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21.2.2011 | Von:
Birgit Svensson

Von Frühling und Herbst der Pressefreiheit im neuen Irak - Essay

Demokratie: vom Zauberwort zum Schimpfwort?

Das Wort "demokratia" indes, mittlerweile in aller Munde, ist zum Modewort im Irak geworden. Gäbe es ein Wort des Jahres, wäre es garantiert "demokratia". Alles ist Demokratie oder auch nicht: die Preise auf den Gemüsemärkten, die undemokratisch hoch seien, die Benzinpreise auf deren Niedrigstand die Konsumenten ein demokratisches Anrecht hätten, Jobs, die es nicht gibt, die aber in einer Demokratie vorhanden sein sollten, Strom, der noch immer spärlich aus der Steckdose fließt und undemokratisch verteilt werde - das Regierungsviertel Grüne Zone erstrahlt nahezu im Dauerlicht, während der Rest Bagdads, die Rote Zone, oft nur mit Generatoren funktionieren kann. Demokratie, was gleich nach dem Einmarsch der "Koalition der Willigen" im Frühjahr 2003 zum Zauberwort geworden war, ist zwischendurch zum Schimpfwort verkommen, um sich momentan gerade auf ein realistisches Maß einzupegeln. Euphorie und Ernüchterung sind dabei, sich auszubalancieren, das Machbare zu erkennen.

Bei den Printmedien hat sich schnell die Spreu vom Weizen getrennt. Während nach dem Sturz des Saddam-Regimes Zeitungen wie Pilze aus dem Boden schossen, hatte sich gut zwei Jahre danach die Zahl der Publikationen im Irak schon erheblich reduziert. Vorher gab es lediglich vier Zeitungen, die alle streng unter der Kontrolle der regierenden Baath-Partei erschienen und am Ende keiner mehr lesen wollte, da sie ohnehin nur Propaganda verbreiteten. Dementsprechend groß war der Hunger nach Informationen nach der Wende. (Auch die Iraker benutzen inzwischen das Wort "Wende" für die Zeit nach Saddam Hussein, da es wertneutral ist.) Bis zu 180 Tages- und Wochenzeitungen wurden anfangs gezählt. Zwei Jahre später waren es noch 25. Unabhängig ist heute nur noch eine Handvoll.