Auf der Robert-Schuman-Parade in Warschau wird die EU-Flagge getragen.

17.1.2012 | Von:
Dennis Lichtenstein

Auf der Suche nach Europa: Identitätskonstruktionen und das integrative Potenzial von Identitätskrisen - Essay

Nationale Vielfalt europäischer Identitätskonstruktionen

Solange der Diskurs über die EU nicht abreißt, bleibt die Konstruktion europäischer Identität im Fluss. Sie unterliegt einem fortlaufenden Prozess, dessen Resultate immer nur auf Zeit Gültigkeit beanspruchen können. Zudem ist es in segmentierten Gesellschaften unwahrscheinlich, dass sich im Diskurs ein einziger Identitätsinhalt durchsetzt, von dem sich alle Gesellschaftsakteure gleichermaßen als Europäer repräsentiert fühlen. Der Prozess öffentlicher Reflexion ist also längst nicht gleichbedeutend mit einer Konsensbildung. Vielmehr können trotz langwieriger öffentlicher Debatten unterschiedliche Identitätsdeutungen in einem reflektierten Dissens nebeneinander bestehen bleiben. Es kann also umstritten bleiben, von welchen Traditionen oder welcher Geschichtsdeutung die EU beispielsweise als eine "Kulturgemeinschaft" zusammengehalten wird und welcher Stellenwert dem Christentum für die Selbstbeschreibung der EU zukommt.

Unterschiede in den Identitätsdeutungen sind innerhalb nationaler Gesellschaften keineswegs unwahrscheinlich und können in Abhängigkeit zur Heterogenität der jeweiligen Gesellschaft stehen. Besonders ausgeprägt ist die Segmentierung innerhalb der EU jedoch zwischen den einzelnen EU-Mitgliedstaaten: Länder sehr unterschiedlicher Größe, ökonomischer Stärke und mit unterschiedlichen Kulturen stehen sich gegenüber. Dass sich in den einzelnen Nationen jeweils eigene Sichtweisen auf die EU entwickelt haben, hat die Forschung bisher hinreichend bewiesen.[11] Die Mitgliedschaft in der EU wird dabei vor dem Hintergrund spezifischer nationaler Erfahrungen interpretiert. So bedeutete die europäische Integration für Deutschland, sich nach den Ereignissen während des Nationalsozialismus' auf internationaler Ebene zu rehabilitieren, für Spanien stellte der Beitritt zur damaligen EG den Schritt aus der nationalen Isolation des Franco-Regimes in Richtung Demokratie und Wohlstand dar - und Großbritannien bekennt sich zwar zu den Vorteilen des gemeinsamen Marktes, distanziert sich aber bis heute von der Idee eines politisch integrierten Europas zugunsten seines Selbstverständnisses als eigenständige, vom Kontinent gesonderte Nation und frühere Weltmacht. Auch die historisch unterschiedlichen Erfahrungen in Ost- und Westeuropa führen zu ganz eigenen Akzentuierungen: Während der Sinn europäischer Zugehörigkeit in den osteuropäischen Ländern oft in der Westbindung, der Nähe zu den USA und in der Emanzipation von Russland gesehen wird, zeigte sich gerade während des Irakkrieges 2003, dass die EU für viele Deutsche und Franzosen die Funktion eines weltpolitischen Gegengewichts zu den USA erfüllen sollte.

Diese Vielfalt wird in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen mittlerweile anerkannt und als postnationale oder kosmopolitische Identität behandelt.[12] Unterschiede werden hier als Bereicherung empfunden. Auf diese Weise lässt sich gerade die Vielfalt innerhalb der EU als ihr identitäres Charakteristikum begreifen. Tatsächlich koexistieren die europäischen Identitäten weitgehend harmonisch. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die unterschiedlichen Deutungen der EU zwischen den Ländern nur selten miteinander konfrontiert werden. In der Absenz europaweiter Medien verdichten sich die Aushandlungsdiskurse über die Identität der EU auf Ebene der nationalen Medienöffentlichkeiten, so dass konkurrierende Deutungen aus anderen Staaten nur begrenzt und vorrangig durch die Selektion und Interpretation einzelner Journalistinnen und Journalisten in die nationale Debatte eindringen. Identifikationen mit der EU basieren so nicht nur auf inhaltlich unterschiedlichen Deutungen, sondern diese sind auch nur begrenzt im europäischen Kollektiv gemeinsam konstruiert. Den einzelnen Staaten ist es auf diese Weise möglich, ihre europäische und ihre nationale Identität miteinander in Konsonanz zu bringen und die eigene Zugehörigkeit zur EU zu bekräftigen. Eine europäische Identität besteht dann in einem Scheinkonsens, der jedoch in der Konsequenz den Zusammenhalt in der EU stärkt.

Fußnoten

11.
Vgl. Juan Díez Medrano, Framing Europe. Attitudes to European Integration in Germany, Spain, and the United Kingdom, Princeton 2003; Martin Marcussen et al., Constructing Europe, The Evolution of Nation-State Identities, in: Thomas Christiansen et al. (eds.), The Social Construction of Europe, London u.a. 2001, S. 101-120.
12.
Vgl. beispielsweise Ulrich Beck/Edgar Grande, Das kosmopolitische Europa. Gesellschaft und Politik in der Zweiten Moderne, Frankfurt/M. 2005.