber vor allem der Gedanke an die Verschleppten. Der Moment der Trennung, des letzten Blicks, wird täglich von Neuem erinnert; die Ungewissheit über das Schicksal der Verschwundenen hält die Trauer um den Verlust lebendig und verhindert die Verarbeitung. Die Erzählungen der Anfal-Frauen über das ständige Oszillieren zwischen Hoffnung und Verzweiflung, das tägliche Horchen an der Tür, die Suche nach Bekanntem in jedem Gesicht, ähneln denen der Angehörigen von Verschwundenen in Argentinien, Chile, Nicaragua und Bosnien. Angehörige können keinen Trauerprozess durchlaufen und somit keinen Abschluss finden. Jeder Schritt in Richtung einer Veränderung, zur Reorganisation der Familie oder neuen Lebensplänen wird als Verrat an den Vermissten erlebt und ist mit Schuldgefühlen verbunden. Die Ungewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen macht das eigene Leben provisorisch.[5]

Während sich die Erzählungen von Angehörigen Verschwundener ähneln, unterscheiden sich die Wege der Bearbeitung und die Handlungsoptionen in den verschiedenen kulturellen und politischen Kontexten. Die "Mütter der Plaza de Mayo" in Argentinien und die "Samstagsmütter" in der Türkei haben ihren verschwundenen Söhnen und Töchtern in politischen Demonstrationen Namen und Gesichter gegeben und über die politische Organisierung soziale Netzwerke geschaffen. In Zimbabwe und Südafrika nutzen Angehörige von Verschwundenen traditionelle Rituale, um die "Geister der Toten" zu besänftigen und selbst einen symbolischen Abschluss zu finden.[6]

In Kurdistan-Irak haben politische Instabilität, ökonomische Not und traditionelle Geschlechterrollen die Möglichkeiten der Bearbeitung der Gewalterfahrung und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven, insbesondere für Frauen, unter den Anfal-Überlebenden eingeschränkt. Bis 2003 war das Baath-Regime an der Macht, und durch den ungesicherten Status der kurdischen Region war die Angst vor einer Fortsetzung der Gewalt ständig präsent.

Die Anfal-Operationen hatten die gesamte ökonomische und soziale Struktur der betroffenen ländlichen Gebiete zerstört. Die überlebenden Frauen konnten nicht auf die Unterstützung anderer Familienmitglieder zurückgreifen und lebten danach meist allein mit ihren Kindern in ökonomischen Notsituationen, bestimmt vom täglichen Kampf ums Überleben. Die meisten von ihnen sind Analphabetinnen und arbeiteten als Tagelöhnerinnen oder Schmugglerinnen an der kurdisch-irakischen Frontlinie. Ihr sozialer Bewegungsspielraum war eingeschränkt durch den Sitten- und Moralkodex und die Geschlechterrollen der patriarchalen und traditionellen kurdischen ländlichen Gesellschaft. Ein Lebensentwurf für Frauen ohne männliche Versorgung und Schutz ist hier nicht vorgesehen.

Der soziale und legale Status der hinterbliebenen Frauen war unklar. Sie waren alleinstehend, aber keine Witwen. Sie mussten die Ehre der verschwundenen Männer wahren und gleichzeitig für ihren Lebensunterhalt sorgen. Gingen sie arbeiten, wurden sie schnell der Prostitution verdächtigt. Die in den Gefängnissen erlittene oder auch nur vermutete sexuelle Gewalt haftete ihnen als Stigma an. Die ihnen sozial zugewiesene Rolle der wartenden und trauernden Frauen verstärkte und verlängerte ihren innerpsychischen Wartezustand. Sie wurden über die Abwesenheit ihrer Männer definiert, wobei ihre eigenen Gewalterfahrungen über die internalisierte soziale Rollenzuweisung in den Hintergrund traten. So war ihre Hoffnung und Perspektive bis 2003 wider alle Wahrscheinlichkeit fest auf die Rückkehr ihrer verschwundenen Angehörigen gerichtet.

Fußnoten

4.
Vgl. Judith Lewis Herman, Die Narben der Gewalt, München 1994. Die Autorin dieses Beitrags bezieht sich auf einen sozial und politisch kontextualisierten Traumabegriff, der die soziale und gesellschaftliche Dimension sowohl des Erlebens der Gewalt als auch ihrer Bearbeitung einbezieht. Vgl. unter anderem David Becker, Ohne Hass keine Versöhnung, Freiburg 1992; Medico International (Hrsg.), Schnelle Eingreiftruppe "Seele", medico-report 20, Frankfurt/M. 1997.
5.
Vgl. D. Becker (Anm. 4); Diana R. Kordon et al., Psychological effects of political repression, Buenos Aires 1998; Sheila R. Tully, A painful purgatory. Grief and the Nicaraguan mothers of the disappeared, in: Social Sciences and Medicine, 40 (1994) 12, S. 1597-1610; Barbara Preitler, Ohne jede Spur. Psychotherapeutische Arbeit mit Angehörigen von Verschwundenen, Gießen 2006.
6.
Vgl. M. Mupinda, Loss and Grief among the Shona: The meaning of disappearances, Paper presented to the VIIth International Symposium on "Torture as a challenge to the Medical Profession", Kapstadt 1995; Usche Merk, Jenseits der Wahrheitskommission - Auf der Suche nach Formen der Bewältigung von Gewalterfahrungen in Südafrika, in: Zeitschrift für Politische Psychologie, 14 (2006) 1-2, S. 49-64.