Auf der Robert-Schuman-Parade in Warschau wird die EU-Flagge getragen.

17.1.2012 | Von:
Dennis Lichtenstein

Auf der Suche nach Europa: Identitätskonstruktionen und das integrative Potenzial von Identitätskrisen - Essay

Konstruktion europäischer Identität in öffentlichen Diskursen

Eine kollektive Identität der EU-Mitglieder impliziert zwar zeitlich konstant bleibende Gemeinsamkeiten zwischen den Staaten, bei näherer Betrachtung verändern sich aber sowohl die Inhalte als auch die Intensität von Identität dynamisch. Was es bedeutet, der EU anzugehören und Europäer zu sein, wird nicht durch Geburt oder die europäische Staatsbürgerschaft determiniert. Die Bedeutung und Verbindlichkeit kollektiver Identität muss erst konstruiert werden und dies geschieht in öffentlich geführter Kommunikation.[7] Vor allem in den Foren der Massenmedien treten verschiedene Akteure aus Politik und Wirtschaft, aber auch Journalistinnen und Journalisten sowie Akteure der Zivilgesellschaft miteinander in einen Diskurs. Entsprechend ihrer beruflichen und lebensweltlichen Erfahrungen und Interessen nehmen sie jeweils unterschiedliche Perspektiven auf die EU ein und deuten europäische Identität auf je eigene Weise. Dabei bietet die EU als eine diffuse Kategorie[8] einer Vielzahl verschiedener und sich zum Teil gegenseitig widersprechender Identitätsdeutungen Raum: Gegründet als eine Gemeinschaft, die den Frieden auf dem Kontinent sichern soll, wird sie heute von vielen als eine politische Wertegemeinschaft betrachtet, die für Demokratie und die Verteidigung der Menschenrechte steht. Pragmatiker hingegen betonen die ökonomischen Vorteile durch den barrierefreien Handel und begreifen die EU im Wesentlichen als einen großen Markt. Demgegenüber beschreiben andere sie als eine "Kulturgemeinschaft" und verweisen dabei auf europaweit verbreitete Güter der Hochkultur und auf historische Interaktionen zwischen den Ländern - beginnend bei Karl dem Großen bis hin zu den Weltkriegen. Die einzelnen Perspektiven auf die EU können die Grundlage sowohl für eine Befürwortung der Integration als auch für eine skeptische Haltung zur EU darstellen.

Im öffentlichen Diskurs werden die unterschiedlichen Deutungen miteinander konfrontiert. Es vollzieht sich ein Deutungswettkampf, in dem die beteiligten Akteure ihre jeweilige Sichtweise auf die EU begründen und durchzusetzen versuchen. Dabei kristallisiert sich - ähnlich dem Prozess öffentlicher Meinungsbildung - eine öffentliche Identität heraus: eine Identität, die kollektiv und öffentlich diskutiert wurde und der Kritik standgehalten hat.[9] Zwar befinden sich die Eliten aus Politik und Wirtschaft aufgrund ihrer größeren Ressourcen und ihrer höheren Fähigkeit, Medienaufmerksamkeit zu generieren, in einer vorteilhaften Position, wenn es darum geht, ihre Deutungen durchzusetzen. Eine positive europäische Identität, die ein belastbares Fundament für Solidarität und Legitimität europäischen Regierens bietet, lässt sich aber nicht einfach von oben verordnen. Das hat nicht zuletzt der gescheiterte Versuch gezeigt, eine europäische Verfassung zu implementieren. Das anspruchsvolle Projekt sollte die europäischen Verträge neu ordnen und eine größere Nähe zwischen der EU und den Bevölkerungen in den Ländern schaffen. Vor allem die ursprünglich mit einer Reihe identitärer Bezüge angereicherte Präambel geriet aber hinsichtlich des Gottesbezugs und der Anlehnungen an die griechisch-römische Antike so lange zum Zankapfel der Regierungen, bis sie auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurecht geschliffen war.[10] In dieser Form verfehlte der Verfassungsvertrag die erhoffte integrierende Wirkung und wurde schließlich in Referenden in Frankreich und den Niederlanden von den Bevölkerungen abgelehnt.

Fußnoten

7.
Die konstruktivistische Perspektive auf kollektive Identität hat sich in der Forschung weitgehend durchgesetzt gegenüber essentialistischen Konzepten, die Identität als stabil ansehen, sich dabei aber den Vorwurf gefallen lassen müssen, Identität als Ideologie zu behandeln. Vgl. Jürgen Straub, Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Begriffs, in: Aleida Assmann/Heidrun Friese (Hrsg.), Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Identität 3, Frankfurt/M. 1998, S. 73-104.
8.
Die EU ist eine Gemeinschaft in ständiger Bewegung mit einem chronischen Mangel an Stabilität. Dies betrifft sowohl Prozesse der Erweiterung, in denen sporadisch immer wieder neue Mitglieder hinzukommen, als auch der Vertiefung, in der die Integration schrittweise auf weitere Politikfelder ausgedehnt wird.
9.
Vgl. Christiane Eilders/Dennis Lichtenstein, Diskursive Konstruktionen von Europa. Eine Integration von Öffentlichkeits- und Identitätsforschung, in: Medien & Kommunikationswissenschaft, 58 (2010) 2, S. 190-207.
10.
Für einen Überblick vgl. die Beiträge in Helmut Heit (Hrsg.), Die Werte Europas. Verfassungspatriotismus und Wertegemeinschaft in der EU?, Münster 2005.