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21.2.2011 | Von:
Loay Mudhoon

Wandel der regionalen Ordnung und Aufstieg neuer Mächte in der Golfregion

Irak-Krieg als "Akt imperialer Selbstbestätigung" der USA

Anfang des Jahres 1991 gelang es der US-geführten internationalen Koalition mit einem Mandat der Vereinten Nationen, die irakische Armee - sie galt immerhin als die sechstgrößte der Welt - bei minimalen eigenen Verlusten zu besiegen. Der Militärschlag gegen den Irak zielte lediglich auf die Befreiung Kuwaits und auf die Vernichtung von Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen. Ein Sturz des Diktators stand damals noch nicht auf der Tagesordnung der Vereinigten Staaten von Amerika.

Anders dagegen bei der Invasion im Jahr 2003, die explizit einen Regimewechsel zum Ziel hatte. Herfried Münkler nennt drei Hauptmotive der Vereinigten Staaten für den Sturz Saddam Husseins: "Die Angst vor einer gefährlichen Überdehnung der Kräfte infolge eines dauerhaften militärischen Engagements in der Golfregion; die nicht mehr akzeptable strategische Zwickmühle des asymmetrischen Friedens, aus deren Beendigung für Saddam Hussein kein Machtzuwachs und für die Amerikaner kein Gesichtsverlust resultieren darf; schließlich die Sorge um die politische und wirtschaftliche Stabilität der gesamten Golfregion, die eine mit möglichst geringem Kostenaufwand betriebene Installierung eines Prosperitätsregimes im Irak erforderlich macht."[8] Teile der US-Regierung wie auch andere Unterstützer des Feldzugs äußerten die Hoffnung, dass durch die Installierung eines neuen, kooperationswilligen Regimes in Bagdad die vielzitierte notorische Entwicklungsblockade im Mittleren Osten, die sicherlich eine der wichtigsten Ursachen für die politische Instabilität der gesamten Region und deren Anfälligkeit für radikale Ideologien ist, aufgelöst werden könnte.[9] Doch Kritiker der US-Transformationspläne bezweifelten deren Machbarkeit: Ihrer Meinung nach reduzierte "diese Sichtweise die Analyse der real existierenden Strukturen auf eine von der weltgesellschaftlichen Realität losgelöste imperiale Funktionsweise" und vernachlässigte somit die regionalen Gegebenheiten des Nahen und Mittleren Ostens.[10]

Ein weiterer Grund für die Invasion im Irak, der offiziell, aber vor allem inoffiziell zu vernehmen war, war das Ziel der Bush-Regierung, die Erdöllieferungen für den Weltmarkt und damit die Energiesicherheit insbesondere der westlichen Industriestaaten zu sichern. Aus dieser Warte war der Irak für die USA in zweifacher Hinsicht von zentraler Bedeutung: Das Zweistromland wird als eine bedeutende Quelle für die globale Energiesicherheit in den kommenden 25 Jahren gehandelt, wobei es bei dieser Frage nicht nur um irakisches Öl, sondern auch um den langfristig gesicherten Zugang zu den Ölreserven der gesamten Region geht. Robert James Woolsey, ehemaliger Direktor des Auslandsnachrichtendienstes der USA CIA, brachte dieses strategische Ziel unmittelbar vor dem Beginn des Krieges gegen den Irak mit folgenden Worten auf den Punkt: Es gehe "nicht nur um Amerikas Abhängigkeit vom Öl, sondern um die der ganzen Welt. (...) Wir müssen dem Nahen Osten die Ölwaffe wegnehmen. () Wir fangen jetzt mit dem Irak an".[11] In diesem Sinne rechtfertigte auch Richard Herzinger den Irak-Krieg als "Instrument der Selbstbehauptung der westlichen Demokratien" und "demokratischen Neokolonialismus".[12]

