APUZ Dossier Bild

21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Erinnerungsdiskurse im Konflikt

Dabei geraten die veränderten Narrative der Frauen zunehmend in Konflikt mit dem dominanten Diskurs über Anfal in der kurdischen Gesellschaft. Für die kurdischen politischen Parteien und die Regionalregierung sind der Giftgasangriff auf Halabdscha im Jahr 1988 und die Anfal-Operationen das "nationale Trauma" und zentral für die Legitimation ihrer Forderungen nach Autonomie und Machbeteiligung auf nationaler irakischer Ebene und in Bezug auf internationale Schutzgarantien. Anfal überlebende Frauen erscheinen in diesem Diskurs als hilflose Opfer und nationale Symbole für Trauer und Leid. Ihre konkreten Erfahrungen und Forderungen verschwinden dahinter. Das spiegelt auf der einen Seite den dominanten patriarchalen Diskurs der politischen Führung in Kurdistan wider. Auf der anderen Seite werden so auch unbequeme Erinnerungen ausgegrenzt: Kurdische Kollaborateure, die aktiv an Anfal beteiligt waren, wurden 1991 amnestiert und haben heute zum Teil hohe Positionen in der kurdischen regionalen Politik und Wirtschaft inne.

Ein Schauplatz dieser konfliktiven Diskurse ist die Debatte um öffentliches Gedenken an Anfal. Während offizielle Gedenkzeremonien - wie zum Beispiel zum Jahrestag von Anfal am 14. April - meist in den städtischen Zentren stattfinden und die kurdische Regierung dort nationale Mahnmale und Museen plant, fordern Anfal-Überlebende Erinnerungsstätten an den betroffenen Orten. 2006 brannten Demonstrantinnen und Demonstranten in Halabdscha während einer offiziellen Gedenkfeier an die Giftgasopfer einen Teil des dortigen Mahnmals nieder. Sie forderten Unterstützung beim Wiederaufbau ihrer Stadt statt großer monumentaler Gesten. Auch die Beisetzung von 187 (nicht individuell identifizierten) Anfal-Opfern aus einem Massengrab in Najaf in Rizgary im April 2009 war begleitet von Protesten Anfal-Überlebender gegen die Abwesenheit führender kurdischer Politiker und von der Forderung nach Bestrafung kurdischer Kollaborateure.

Auch das Projekt "Erinnerungsforum für Anfal überlebende Frauen" entstand vor dem Hintergrund der Empörung der Frauen über ein in ihrem Ort ohne Abstimmung mit ihnen errichtetes Denkmal in Form eines traditionellen Hirtenkostüms. Die Frauen wiesen die Repräsentation als Schafhirten zurück und forderten eine Repräsentation ihrer eigenen Erfahrung mitsamt ihren Stärken und ihrem Beitrag zum kurdischen Widerstand. Mit dem Ziel der Errichtung einer selbst gestalteten und verwalteten Gedenk- und Begegnungsstätte in Rizgary kommen sie nun zusammen, tauschen ihre Erinnerungen aus, diskutieren diese mit Künstlerinnen und Künstlern, geben ihnen in Entwürfen für die Gedenkstätte Gestalt und verhandeln mit der kurdischen Regierung über die bauliche Umsetzung. Einige von ihnen haben im Rahmen des Projekts auch Gedenkstätten und Erinnerungsorte an die Opfer des Holocaust in Deutschland besucht.

Ihr Ziel ist ein Ort, an dem ihre verschwundenen Angehörigen Name und Gesicht bekommen, ein Ort des symbolischen Abschlusses, an dem sie trauern können und der ihre spezifische Erfahrung von Leid und Stärke repräsentiert. Damit machen sie einen weiteren Schritt aus ihrem Wartezustand heraus, setzen dem herrschenden Opferdiskurs ihre eigene Erzählung entgegen und engagieren sich aktiv in der Debatte um Aufarbeitung der Vergangenheit und Gestaltung öffentlicher Erinnerung in Kurdistan und im Gesamtirak.