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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung

Der Widerspruch zwischen den Wünschen und Forderungen der Opfer von Gewalt nach Bestrafung der Täter sowie nach Gerechtigkeit, Entschädigung und Anerkennung ihrer spezifischen Gewalterfahrung auf der einen Seite und den Erfordernissen einer politischen Aussöhnung zwischen Opfern, Tätern und verschiedenen Konfliktparteien auf nationaler und gesamtgesellschaftlicher Ebene auf der anderen Seite ist allen Gesellschaften nach massiven Gewalterfahrungen inhärent. Selbst die häufig als politische Erfolgsgeschichte beschriebene Wahrheitskommission in Südafrika konnte der Wut und Trauer der Opfer der Apartheid keinen adäquaten Raum bieten und ließ ihr Bedürfnis nach Bestrafung der Täter und individueller Wahrheitsfindung unbefriedigt.[8]

Auf politischer Ebene erfordern die Ziele des sozialen Friedens und der Stabilität eine Balance zwischen Erinnern und Vergessen und den verschiedenen konfliktiven Diskursen von Opfer- und Tätergruppen sowie einen institutionellen und zeitlichen Rahmen für die Verarbeitung vergangener Gewalt. Die Gewaltopfer selbst haben hingegen keine Alternative zum Erinnern und sind ein Leben lang mit den Auswirkungen der Gewalt beschäftigt. Die Bestrafung oder zumindest Schuldanerkennung der Täter, Entschuldigungen, Entschädigungen und die gesamtgesellschaftliche Anerkennung und Repräsentation ihrer spezifischen Gewalterfahrung sind dabei wichtige Bedingungen für eine Bearbeitung dieser Erfahrungen. Öffentliche Erinnerungsräume wie Gedenkstätten oder -zeremonien sind für Angehörige von Verschwundenen als symbolische Abschlüsse besonders wichtig.[9]

Die irakische Gesellschaft steht heute vor der Herausforderung, unter den Bedingungen anhaltender Gewalt und neben der evidenten politischen Priorität eines nationalen Kompromisses zu ihrer Beendigung auch mit dem Erbe der Baath-Diktatur umzugehen. Die schnelle Öffnung der Massengräber, weitere juristische Schritte zur Bestrafung der Täter, Entschädigungen der Opfer und nationale Anerkennung der unter dem Baath-Regime erlittenen Gewalt sind nötig, um die Opfer der Verbrechen des Baath-Regimes für den heutigen nationalen politischen Prozess zu gewinnen.

Jenseits dieser institutionellen Aufarbeitung braucht die in allen Regionen von massiver vergangener und heutiger Gewalt gezeichnete irakische Gesellschaft vielfältige soziale und öffentliche Räume und Foren, in denen die kontrastierenden Opfer- und Erinnerungsdiskurse ausgedrückt und diskutiert werden können, um einer weiteren Fragmentierung entgegenzuwirken.

Fußnoten

8.
Vgl. Medico International (Hrsg.), Der Preis der Versöhnung. Südafrikas Auseinandersetzung mit der Wahrheitskommission, in: medico-report 21, Frankfurt/M. 1998 sowie die umfangreichen Publikationen des Psychologen Brandon Hamber zu den Erfahrungen der südafrikanischen Wahrheitskommission, online: www.brandonhamber.com (3.2.2011).
9.
Vgl. Brandon Hamber/Richard Wilson, Symbolic Closure through Memory, Reparation and Revenge in Post-Conflicts-Societies, in: Journal of Human Rights, 1 (2002) 1.