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17.1.2012 | Von:
Henrike Müller
Ulrike Liebert

Zu einem europäischen Gedächtnisraum? Erinnerungskonflikte als Problem einer politischen Union Europas

Erinnerungsnarrative im "alten Europa" nach 1945

Im Nachkriegseuropa des Kalten Krieges waren die offiziellen Erinnerungsnarrative über die nationalen Erfahrungen mit den nationalsozialistischen und stalinistischen Gewaltverbrechen zunächst "eingefroren", so dass sie den politischen Status quo zu stützten vermochten.[19] Für den öffentlichen Umgang mit "schlimmer Vergangenheit", so Christian Meier, waren zwei Formen verfügbar: entweder das Vergessen zwecks Versöhnung oder das "Unabweisbare" zu erinnern, mit dem Ziel der Identitätsstiftung.[20]

Ein in Westeuropa zentraler Erinnerungskonflikt ist die immer wieder umstrittene Frage, ob der Holocaust als negativer Gründungsmythos für Westeuropa gelten könne. Claus Leggewie etwa hat den Holocaust als den zentralen Kern europäischer Erinnerungen ausgemacht.[21] Ebenso stellt Lothar Probst für die Bundesrepublik Deutschland - gegenüber allen Versuchen, "Auschwitz zu entsorgen"[22] - eine fortbestehende "Holocaustfixierung"[23] fest. Der dieser Fixierung zugrunde liegende affirmative Schulddiskurs sei aber für kommende Generationen wenig sinnstiftend, da bereits derzeit eine wachsende "Diskrepanz zwischen der öffentlich praktizierten Politik (...) und den tatsächlichen Bewusstseinslagen von Teilen der Bevölkerung" zu beobachten sei.[24]

In seiner literatur- und filmwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit "enttabuisierter Erinnerung" an das durch Flucht und Vertreibung erlittene Leid der Deutschen im Zweiten Weltkrieg stellt David Bathrick fest, dass in der deutschen Erinnerungskultur Opfer- und Täterdiskurse pendeln, mit einer Verschiebung hin zu Opfernarrativen und deren Koexistenz mit letzteren.[25] Gilad Margalit macht einen starken Opferdiskurs in den offiziellen nationalen Gedenkkulturen Ost- wie Westdeutschlands aus. Er zeigt, dass anhand des Soldatengedenkens eine Vereinheitlichung von Erinnerungspraxen in beiden Teilen Deutschlands stattgefunden habe. Die politischen Führungen beider deutscher Staaten seien gezwungen gewesen, eine Gedenkkultur zu entwerfen, "die nicht nur die antifaschistischen Kämpfer - im Osten - und die mutigen Männer des 20. Juli - im Westen - sondern zugleich das Opfer der gefallen Soldaten Hitlers und das Leiden der Zivilbevölkerung würdigte".[26]

Auch in Frankreich wurden - gegenüber den zunächst dominanten Opfer- und Widerstandsdiskursen und dem fortlebenden "Résistance-Mythos" - Fragen nach der Mitschuld an den Naziverbrechen heftig diskutiert. Helga Bories-Sawala zeigt, wie die offizielle französische Vergangenheitspolitik trotz Vichy-Kollaboration lange am Bild Frankreichs als eines Landes der Opfer und des Widerstands festhielt, bevor die bereits frühen Aufarbeitungen von Mitschuld in Film und Literatur Anerkennung fanden.[27] Lange mussten Opferverbände verbitterte Kämpfe führen, da die offizielle Erinnerungspolitik eine Hierarchisierung der Opfer in ein Zweiklassensystem vornahm.

Sandra Petermann weist ebenfalls für Frankreich (und Westeuropa) nach, wieweit offizielle Erinnerungspolitiken auf dem Mythos des Opfer- und Heldentums basierten.[28] Am Beispiel der Feierlichkeiten zur Schlacht von Verdun zeigt sie auf, welche Bedeutung dem politischen Ritual der Heldenverehrung als identitätsstiftendem Merkmal zukam. Sie geht davon aus, dass sich die Grande Nation nach dem Zweiten Weltkrieg unter anderem wegen der unrühmlichen Kollaboration mit den Deutschen in einer Krise des Patriotismus befand und der Mythos der Grande Nation daher eines neuen Bezugspunkts - Verdun - bedurfte. Aus zunächst nationalen, patriotischen und anti-deutschen Formen des Gedenkens wurde aber ab 1966 ein deutsch-französisches Ritual, das für die Prinzipien Einheit und Brüderlichkeit stand. Verdun wurde damit zu einem nationalen wie europäischen Mythos, um den Preis einer weitgehenden Ausblendung des Zweiten Weltkriegs.

Diese inner- und transnationalen Debatten spiegeln partiell die Entstehung einer europäischen Erinnerungsgemeinschaft: Des "Opfer-gewesen-Seins" wird in grenzüberschreitend gemeinsamen Ritualen gedacht. Aber kollektive Erinnerungskonflikte innerhalb der westeuropäischen Gesellschaft dauern an und werden durch die Osterweiterung aktiviert.

Fußnoten

19.
Vgl. Tony Judt, Postwar. A History of Europe Since 1945, London 2007.
20.
Vgl. Christian Meier, Das Gebot zu vergessen und die Unabweisbarkeit des Erinnerns. Vom öffentlichen Umgang mit schlimmer Vergangenheit, München 2010.
21.
C. Leggewie (Anm. 6).
22.
Dan Diner 1987, zit. nach: Lothar Probst, Gründungsmythos ex post: Der Holocaust im politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik, in: Vorgänge, (2007) 1, S. 85-93, hier: S. 89.
23.
Die Tageszeitung vom 25.6.1998, zit. nach: L. Probst (Anm. 22), S. 89.
24.
Ebd.
25.
Vgl. David Bathrick, Enttabuisierte Erinnerung? Deutsches Leiden im Zweiten Weltkrieg, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 91-104.
26.
Gilad Margalit, Gedenk- und Trauerkultur im Nachkriegsdeutschland, in: Mittelweg, 36 (2004) 2, S. 76-92. Vgl. auch ders., (Anm. 13).
27.
Wie lange die Vergangenheitsbewältigung herausgezögert wurde, zeigte die erst spät gegebene Anerkennung der Mitschuld an den Deportationen der Juden durch Jacques Chirac im Jahr 1995; vgl. Helga Bories-Sawala, Un passé qui ne passe pas. Täter, Opfer und Erinnerungskonflikte in Frankreich, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 105-126.
28.
Vgl. Sandra Petermann, Globalisierung und politische Identität. Die Weltkriege als mythologischer Ursprung eines vereinten Europas?, in: Johannes Kessler/Christian Steiner (Hrsg.), Facetten der Globalisierung: Zwischen Ökonomie, Politik und Kultur, Wiesbaden 2009, S. 172-185; Dan Diner, Gedächtnisse der Ungleichzeitigkeit, in: Julia Matveev/Ashraf Noor (Hrsg), Die Gegenwärtigkeit deutsch-jüdischen Denkens. Festschrift für Paul Mendes-Flohr, München 2011, S. 321-333.