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21.2.2011 | Von:
Loay Mudhoon

Wandel der regionalen Ordnung und Aufstieg neuer Mächte in der Golfregion

Politische Rolle der Schiiten im Irak

Die Zweifel an der Loyalität der Schiiten im eigenen Land sind nicht neu. Sie erhalten jedoch ihre enorme Brisanz zunächst durch die veränderten Machtverhältnisse innerhalb des Iraks: Die Schiiten, die mit etwa 65 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, erhielten nach dem Sturz des Saddam-Regimes erstmals auch ein politisches Gewicht, das den Mehrheitsverhältnissen Rechnung trägt.[27] Der iranische Einfluss zeigt sich etwa daran, dass viele Führer der großen schiitischen Parteien im Nachkriegsirak mehrere Jahre im iranischen Exil verbrachten, darunter auch der heutige irakische Premierminister Nuri al Maliki. Sogar vor einer Unterstützung des radikalen schiitischen Predigers Muqtada as Sadr, der sich zeitweise durch seine aggressive antiiranische Rhetorik auszeichnete, schreckt die iranische Führung nicht zurück. Auch an der Verhinderung einer neuen, von Iyad Allawi, dem Sieger der Parlamentswahlen im März 2010, geführten irakischen Regierung war Teheran maßgeblich beteiligt. Ali Larijani, der Präsident des iranischen Parlaments, hat sich persönlich eingeschaltet, um die verfeindeten schiitischen Parteien von al Maliki und as Sadr zur Zusammenarbeit zu bewegen.[28] Das dürfte daran liegen, dass "Allawi eine dezidiert säkular-nationalistische Politik vertritt und (...) große Teile der sunnitischen Bevölkerungsminderheit sowie die umliegenden arabischen Länder hinter sich [weiß]. Der Einfluss Irans würde unter seiner Regierung schwinden".[29]

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass der Iran tatsächlich mittels seines Einflusses auf schiitische Parteien schon heute ein Bestandteil der politischen Eliten im Nachkriegsirak ist. Und obschon Großajatollah Ali al Sistani, einer der größten schiitischen geistlichen Autoritäten im Irak, auf der Unabhängigkeit der irakischen Schiiten beharrt, ist der Einfluss Irans im Nachkriegsirak, insbesondere im Südirak, allgegenwärtig. Dies ist strategisch insofern außerordentlich wichtig, als es die amerikanischen Droh- und Handlungsoptionen gegen den Iran zur Eindämmung seiner atomaren Ambitionen in der militärisch-operativen Anwendungspraxis stark limitieren dürfte.

Fußnoten

27.
Vgl. Vali Nasr, When The Shiites Rise, in: Foreign Affairs, (2006) 4.
28.
Vgl. Birgit Svensson, Der Iran kennt keine Grenzen, in: Sonntagszeitung vom 31.10.2010, S. 15.
29.
Ebd.