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17.1.2012 | Von:
Henrike Müller
Ulrike Liebert

Zu einem europäischen Gedächtnisraum? Erinnerungskonflikte als Problem einer politischen Union Europas

Neue Erinnerungskonstellationen im Osten Europas nach 1989

Infolge der EU-Osterweiterung entwickelten die Erinnerungskonstellationen im Osten Europas eine neue Komplexität und Dynamik. Während die kollektiven Gedächtnisse im "alten Europa" zunehmend den Holocaust als gemeinsamen Bezugsrahmen integrierten, gar als negativen Gründungsmythos einer europäischen Verfassung konstruierten, führte die "Vergangenheitsbewältigung" posttotalitärer Gesellschaft in Ost-Ostmitteleuropa zu Konflikten einer völlig neuen Art.

Eine erste Konfliktlinie resultierte aus der zunehmenden Aufdeckung der Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen durch stalinistische beziehungsweise kommunistische Terrorregime.[29] Gábor Halmai zeigt in einer kritischen Auseinandersetzung mit den rechtlichen Regimen des Umgangs mit der kommunistischen Vergangenheit in vier Ländern Zentraleuropas, dass deren Defizite gravierende Auswirkungen auf die demokratische Konsolidierung dieser Gesellschaften nach sich zogen. Trotz der Einführung von Rechtsstaatlichkeit und (formal) demokratischer Institutionen gebe es in Ländern wie Polen, Ungarn, Bulgarien und der Tschechischen Republik noch keinen Konsens über verfassungsmäßige Werte. Das Ausbleiben der juristischen Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen und der kommunistischen Vergangenheit befördere Populismus, Nationalismus, Antisemitismus, Antisäkularismus und nicht zuletzt antieuropäische Gefühle.[30]

Ein weiteres Konfliktpotenzial liegt im Spannungsverhältnis zwischen unterschiedlichen Opferkategorien beziehungsweise der Dekonstruktion von Opferhierarchien, etwa im Verhältnis von Polen und Juden in der polnischen Erinnerungskultur. Karol Sauerland verdeutlicht in seiner Analyse zu Polen die Spannungen zwischen der Tradition der Opfererinnerung und dem vom kommunistischen Regime verordneten Gebot des Vergessens. Letzterem folgend, gab es nach offizieller Lesart in Polen keine Unterschiede zwischen Nazi-Opfern: Alle - Juden und Polen - seien gleichermaßen der "Vernichtung" preisgegeben gewesen. Demgegenüber macht Sauerland in der polnischen Gesellschaft die Koexistenz von vier - mitunter widerstreitenden - Erinnerungsräumen geltend: die Erinnerungstraditionen der Polen im Widerstand gegen zunächst die Deutschen und später gegen die Sowjetunion; die neuerdings aufkommenden und öffentlich debattierten Erfahrungen der Polen als (Mit-)Täter während der deutschen Besatzungszeit sowie der andauernde staatliche Antisemitismus in Polen nach 1945.[31]

Weiterhin trat im Zuge der EU-Osterweiterung die Konkurrenz der beiden großen posttotalitären Vergangenheitsdiskurse zutage. In Bezug auf die Verbrechen des Nationalsozialismus einerseits und des Stalinismus andererseits entstand ein neues Spannungsfeld mit hohem Konfliktpotenzial. Die Konkurrenz dieser beiden "gegenläufigen Gedächtniskulturen", so Dan Diner, liefe letztlich auf den Versuch hinaus, "unterschiedliche(n) Erfahrungen von Leid miteinander abzugleichen".[32]

Schließlich werden die neuen erinnerungspolitischen Konfliktdynamiken an den östlichen Grenzen der Europäischen Union besonders deutlich. In diesem Zusammenhang argumentiert Wolfgang Kissel, dass die neuen EU-Mitgliedstaaten aufgrund ihrer spezifischen Erfahrungen mit der doppelten diktatorischen Unterdrückung eine Erinnerungskultur mit in die EU brächten, die in starkem Maße durch die russische Vergangenheitspolitik geprägt sei. Er sieht, ähnlich wie Galina Michaleva, in den öffentlichen Erinnerungsdiskursen Russlands die deutliche Tendenz, den stalinistischen Terror im Hintergrund zu belassen und die russische Erinnerungspolitik als ruhmreiches Kapitel der "vaterländischen Geschichte" zu erinnern. Solange aber in Russland, so Michaleva, die Mythenbildung über den "Großen Vaterländischen Krieg" vorherrsche, werden weder in Russland noch in den postsowjetischen Staaten Diskurse über Schuldanerkennung oder gar aussöhnende zwischenstaatliche Akte möglich sein, denn erst wenn "in Rußland die Entwicklung in eine andere Richtung geht, dann wird das auch europäische Länder betreffen."[33] Auch Kissels abschließende These fällt eindeutig aus: Im Unterschied zum "alten Europa" werde sich im postsowjetischen Raum der Holocaust nicht als transnationaler Gedächtnisort durchsetzen können.[34] Diese Annahme lässt sich auf Indizien stützen, dass in einigen postsowjetischen Staaten die Verleugnung des Holocaust zunimmt.[35]

