APUZ Dossier Bild

26.10.2011 | Von:
Ulrich von Alemann
Joachim Klewes
Christina Rauh

Die Bürger sollen es richten

Konsonante Werte?

Über Wertewandel wird seit der bahnbrechenden Arbeit von Ronald Inglehart intensiv diskutiert. Die internationale Sozialwissenschaft hat diese Debatte zu einem groß angelegten World Values Survey weiterentwickelt.[3] Angesichts dieser weit verästelten und ausladenden Großdebatte beschränken wir uns hier auf ein kleines Schlaglicht auf die Wertpräferenzen deutscher Politiker und Bürger im Jahre 2011. Die Stärke dieser Befragung ist in der Gegenüberstellung der Antworten von Regierenden und Regierten zu sehen, die mithilfe eines identischen Fragenkatalogs konfrontiert wurden. Methodisch erlaubt diese Vorgehensweise einen Wertevergleich, der speziell nach Parteizugehörigkeiten auf Seiten der Politiker und Wahlpräferenzen auf Seiten der Bürger differenzieren kann.

Die herausragende Erkenntnis scheint uns zu sein, dass Bürger und Politiker in völlig unterschiedlichen Wertewelten leben. Die Ergebnisse im Einzelnen sind den beigefügten Tabellen zu den Werten der Parlamentarier, der Bevölkerung sowie der Differenz in Prozentpunkten zwischen diesen beiden Gruppen zu entnehmen (siehe Tabellen 1, 2, 3 der PDF-Version). Als zentrales Ergebnis ragt heraus, dass die Volksvertreter weniger die klassischen, alltäglichen Tugenden präferieren als ihre jeweiligen Wähler, wenn sie nach ihren "fünf wichtigsten Werten" gefragt werden. Auf Seiten der Wähler werden Werte wie Treue, Pünktlichkeit, Freundschaft und Loyalität in den Vordergrund gestellt, die von den Politikern deutlich weniger stark präferiert werden. Dafür betonen Abgeordnete aller Parteien politisch-ideologisch besetzte Begriffe wie Toleranz oder Gerechtigkeit viel stärker, als es dem Bedeutungsempfinden ihrer Wähler entspricht. Die Politiker lieben es offenbar "abstrakt", die Bürger denken in Kategorien von Nähe und Pragmatismus.

Bei der subjektiven Wichtigkeit des Wertes Toleranz sind die größten Differenzen zwischen den Parteipolitikern und ihren Wählern zu sehen, und zwar überraschenderweise über alle Parteien hinweg nach demselben Muster: Es sind jeweils die Parlamentarier, die Toleranz als weitaus wichtiger einschätzen als ihre Wähler. Am deutlichsten sind die Unterschiede bei Politikern der Partei Die Linke. 85% der linken Abgeordneten stufen Toleranz als bedeutsamen Wert ein, während es unter den Wählern nur knapp die Hälfte, 45%, sind. Auch bei SPD, FDP und Grünen besteht noch eine deutliche Differenz von jeweils über 20 Prozentpunkten. Denkbar ist, dass es sich hier um ein Phänomen der politischen Klasse handelt: Parteipolitiker präferieren in ihrer Rolle konventionelle Werte, von denen sie glauben, dass sie in der öffentlichen Wertschätzung hoch angesehen werden. Bürger und Wähler dagegen präferieren eher Alltagswerte, die das unmittelbare menschliche Zusammenleben prägen und bestimmen.

Im Einzelnen sind bei der Wertschätzung der Familie die zweitgrößten Differenzen zwischen Parteipolitikern und deren Wählern zu sehen. Und das über alle Parteien hinweg, nur mit unterschiedlichen Vorzeichen: Bei CDU/CSU-Parlamentariern wird der Wert Familie um 18 Prozentpunkte höher eingeschätzt als bei CDU/CSU-Wählern. Das heißt, dass lediglich 45% der repräsentativ Befragten, die angeben, bei der Bundestagswahl 2009 der CDU/CSU ihre Stimme gegeben zu haben, den Wert der Familie besonders hoch schätzen. Von den Unionsabgeordneten hingegen schätzen 63% diesen Wert hoch ein. Möglich ist auch hier, dass diese Abgeordneten eher in politischen Stereotypen denken, also meinen, den Wert Familie als Konservative deutlich sichtbar vertreten zu müssen.

