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21.2.2011 | Von:
Birgit Svensson

Von Frühling und Herbst der Pressefreiheit im neuen Irak - Essay

Morddrohungen und Anfeindungen

Deshalb ist die Mehrzahl der heute erscheinenden Tages- und Wochenzeitungen inzwischen Parteizeitungen oder von Politikern und religiösen Organisationen finanzierte Druckerzeugnisse. Sie verheißen Schutz für den Preis der verlorenen Unabhängigkeit. Ismael Zayer, Herausgeber und Chefredakteur von "Al Sabah al Jadeed", einer der wenigen noch unabhängigen Tageszeitungen, hat im vergangenen Halbjahr nur fünf kommentierende Leitartikel geschrieben. Er ist es leid, Morddrohungen, Drohbriefe oder sonstige Anfeindungen zu bekommen, weil jemandem seine Meinung nicht gefällt.

Das Beispiel "Al Mada" steht hier stellvertretend für das Schicksal vieler ambitionierter Medienträume im irakischen Frühling der Pressefreiheit. Nur zwanzig Tage nachdem die Saddam-Statue auf Bagdads Firdous-Platz vom Sockel gestoßen wurde, saßen Zuhair al Jezairy und sieben weitere "Sechziger", wie er seine Mitstreiter nennt, mit dem Herausgeber Fakhri Karim zusammen und beschlossen, "Al Mada", was soviel heißt wie Ausdehnung oder Horizont, ins Leben zu rufen. Als ehemalige Mitglieder der kommunistischen Partei erlebten sie alle 1963 einen Wendepunkt in ihrem Leben, als die sozialistisch-nationalistische Baath-Partei einen Staatsstreich verübte und fortan das Parteienmonopol im Irak beanspruchte. "Anfangs haben wir noch gehofft, den Weg zum Totalitarismus aufhalten zu können", erinnert sich der 64-Jährige an seine ideologischen Kampfzeiten.

Doch anstatt die Gesellschaft zu verändern, hätten sie sich geändert. Als sie dies bemerkten, seien einige aus dem Irak ausgereist, andere gingen in den Untergrund. Einige hätten aber auch mitgemacht. "Al Mada"-Herausgeber Fakhri Karim baute in Dubai einen Verlag auf. Die ersten Ausgaben der Zeitung im Juni 2003 wurden noch am Golf gedruckt. Mit etwa 10.000 Exemplaren Druckauflage war sie von Anfang an eine der kleinsten Tageszeitung im neuen Irak. Klein, aber fein, die Ambitionen hoch, die intellektuelle Mittelschicht als Zielgruppe. Die allgemeine Aufbruchstimmung steckte auch die Redaktion von "Al Mada" an. Endlich konnte alles uneingeschränkt publiziert und recherchiert werden nach so vielen Jahren Diktatur und Zensur.

Ende Januar 2004 stellte die Zeitung die "247 Freunde Saddams" vor, die Ölkupons des Ex-Diktators erhalten haben sollen. Der Öl-für-Lebensmittel-Skandal nahm seinen Lauf. Die Nachforschungen der Kommission, die zur Aufklärung der Bestechungen während des UN-Embargos eingesetzt wurde, basierten auf den Listen von "Al Mada". "Die sind uns zugespielt worden", sagt der damalige Chefredakteur Zuhair al Jezairy zu der umstrittenen Veröffentlichung. "Wir wussten, dass wir uns damit Gegner schaffen. Und das in aller Welt."

Denn auf den Korruptionslisten standen nicht nur Firmen, die irgendwie mit Öl zu tun haben und daher gebraucht werden, sondern auch Privatpersonen wie etwa der Sohn des ehemaligen ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, ein ehemaliger französischer Innenminister oder der Präsident Indonesiens. Das Redaktionsgebäude wurde aus Sicherheitsgründen von der Druckerei getrennt: "Fast täglich bekamen wir Drohungen", sagt al Jezairy. Als die Zeitung dann die Namen von Terroristen und Aufständischen veröffentlichte, hatte sie sich auch die Stammesfürsten zu Feinden gemacht. Zwei der Reporter wurden ermordet.

Inzwischen hat Chefredakteur al Jezairy mit finanzieller Unterstützung der Vereinten Nationen die unabhängige Nachrichtenagentur Aswat al-Iraq aufgebaut, die mit Nina (National Iraqi News Agency) und der kurdischen AKNews konkurriert. Herausgeber Karim ist im sicheren kurdischen Norden in Suleimanija untergeschlüpft und wird von Staatspräsident Jalal Talabani finanziell unterstützt.

"Al Mada" ist brav geworden, hat die Auflage halbiert und fast täglich das Konterfei des Präsidenten auf der Titelseite. "Als ich einen kritischen Artikel über die dubiosen und von Bagdad nicht anerkannten Öl-Verträge der kurdischen Regionalregierung im Nordirak schrieb, bekam der Herausgeber einen bösen Anruf von einem Vertrauten des Präsidenten", erzählt der Autor. "Ich verlor meinen Job und Al Mada zog nach Kurdistan." Und ein anderer "Al Mada"-Ehemaliger sagte: "In Bagdad wird die Pressefreiheit mit Kugeln attackiert, in Kurdistan mit dem Geldbeutel."