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18.1.2011 | Von:
Sebastian Huhnholz
Mark T. Fliegauf

Parlamentarische Führung

Führung und Demokratie: eine Synthese

Führung als inter-personales Phänomen aufzufassen ermöglicht, es aus dem Fokus auf die Exekutive sowie der theoretischen Umklammerung eines akteurzentrierten Institutionalismus[3] zu entlassen. Wir bestimmen Leadership daher als soziales Interaktionsmuster zweier Protagonisten: des Führenden (leader) auf der einen und seiner Anhänger (followers) auf der anderen Seite.[4] "Führung besteht darin, das Handeln und Erleben eines anderen willentlich zur Grundlage des eigenen Handelns zu machen. Das gilt auf beiden Seiten. Die Geführten machen die Führenden zur Grundlage ihres Handelns, die Führenden die Geführten. Der Sachverhalt beziehungsweise Sozialverhalt ist ein zirkulärer."[5] Politische Führung ist demnach nicht gleichzusetzen mit politischer Autorität, welche sich in hierarchischen Bahnen (die stets vornehmlich eine Richtung kennen: top down) vollzieht. Es handelt sich bei Führung um einen eher informellen sozialen Kontrakt. Dieser beruht nicht nur auf der Kompatibilität der Vorgaben des Führenden mit den Präferenzen der Gefolgschaft (da erst die Einwilligung letzterer in einen Kontrakt den Führenden zum Leader werden lässt), sondern auch auf den daraus resultierenden komplexen und wechselseitigen Aushandlungsprozessen.[6]

Bereits Aristoteles weist in seiner "Politik" darauf hin, dass politische Egalität das Grundprinzip von Demokratie bilde, da nur auf ihrer Grundlage die Bürger wirkliche Macht ausüben könnten.[7] Und während auch Robert Dahl das Prinzip intrinsischer Gleichheit als Fundament jedes demokratisch organisierten Verbundes bekräftigt, gibt er doch gleichzeitig zu bedenken, dass die direkte Teilhabe aller am politischen Gemeinwesen in modernen Territorialstaaten unmöglich (da nicht praktikabel) sei. Deshalb müsse die moderne Form der Demokratie (bei Dahl "Polyarchie") unabdingbar eine repräsentative sein, in welcher sich der Kern des Egalitätsprinzips auf das gleiche Recht der Bürgerinnen und Bürger zur Teilnahme an Wahlen und die einheitliche Gewichtung ihrer Stimmen bezieht. Insofern wohnt der repräsentativen Demokratie bereits ein gewisses Maß an politisch funktionaler Differenzierung inne, weil das Volk zumeist weit weniger intensiv am formalpolitischen Prozess teilnimmt als seine Vertreter.[8]

Freilich kann man jede moderne Staatsform als eine Beziehung zwischen funktionalen Eliten und Bevölkerung konzeptionalisieren.[9] Es ist aber zuzüglich das gemeinsame Fundament des Vertrauens, welches die repräsentative Demokratie als spezifische Leader-Follower-Beziehung bestimmt. Charles Tilly hat argumentiert, dass Demokratie nur dort entstehen könne, wo sie im Stande sei, andere "Vertrauensnetzwerke" als Grundlage politischer Interaktionen abzulösen. Im Gegenzug erfordere die Demokratie mehr Institutionen- und Systemvertrauen als die übrigen Staatsformen von Seiten der Bürger, weil ohne Vertrauen die Delegation von Macht an einen bestimmten Personenkreis, exemplifiziert in der Wahl von Volksvertretern, nicht stattfinden könne.[10] Somit gründet das Verhältnis von Bürgern und ihren demokratisch legitimierten Repräsentanten wie jede andere Führungsbeziehung auf dem Vertrauen darin, dass der Leader die Interessen, Präferenzen und Nöte seiner Gefolgschaft wahrnimmt, in die Führungspraxis verwebt und für eine verantwortungsbewusste Umsetzung eintritt. Denn nur wo ein solches Vertrauen in die Responsivität der Führungsperson vorherrscht, sind Menschen bereit, ihr Grundbedürfnis nach Autonomie[11] funktional einzuschränken. Insofern ersetzen Vertrauens- und Führungsbeziehungen das politische System nicht, bilden aber eine seiner Grundlagen. Im repräsentativen Politikbetrieb sollte sich das von den Wählerinnen und Wählern gespendete Vertrauen vornehmlich auf das Parlament und seine Vertreter richten, weil sie es sind, die direkt vom Volk gewählt werden. Gleichwohl ist dies in Deutschland in abnehmendem Maße der Fall.

Fußnoten

3.
Vgl. Martin Sebaldt/Henrik Gast (Hrsg.), Politische Führung in westlichen Regierungssystemen: Theorie und Praxis im internationalen Vergleich, Wiesbaden 2010; Ludger Helms, Regierungsorganisation und politische Führung in Deutschland, Wiesbaden 2005; Robert Elgie, Political Leadership in Liberal Democracies, Basingstoke u.a. 1995.
4.
Vgl. Mark T. Fliegauf/Andreas Kießling/Leonard Novy, Leader and Follower - Grundzüge eines inter-personalen Ansatzes zur Analyse politischer Führungsleistung, in: Zeitschrift für Politikwissenschaft, 18 (2008), S. 403; siehe auch Barbara Kellerman, Followership: How Followers Are Creating Change and Changing Leaders, Boston 2008.
5.
Dirk Baecker, Die Sache mit der Führung, Wien 2009, S. 17.
6.
Vgl. M. Fliegauf et al. (Anm. 4), S. 404; Bruce J. Avolio/Fred O. Walumbwa/Todd J. Weber, Leadership: Current Theories, Research, and Future Directions, in: Annual Review of Psychology, 60 (2009), S. 422. Teile der folgenden Überlegungen sind im Rahmen eines Projektes zum Thema "Public Leadership" der Stiftung Neue Verantwortung entstanden.
7.
Aristoteles, Politik, Hamburg 1981, hier: S. 217 (Buch VI/2, 1317b).
8.
Vgl. Robert Alan Dahl, Polyarchy: Participation and Opposition, New Haven 1971; ders., On Democracy, New Haven u.a. 2000, bes. S. 83-92.
9.
Vgl. Bruce Bueno de Mesquita/Alastair Smith/Randolph M. Siverson/James D. Morrow, The Logic of Political Survival, Cambridge u.a. 2005.
10.
Charles Tilly, Democracy, Cambridge u.a. 2007, S. 92f.
11.
Vgl. Richard M. Ryan/Edward L. Deci, Self-determination Theory and the Facilitation of Intrinsic Motivation, Social Development, and Well-Being, in: American Psychologist, 55 (2000), S. 68-78. Dank an Niels van Quaquebeke für diesen Hinweis.

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