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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Transformation der Erinnerungen und Narrative

Für die Anfal-Überlebenden in Kurdistan hat der Sturz des Baath-Regimes dennoch entscheidende Veränderungen gebracht. Die Täter sind gestürzt. Der autonome Status der kurdischen Region hat sich stabilisiert: Kurdistan ist heute eine autonome Region in einem föderalen Irak. Die jahrelange Angst vor einer Wiederholung der erlebten Katastrophe ist gebannt. Die Hauptverantwortlichen für Anfal, Saddam Hussein und der Befehlshaber der Anfal-Operationen Ali Hassan Al Majid, wurden vom Obersten Irakischen Gerichtshof verurteilt und hingerichtet.

Jenseits der kontroversen Debatte um die Legitimität dieser Tribunale war für die Anfal überlebenden Frauen vor allem die landesweite TV-Ausstrahlung der detaillierten Zeugenaussagen über die Erfahrungen während der Operation ein wichtiger Schritt zur Anerkennung ihres Leids. Gleichzeitig waren sie enttäuscht über die übereilte Vollstreckung des Todesurteils von Saddam Hussein. Zum einen hatten sie gehofft, er würde noch Informationen über den Verbleib der Verschwundenen preisgeben. Zum anderen waren sie enttäuscht, dass seine Hinrichtung für das Massaker an 148 Schiiten in Dujail vor dem Ende des Anfal-Prozesses erfolgte. Ihr Wunsch nach Gerechtigkeit und Vergeltung für Anfal blieb so unerfüllt.

Seit 2003 hat sich die ökonomische Situation der Anfal-Frauen entscheidend verbessert. Die kurdische Regierung beginnt in die zerstörten Gebiete zu investieren; Überlebende erhielten Häuser, ihre monatlichen Renten wurden erhöht. Die Kinder der Anfal-Überlebenden sind heute erwachsen und haben Einkommen und Familien. Nach vielen Jahren, in denen die Frauen mit ihren Kindern auf sich allein gestellt waren, leben sie heute wieder in einer sozialen Gemeinschaft.

Mit der Gewissheit, dass die Verschleppten nicht zurückkommen, dem Nachlassen des ökonomischen Drucks und neuem Leben in den Häusern und Straßen verändern sich auch Erinnerungen und Narrative der Frauen. Die Konzentration auf die verschwundenen Männer nimmt ab, und es treten zunehmend eigene Gewalterfahrungen und Entbehrungen in den Vordergrund. Bei dieser Verlagerung des Schwerpunkts spielen auch die erwachsenen Kinder eine Rolle, die heute ihrer Empörung vor allem über die mangelnde Hilfe ihrer Mütter nach Anfal Ausdruck geben.

Bislang tabuisierte Erlebnisse sexueller Gewalt in den Gefängnissen werden nun, da viele Frauen älter sind und die Angst vor Sanktionen verloren habe, erzählt. Hier werden sie unterstützt von einer seit Ende der 1990er Jahre erstarkenden Frauenrechtsbewegung in Kurdistan-Irak, die das Thema Gewalt gegen Frauen enttabuisiert und in die öffentliche Diskussion gebracht hat. Anfal überlebende Frauen werden sich zunehmend ihrer Stärken und Ressourcen bewusst. Trotz der zerstörerischen Wirkung der Gewalt haben sie überlebt, haben in extremen Notsituationen und gegen alle sozialen Widerstände untereinander starke informelle Netzwerke geschaffen, sich gegenseitig unterstützt und gegen sozialen Druck und Sanktionen verteidigt. Sie sind stolz darauf, dass sie ihre Kinder ohne Unterstützung groß gezogen haben und viele heute im Berufsleben stehen oder an Universitäten studieren.

Mit Verweis auf ihren Beitrag zum kurdischen Widerstand artikulieren Anfal-Frauen heute ihre Forderungen: Von der irakischen Regierung fordern sie die Öffnung der Massengräber, konsequente Bestrafung aller Täter und Entschädigung. Von der kurdischen Regierung fordern sie ökonomische und soziale Unterstützung und die Bestrafung kurdischer Kollaborateure, die aktiv an Anfal beteiligt waren. Auch dieser Teil der Erinnerung wurde erst mit dem Sturz des Baath-Regimes und der Stabilisierung der fragilen kurdischen Autonomie zum Thema in den Erzählungen der Überlebenden. All diese Beispiele zeigen, wie sich die Erinnerungen und Narrative der Frauen in enger Wechselwirkung mit den gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen verändern.