Bei den Linken und den Grünen ist die Situation umgekehrt. Hier sind es die Wähler, die einen deutlich höheren Wert auf Familie legen als ihre entsprechenden Interessenvertreter. Grüne Abgeordnete scheinen dieses doch eher konservative Wertverständnis ihrer eventuell neuen, bürgerlichen Wählerschichten selbst noch nicht internalisiert zu haben, finden wir doch hier eine Wertedifferenz von knapp 20 Prozentpunkten. Bei den Linken ist diese Diskrepanz mit 23 Prozentpunkten sogar noch deutlicher. Insgesamt aber finden sich Bürger, die Familie als einen der wichtigsten Werte empfinden, immer noch am besten in der Wählerschaft der CDU/CSU wieder.

Auch dem politisch oftmals stark betonten Wert der Gerechtigkeit scheinen die Wähler erheblich weniger persönliche Bedeutung zuzuschreiben als ihre Abgeordneten. Überraschenderweise fällt diese Diskrepanz bei den Parteien und Wählern des linken Spektrums deutlicher aus. Während 96% der Linken-Parlamentarier Gerechtigkeit zu den fünf wichtigsten Werten zählen, folgen dem nur 61% ihrer Wähler. Bei der SPD schätzen diesen Wert nur knapp 54% der sozialdemokratischen Wählerschaft als so bedeutsam ein, gegenüber 78% bei den SPD-Abgeordneten. Auch bei den Grünen beträgt die Differenz knapp 18 Prozentpunkte. Die Gerechtigkeit, der Markenkern aller drei linken Parteien, scheint damit im alltäglichen Leben außerhalb von Wahlkämpfen bei ihrer Klientel weniger relevant zu sein.

Ist diese Wertedifferenz ein Grund für die vielbeschworene Politik- und Politikerverdrossenheit der Bürger? Zwei Erklärungsansätze kommen in Frage. Wenn die Werte von Politikern und Bürgern so stark differieren, so leben sie offensichtlich in unterschiedlichen Bezugssystemen. Mit dem Einstieg in den Politikerberuf entfernt sich die Lebenswirklichkeit vieler Abgeordneter gegenüber den Bürgern so stark, dass sie, jeder für sich, unterschiedliche Wertehierarchien reklamieren.

Ebenso wahrscheinlich wie eine Entfremdung des homo parlamentarius ist die Ursache in der Heterogenisierung der modernen Gesellschaft zu suchen. Soziopolitische Ansätze wie die These vom dealignment weisen auf einen Verlust der sozialen Bindekraft bei Parteien, aber auch Verbänden und anderen zivilgesellschaftlich organisierten Institutionen wie den Gewerkschaften hin. Die Nivellierung gesellschaftlicher Milieus und der Bedeutungsverlust früherer cleavages sind parallele Trends, die eine gemeinsame Wertebasis nicht nur in der Gesamtbürgerschaft, sondern gerade auch in den einzelnen Gesellschaftsgruppen erschweren. Werden die jeweiligen Parteiwählerschaften heterogener, so vergrößern sich die Wertedifferenzen auch gegenüber den sie vertretenden Parlamentariern.

Aber auch eine dritte Interpretation ist möglich: Parlamentarier artikulieren sich zu Werten deutlicher unter dem Aspekt der (vermuteten bzw. in den jeweiligen politischen Milieus erwarteten) sozialen Erwünschtheit. Muss man das negativ sehen? Nicht unbedingt, wenn damit eine bewusste Entscheidung für eine Programmatik verbunden wäre, die den Wählern angeboten wird. In jedem Fall bleibt aber die Feststellung einer deutlichen Entfernung - einer Diskrepanz in den Werten, die nur durch gezielte Kommunikation über das, was als richtig oder falsch gelten soll, zu überbrücken ist. Dass diese Kommunikation von "der" Politik, von jedem einzelnen Politiker, ausgehen muss, steht außer Zweifel.

Fußnoten

3.
Vgl. Ronald Inglehart, The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles among Western Publics, Princeton 1977. Zum World Values Survey vgl. Christian Welzel/Ronald Inglehart/Hans-Dieter Klingemann, The Theory of Human Development: A Cross-Cultural Analysis, in: European Journal of Political Research, 42 (2003), S. 341-379; Ronald Inglehart/Christian Welzel, Modernization, Cultural Change and Democracy, New York-Cambridge 2005.