Ein weiterer Teil des europäischen Erinnerungsraums, der (fast) ohne Erinnerungen an Holocaust und Stalinismus auskommt, aber starke Opfernarrative umschließt, ist der Balkan. Zunehmend gerät dieser ins Erkenntnisinteresse unterschiedlicher Disziplinen. So stellt Yvonne Pörzgen in ihrer literaturwissenschaftlichen Analyse fest, dass Wahrheiten und Identitäten sich verfestigen, wenn bestimmte Erinnerungen nur oft genug wiederholt würden. Für den Balkan gelte: Identität ist die Summe dessen "was ich nicht bin", die größte gefühlte Gemeinsamkeit aller Balkan-Gruppen sei das Gefühl des Anders- und Opferseins.[36] Welche schwierigen transnationalen Erinnerungsdiskurse sich in der jüngeren europäischen Geschichte zeigen, machte im vergangenen Jahr das eröffnete Gerichtsverfahren gegen Ratko Mladi deutlich. Für die "Mütter von Srebrenica" sollte nicht nur Mladi, sondern auch die UN-Blauhelme vor Gericht stehen.[37] Am Massaker von Srebrenica (1995), aber auch am Beispiel der strategischen Massenvergewaltigungen im Kosovo lassen sich schließlich Mechanismen von Scham und Beschweigen herausarbeiten. Janna Wolff und Charlotte Bruun Thingholm zeigen unter Einbeziehungen umfangreicher Forschungen zu sexueller Gewalt in Kriegen an den Folgen gezielter Massenvergewaltigungen, wie gesellschaftszerstörend diese wirken. Besonders deutlich werden geschlechtsspezifische Ausprägungen in Erinnerungskonflikten in schambesetzten traditionellen Gesellschaften. Hier sind multiple Konfliktkonstellationen zu bewältigen - zwischen Opfern und Tätern, vor allem aber zwischen den Opfern: den zumeist weiblichen Vergewaltigungsopfern und deren Ehemännern, Vätern und Brüdern.[38]

Fußnoten

29.
Vgl. Stephane Courtois et al., Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror, München-Zürich 1997; Victor Zaslavsky, Klassensäuberung. Das Massaker von Katyn, Bonn 2008.
30.
Vgl. Gábor Halmai, Dealing with the Past in the Context of Post-totalitarian Societies in East Central Europa, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 183-200.
31.
Vgl. Karol Sauerland, Polen und Juden innerhalb der polnischen Erinnerungskultur, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 59-70.
32.
D. Diner (Anm. 11).
33.
Galina Michaleva, Vergangenheitsbewältigung als Voraussetzung für die Modernisierung Russlands, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 47-58; Maya Krille/Anne-Sophie Behm, "Jede Nation sollte ein wenig selbstkritischer sein". Interview mit Galina Michaleva, in: IES-Projektzeitung, 2011, online: www.memories.uni-bremen.de/
files/2011/08/5_Zeitung_Michaleva.pdf (3.1.2012).
34.
Wolfgang Stephan Kissel, An den östlichen Grenzen der Europäischen Union: Erinnerungskonflikte im postsowjetischen Raum, in: ders./U. Liebert (Anm. 10), S. 31-46.
35.
Vgl. M. Krille/A.-S. Behm (Anm. 33).
36.
Vgl. Yvonne Pörzgen, Vielfalt ohne Einheit: Identitätskonstruktionen in Ex-Jugoslawien, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 71-90.
37.
Vgl. Merle Neubauer/Willem-Paul de Gast, Srebrenica in Den Haag, in: IES-Projektzeitung, 2011, online: www.memories.uni-bremen.de/files/
2011/08/13_Zeitung_Srebrenica.pdf (10.1.2012).
38.
Vgl. Janna Wolff/Charlotte Bruun Thinghom, Lieber sterben als reden - Kriegsvergewaltigungen als Ursache für Erinnerungskonflikte am Beispiel Kosovo, in: W.S. Kissel/U. Liebert (Anm. 10), S. 201-226.