Doch bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass diese Argumente und Sichtweisen keine befriedigende Erklärung für die Kriegsentscheidung der Bush-Regierung liefern. So ist Stephan Bierling der Ansicht, dass weder der permanente Zugriff auf das irakische Öl noch der Schutz Israels (ein weiteres Ziel traditioneller US-Politik im Nahen Osten) noch neokonservative Neuordnungspläne der ausschlaggebende Grund für die Kriegsentscheidung waren. Er analysiert den Irak-Krieg vor dem Hintergrund des Schocks, den die US-amerikanische Gesellschaft durch die Anschläge am 11. September 2001 erlitt, und legt überzeugend dar, wie der enge Machtkreis um Präsident Bush nach diesen Anschlägen in einen Kreislauf von "Alarmismus, Selbsttäuschung und Allmachtsphantasien" abglitt.[13] Die Terroranschläge markierten einen Paradigmenwechsel in der Perzeption und der Bewertung sicherheitsrelevanter Parameter und wurden von vielen Analysten als Anfang vom Ende des klassischen Krieges - dem Krieg zwischen zwei Staaten - wahrgenommen. Die ein Jahr später folgende Nationale Sicherheitsstrategie der USA lieferte schließlich die erforderliche institutionelle Legitimierung für den Präventivkrieg gegen den Irak.[14] Die Erfahrung, auf eigenem Territorium verwundbar zu sein, führte bei amerikanischen Entscheidungseliten zu einem Bewusstseinsschock, weshalb der Irak-Krieg auch als "Akt imperialer Selbstbestätigung" interpretiert wird:[15] Nach dem Trauma durch die Terroranschläge auf die Symbole amerikanischer Macht wollte die US-Regierung unter George W. Bush ein Exempel statuieren, indem man der gesamten Staatengemeinschaft und speziell der "Achse des Bösen" zeigte, dass die USA uneingeschränkt handlungsfähig seien und sich ihnen kein Staat ungestraft widersetzen könne. Sie waren zudem willens, auf Angriffe mit aller Härte zu reagieren. Der Irak rückte in den Fokus, weil er in dieser "Achse" offensichtlich das schwächste Glied war.

Mit anderen Worten: Die "wahren" Motive für diesen Interventionskrieg können nur durch die Verbindung zwischen einer in Sicherheitsbelangen sensibilisierten und daher auch gegenüber Manipulationen empfindlichen US-amerikanischen Öffentlichkeit auf der einen und der politisch-geostrategischen Ausrichtung relevanter Teile der US-Administration mit dem Ziel einer grundlegenden Veränderung der Machtkonstellation zur Herstellung regionaler Stabilität unter US-strategischer Hegemonie am Persischen Golf auf der anderen Seite hinreichend erklärt werden.

Fußnoten

8.
Herfried Münkler, Der neue Golfkrieg, Reinbek 2003, S. 124.
9.
Vgl. Wolfgang Günther Lerch, Neuordnung oder Selbstveränderung? Aus Anlass der Irak-Krise: Die Frage nach Wandel im Islam ist schon recht alt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 6.8.2003, S. 10. Vgl. zum Verhältnis zwischen Geopolitik und den Wesensmerkmalen der islamisch geprägten Länder Dan Diner, Versiegelte Zeit. Über den Stillstand in der islamischen Welt, Berlin 2005, insb. Kapitel 2.
10.
Vgl. Mohssen Massarrat, Die Imperative des Imperiums, in: Der Freitag vom 21.3.2003.
11.
Zit. nach: Ernst Woit, Geostrategische und ideologische Aspekte der EU-Integration Europas, 2005, online: www.ag-friedensforschung.de/themen/Weltordnung/
woit.html (31.1.2011).
12.
Ebd.
13.
S. Bierling (Anm. 4), S. 7.
14.
Die Nationale Sicherheitsstrategie der USA kann als new defining moment amerikanischer Weltpolitik im 21. Jahrhundert angesehen werden, da sie "einen wegweisenden Charakter für die amerikanische Politik in allen internationalen Feldern" hatte. Vgl. Joachim Krause/Jan Irlenkaeuser/Benjamin Schreer, Wohin gehen die USA? Die neue nationale Sicherheitsstrategie der Bush-Administration, in: APuZ, (2002) 48, S. 40-46.
15.
S. Bierling (Anm. 4), S. 100.