Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Doris K. Gamino

Annäherung an ein unbekanntes Land - Essay

Java: Kulturelles und politisches Zentrum

Das Archipel erstreckt sich über mehr als 5000 Kilometer zwischen dem indischen Ozean im Westen, dem südchinesischen Meer im Norden und dem Pazifik im Osten. Während die Bewohner Papuas im Osten nur einen Steinwurf von der Nordküste Australiens entfernt sind, kann der Besuch der Hauptstadt mehrere Tagesreisen - Fußmärsche und Schiffspassagen eingeschlossen - erfordern. Aber nicht nur räumlich ist man weit voneinander entfernt: Mehr als 300 verschiedene Ethnien mit je eigenen Kulturen, Wertesystemen, Weltsichten, Eigenarten, Erinnerungen, Visionen und je kollektiver Geschichte bevölkern das Archipel. Entsprechend babylonisch ist auch die Verständigung: Obwohl fast alle Indonesier neben ihrer Regionalsprache die Einheitssprache Bahasa Indonesia beherrschen und damit zweisprachig sind, werden landesweit zwischen 250 und mehr als 800 Sprachen gesprochen, davon allein rund 500 zum Teil gravierend unterschiedliche Sprachen und Dialekte auf Papua.

Den Indonesier gibt es nicht. Indonesien ist ein Land größter Gegensätze. Das Spektrum reicht von der hinduistisch geprägten und in Teilen stark verwestlichten "Ferieninsel" Bali bis zur streng islamischen autonomen Provinz Aceh im Norden Sumatras. Doch wer Indonesien verstehen will, muss zuallererst Java verstehen. Denn das, was auch von vielen Indonesiern häufig für urindonesisch gehalten wird, ist tatsächlich javanisch. Die Insel ist Wiege und Kinderstube des Landes, ihre Kultur ist seit Jahrhunderten prägend. Neben Bali ist sie die landwirtschaftlich fruchtbarste Insel des Archipels und bildet sein politisches, kulturelles und wirtschaftliches Herz. Javaner sind die Entscheidungsträger und Inhaber der wichtigsten Positionen in Politik, Militär und Verwaltung. Dass die damit einhergehenden Bevorzugungen nicht überall goutiert werden, liegt auf der Hand. Zudem mehren sich Befürchtungen, dass die staatlich geförderte Javanisierung letztendlich die Auslöschung der anderen Kulturen und Ethnien und ein vollständig assimiliertes Indonesien zum Ziel habe.

Obwohl Java nur rund sieben Prozent der gesamten Landesfläche einnimmt, leben mit 130 Millionen mehr als die Hälfte der 240 Millionen Indonesier dort, gut ein Zehntel davon allein im Großraum Jakarta. Die Fruchtbarkeit der Insel haben schon die Vorfahren der heutigen Javaner erkannt, die vor etwa 5000 Jahren als malaiische Einwanderer kamen. Diese brachten zwei wesentliche Fähigkeiten und Neuerungen mit: die Nassreiskultur und den dafür unerlässlich hohen Grad an Gemeinschaftsorganisation - gotong royong, ein System gegenseitiger Unterstützung (genauer: des gemeinsamen Tragens einer Last), das noch heute als einer der Grundpfeiler javanischer Ethik gilt.

Die sogenannte hinduistisch-buddhistische Epoche auf Java begann nach unserer Zeitrechnung um das Jahr 100, erreichte ihre Blüte mit den buddhistischen Reichen Sri Vijaya und Sailendra sowie dem hinduistischen Mataram und Majapahit-Reich und endete unter zunehmendem islamischem Einfluss im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts. Während dieser Zeit waren Hinduismus und Buddhismus mit dem ursprünglichen animistischen Glaubenssystem der Neu-Javaner zu einem Weltbild ohne Absolutheitsanspruch verschmolzen, aus deren Systemen sich jeder nach seinen Bedürfnissen "bediente". Auch wenn sich ab dem 12. Jahrhundert zunächst die Herrscher und später auch die Bevölkerung formal zum Islam bekannten, spielte er bis ins 18. Jahrhundert im täglichen Leben keine große Rolle, sondern wurde, wie die spirituellen Lehren zuvor, in das bestehende Weltbild integriert. Die frühe javanische Gesellschaft kennzeichnete eine flache Hierarchie innerhalb der Gemeinschaft, in der die Stellung einer Person an ihrem Beitrag zum Gemeinwohl bemessen wurde. Am Ende der hinduistisch-buddhistischen Periode stand eine stark hierarchisch geprägte Klassengesellschaft, die sich in eine reiche und gebildete höfische Elite auf der einen Seite und die ungebildete Landbevölkerung auf der anderen teilte.


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