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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Enttäuschte Hoffnungen nach 2003

Im April 2003 wurde die 30-jährige Diktatur des Baath-Regimes beendet. Unter den Anfal-Überlebenden flammte zunächst die Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Angehörigen erneut auf. Wie zahllose Angehörige von Verschleppten aus dem schiitischen Süden, den Marschgebieten und von politischen Gefangenen aller ethnischen und religiösen Gruppen im gesamten Irak, reisten auch viele der Frauen in den ersten Wochen nach dem Sturz des Regimes zu Polizeistationen, Gefängnissen und Behörden in der Hoffnung auf Aufklärung.[7] In den folgenden Monaten wurden fast 300 Massengräber im ganzen Irak gefunden, in denen bis zu 500.000 Opfer des Regimes aus allen ethnischen und religiösen Gruppen des Landes vermutet werden.

Dass die Verschwundenen nicht zurückkehren, ist nun sicher. Nach wie vor aber wurde ein Großteil der Massengräber nicht geöffnet und haben die Angehörigen keine individuelle Gewissheit. Angehörige Ermordeter und Verschwundener im gesamten Irak fordern die zügige Öffnung der Massengräber. Gewissheit ist für sie eine wichtige Voraussetzung für die Verarbeitung ihres Verlusts und die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Weiter fordern sie die Bestrafung der Täter, Entschädigungen sowie ökonomische und soziale Unterstützung. Aber die Eskalation neuer Gewalt im Irak nach 2003, die anhaltende Besatzung und die zunehmende Fragmentierung der irakischen Gesellschaft entlang ethnisch-nationaler und religiöser Trennungslinien haben die Debatte um einen Prozess gesellschaftlicher Aufarbeitung der Vergangenheit auf regionaler und nationaler Ebene von der politischen Tagesordnung verdrängt.

Für alle politischen und ethnisch-nationalen Fraktionen im heutigen Irak spielen die eigenen Opfer vergangener und aktuell erlittener Gewalt eine große Rolle bei der Legitimation nationaler Machtansprüche. Es herrscht tiefe politische Konkurrenz um die Federführung und Verantwortung bei der Öffnung der Massengräber, der Dokumentation von Verbrechen und institutionellen Schritten zur Bearbeitung der Vergangenheit. Dabei werden die Opfer vergangener und heutiger Gewalt häufig gegeneinander ausgespielt und so statt nationalem Dialog die Konkurrenz zwischen verschiedenen Opfergruppen gefördert. Wenn heute von "Versöhnung" die Rede ist, meint das vor allem den Versuch der Einigung zwischen den aktuell um die politische Macht im Irak kämpfenden Gruppierungen.

Bis auf die noch von der US-Übergangsverwaltung vorangetriebene und später zum Teil revidierte De-Baathifizierung im öffentlichen und Sicherheitssektor und die national und international umstrittenen Tribunale gegen Saddam Hussein und seine engsten Gefolgsleute vor dem Irakischen Obersten Gerichtshof hat es bislang keine institutionellen Schritte des Umgangs mit der Vergangenheit gegeben. Angesichts ausbleibender Unterstützung und Anerkennung sowie gleichzeitiger politischer Instrumentalisierung entfremden sich die Opfer der Verbrechen des Baath-Regimes vom politischen Prozess im Irak und die Debatten um Erinnerung und Umgang mit der Vergangenheit bleiben auf die lokale und regionale Ebene begrenzt.

Fußnoten

7.
Der auf der Berlinale 2010 gezeigte Film "Son of Babylon" des irakischen Regisseurs Mohammed Al Daradji zeigt eindrucksvoll die verzweifelte Suche kurdischer und arabischer Frauen nach ihren verschwundenen Angehörigen in Gefängnissen und Massengräbern im Jahr 2003.